Überzeugungsarbeit am Wahlkampfstand: SPD-Kandidat Frank-Tilo Becher in einem Gespräch.
+
Überzeugungsarbeit am Wahlkampfstand: SPD-Kandidat Frank-Tilo Becher in einem Gespräch.

Oberbürgermeisterwahl

„Tilo ohne h“ – mit dem SPD-Kandidaten zur OB-Wahl in Gießen unterwegs

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
    schließen

Wer wird ab Dezember neuer Oberbürgermeister der größten Stadt in Mittelhessen sein? Diese Frage müssen die Wähler spätestens am 24. Oktober beantworten. Vor dem ersten Wahlgang am 26. September haben wir die drei Kandidaten, die das Rennen um den Chefsessel im Rathaus unter sich ausmachen werden, im Wahlkampf begleitet. Einer von ihnen ist Frank-Tilo Becher von der SPD.

Gießen – Er ist auf die Schippe genommen worden. Aber ein Grund, schlechtgelaunt in den Tag zu starten, ist das nicht. Hellwach und fröhlich kettet Frank-Tilo Becher sein E-Bike vor dem Haus im Burggraben an, in dem er gleich ein Gespräch mit Jens Ihle, dem Geschäftsführer des Regionalmanagements Mittelhessen, führen wird.

Natürlich hat Becher schon gehört, dass seine Wahlplakate in der ARD-Satiresendung Extra3 am Vorabend veräppelt worden sind, weil sein Name gleich viermal darauf steht. Einem Oberbürgermeisterkandidaten, der aus der aktuellen Wahlwerbungsflut irgendwie herausragen muss, kann eigentlich nichts Besseres passieren. Vor dem Superwahlsonntag am 26. September geht es nämlich auch und vor allem darum, erst einmal auf sich aufmerksam zu machen. Mit seinen Plakaten scheint das Becher gelungen zu sein. Marketingprofi Jens Ihle gebraucht in diesem Zusammenhang schmunzelnd den Fachbegriff »Penetration«.

Der Besuch beim Regionalmanagement ist kein Format, das dem Besucher Penetranz abverlangt. Hier ist der Kandidat in erster Linie Zuhörer und Informationsbeschaffer. Anders sieht das bei Hausbesuchen oder am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone aus. Hier muss der Kandidat auf die Leute zugehen – immer wieder.

Wahl des Oberbürgermeisters in Gießen: SPD-Kandidat bekannt durch Pfarramt

Becher kann das und muss keine gute Miene zum schwierigen Spiel machen. Wer sich auf ein Gespräch mit ihm einlässt, den nimmt er schnell für sich ein. Abweisende Reaktionen überspielt er mit einem Witz und bleibt freundlich. Dass er gut mit Menschen umgehen kann, weiß Becher: »Die direkte Kommunikation ist sicherlich eine Stärke von mir«.

Wer mit dem jungenhaft wirkenden 58-jährigen Landtagsabgeordneten unterwegs ist, hat nicht den Eindruck, dass Unbekanntheit sein Problem ist. »Sie kenne ich: Sie sind der Tilo ohne h«, ruft eine Frau, der Becher am Wahlkampfstand vor der Schlammbeiser-Figur seinen postkartengroßen Kandidaten-Steckbrief in die Hand drückt. Das gilt erst recht für ein »Heimspiel« wie beim »Wischmob« in der Nordstadt, wo Becher zwischen 1994 und 2002 Pfarrer der evangelischen Paulusgemeinde war. Dass das heute noch eine große Rolle spielen könnte, hatte er eigentlich »abgehakt«. Aber er ist als Seelsorger und Zeremonienmeister offenbar noch präsent. Sätze wie »Sie haben meine Tochter getraut« oder den »Sie haben meinen Enkel getauft«, höre er auch am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone. »Taufen, Trauungen oder Beerdigungen sind existenzielle Momente für Familien, an die man sich erinnert«, lautet seine Erklärung, während er vor seiner früheren Kirche Kronkorken und Zigarettenkippen vom Bürgersteig kratzt.

Eine Heimkehr ist das nicht. Denn Becher, der drei Kinder hat und mit Pfarrerin Jutta Becher verheiratet ist, wohnt bis heute in der Nordstadt und fühlt sich dem Stadtteil, den er neuerdings mit Hundefreundin »Lisbeth« durchstreift, »verbunden«.

Sein Blick fällt auf die Sport- und Freizeitanlage schräg gegenüber in der Reichenberger Straße, auf der sich an diesem schönen Spätsommerabend viele Jugendliche tummeln. An der Umplanung des Geländes sei er beteiligt gewesen, erinnert sich Becher. Als Pfarrer in einem Stadtteil, um dessen Stabilität sich die Kommunalpolitik seit rund 30 Jahren bemüht, lernt man die administrativen und politischen Strukturen kennen. Becher muss man den Unterschied zwischen Bauordnungs- und Planungsamt ebensowenig erklären wie die Wohnbau oder die Aufgaben des Stadtmarketings. Politisch war der spätere Dekan der evangelischen Kirche in Gießen also schon als Gemeindepfarrer.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: SPD-Kandidat seit 2017 in der Partei

Parteipolitisch entschieden indes hat er sich erst 2017 für die SPD. Die Umstände seines Parteieintritts haben nicht jedem im Stadtverband gefallen, da Becher vom damaligen Unterbezirks- und Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel geworben wurde, um die Nachfolge von Gerhard Merz als Landtagsabgeordneter anzutreten. So jedenfalls wird es erzählt. Ein derartiger Quer- und Steileinstieg in eine Partei, in der man sich zum lukrativen Landtags- oder Bundestagsmandat in der Regel hocharbeiten muss, gefällt nicht jedem. Aber diese Stimmen verstummten spätestens im Oktober 2018, als es Becher auf Anhieb gelang, das wichtige Landtagsmandat für die SPD zu verteidigen.

Danach ging es unerwartet schnell. Nach den Rückzügen von Schäfer-Gümbel und Matthias Körner war er plötzlich - neben dem Europaabgeordneten Udo Bullmann - der einzige Abgeordnete der Gießener SPD und wurde dann auch noch ihr Kreischef. Nun ist er überdies zum Rettungsanker geworden, um eines der wichtigsten kommunalpolitischen Ämter, das es in Hessen zu vergeben gibt, für die Genossen zu sichern.

Becher sieht seine Kandidatur gleichwohl nicht als Feuerwehreinsatz im Dienste seiner Partei, sondern als seine eigentliche Bestimmung. Falls er Druck verspürt, lässt er sich den nicht anmerken. In der SPD sind einige der Meinung, dass er bessere Voraussetzungen für das Oberbürgermeisteramt mitbringt als Dietlind Grabe-Bolz vor zwölf Jahren. An die »100 Prozent Gießen«, mit denen die quirlige Rathauschefin in ihren Wahlkämpfen für sich warb, kommt aber auch er nicht ran.

Wahl des Oberbürgermeisters in Gießen: Die Rolle des Außenstehenden zum Vorteil nutzen

Am Wahlkampfstand vor dem Schlammbeiser saugt Becher die Alltagserfahrungen der Leute auf, um sie auf den vielen Podien als Argumente einzusetzen. Zwei Mütter mit Kinderwagen beschweren sich über die lange Wartezeiten für Fußgänger an den »Drückampeln« in der Marburger Straße. »Bevor wir gehen dürfen, müssen wir vier Grünphasen der Autos abwarten«, sagt die eine. »Die Leute verzweifeln an den Fußgängerampeln«, wird er später bei einer Online-Debatte über Verkehrspolitik sagen.

Dass Becher kein Mandat im Stadtparlament hat, ist nicht unbedingt ein Nachteil. Als Außenstehender kann er sich - bis zu einem gewissen Punkt - als neutraler und kritischer Beobachter geben. So wie beim Gespräch im Regionalmanagement, wo er gegenüber Geschäftsführer Jens Ihle vorsichtig durchblicken lässt, dass ihm die Gießener Politik zu selbstbezogen ist und er sich mehr Verständnis für die regionalen Zusammenhänge wünschen würde.

Ebenso vorsichtig formuliert er Kritik daran, dass die Stadtverwaltung die Bürgernähe, die ihm so vorschwebt, erst noch erreichen muss. Glaubhaft verständnislos reagiert er auf die Sprachlosigkeit, die in den letzten Jahren im hauptamtlichen Magistrat geherrscht hat. Eine Schuldzuweisung nimmt er nicht vor - auch unter vier Augen nicht. Der Umgang, den die Hauptamtlichen miteinander gepflegt haben sollen, ist ihm einfach fremd.

Noch weniger fremd als ohnehin wird er vielen Gießenern sein, wenn der Kampf ums Rathaus - spätestens am Abend des 24. Oktober - beendet sein wird. »Egal, wie es ausgeht: Die meisten werden meinen Namen dann richtig schreiben«, sagt Tilo ohne h und lacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare