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Tiernotdienst in Not

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Von: Christine Steines

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Sabine Tacke am Eingang der Uni-Tierklinik. Die Klingel für den Notdienst sollte dringenden Fällen vorbehalten sein. © Oliver Schepp

Nicht nur die Notdienste für den Menschen sind überlastet, auch die Versorgung von Haustieren wird immer schwieriger. Niedergelassene Tierärzte können die Bereitschaft oft aus personellen Gründen nicht stemmen, sodass Tierbesitzer auf Kliniken ausweichen. Diese haben jedoch zunehmend Probleme, die steigenden Patientenzahlen zu bewältigen.

Es ist der Albtraum jedes Tierhalters. Der Hund hat eine Magendrehung. Wenn ihm nicht innerhalb der nächsten Stunden geholfen wird, stirbt er. Die Haustierärztin hat keine Wochenendbereitschaft, die diensthabende Kollegin betreibt ihre Praxis weit entfernt vom Wohnort, in der privaten Tierklinik läuft eine Bandansage, dass wegen Überlastung niemand ans Telefon gehen kann. Prof. Sabine Tacke, seit November letzten Jahres Präsidentin der Landestierärztekammer Hessen, kennt viele solcher Geschichten. »Die Notdienstversorgung ist überall in Deutschland ein großes Problem«, sagt sie. Der Fachtierärztin für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie sowie Fachtierärztin für Chirurgie an der Veterinärklinik der Universität ist die Not mit dem Notdienst auch aus dem eigenen Haus vertraut. Auch dort bringt der steigende Patientenandrang die Kollegen an ihre Grenzen. Einer der Gründe für die Überlastung ist - genau wie in der Notfallversorgung des Menschen - dass die Klinik nachts und am Wochenende aufgesucht wird, obwohl es sich eigentlich nicht um einen Notfall handelt. Die »Bagatellfälle«, die sehr gut auch am nächsten Tag verarztet werden könnten, sorgen hier wie dort für Verzögerungen bei der Behandlung. Doch dies ist nur ein Teil der komplexen Ursachen. Das Hauptproblem sind wie in vielen anderen Branchen die fehlenden personellen Ressourcen.

Die meisten Landestierärztekammern schreiben in ihren Berufsordnungen gemäß der Heilberufegesetze vor, dass Tierärzte nachts und an Feiertagen/Wochenenden einen Notdienst sicherstellen müssen. Gemeint ist damit eine ortsnahe Anlaufstelle für eine Erstversorgung von Notfällen.

Wunsch nach Work-Life-Balance

Die Veterinäre sind nicht verpflichtet, selbst rund um die Uhr präsent zu sein, sie müssen aber eine Versorgung organisieren. Dies erfolgt meist über einen Notdienstring, zu dem sich Praxen aus Eigeninitiative zusammenfinden. Dies klappt, so Tacke, in Hessen recht gut. Problematisch wird es, wenn Praxen aus dem Modell aussteigen. Dann müssen die verbliebenen Kollegen einspringen, und es wird immer schwieriger, alle Zeiten abzudecken. In seltenen Fällen verhängt die Landestierärztekammer wegen solcher Verstöße Ordnungsgelder.

Tacke weiß nur zu gut, wie schwer es für die Kollegen ist, eine Praxis wirtschaftlich zu führen. Durch die Notdienste verdienen die Inhaber der Praxen zwar mehr, doch gleichzeitig müssen sie laut Arbeitszeitrecht ihre Angestellten für die geleistete Zeit an einem der Folgetage freistellen, was wiederum dazu führt, dass sie in den Sprechzeiten fehlen.

Die Situation ist für die niedergelassenen Haustierärzte ein Problem, doch erst recht für die »tierärztlichen Kliniken«. Diese müssen nämlich laut Richtlinien der Landestierärztekammer einen Notdienst rund um die Uhr anbieten. Als vor rund 20 Jahren immer mehr private Kliniken entstanden, wurde dies von den Haustierärzten mit gemischten Gefühlen gesehen: Die Kliniken mit ihren spezialisierten Angeboten waren für die Haustierärzte Konkurrenz und Entlastung zugleich. Inzwischen können diese »Tierkrankenhäuser« jedoch wegen der prekären Personalsituation das 24/7-Modell nicht aufrechterhalten. Derzeit geben im ganzen Land Kliniken den Status zurück, weil sie keine Mitarbeiter finden, die bereit sind, nachts und an Wochenenden zu arbeiten. »Das Thema Work-Life-Balance spielt auch bei uns eine große Rolle«, sagt Tacke. Eine Herausforderung der Zukunft müsse es sein, mehr Tiermediziner durch gute Rahmenbedingungen und angemessene Bezahlung dazu zu motivieren, im Job zu bleiben. Attraktiv sei das Studium der Veterinärwissenschaften nach wie vor, es gebe an der Universität deutlich mehr Bewerber als Studienplätze. Doch die idealistische Vorstellung vieler junger Leute habe nichts mit dem anstrengenden Job in Praxis oder Stall zu tun, sodass viele dem Beruf nicht treu blieben.

Ein Beitrag, um die Situation in den Notdiensten zu entschärfen, ist nach Ansicht der Fachtierärzte die richtige telefonische Einschätzung der Patienten. Wie überall in der Notfallmedizin, gelte die Triage. Das in der Pandemie zu trauriger Berühmtheit gelangte Prinzip bedeutet Priorisierung nach Dringlichkeit. Der Hund mit der Magendrehung kommt sofort auf den OP-Tisch, während der vierbeinige Kollege mit dem Zeckenbiss noch warten muss.

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