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Thomas Dombrowski bewirbt sich um das Oberbürgermeisteramt.

Oberbürgermeisterwahl Gießen

Der Überraschungskandidat: Thomas Dombrowski will neuer OB in Gießen werden

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Er hat keine Partei hinter sich, kein Wahlkampf-Budget und keinen Internet-Auftritt. Thomas Dombrowski ist der Überraschungskandidat bei der Oberbürgermeisterwahl am 26. September in Gießen.

Gießen – Mit Achtungserfolg und Zünglein an der Waage darf man ihm nicht kommen, wenn man mit ihm über seine Ziele spricht. »Ich will gewinnen, weil ich meine Vorstellungen umsetzen will«, sagt Thomas Dombrowski. »Thomas wer...?« lautete am Abend des 19. Juli die Frage, als das Wahlamt der Stadt bekannt gab, wer Oberbürgermeister in Gießen und damit Nachfolger der langjährigen Rathauschefin Dietlind Grabe-Bolz werden will. Vier Namen waren vor Ablauf der Bewerbungsfrist bekannt, an dem besagten Montagabend im Juli kam ein fünfter dazu: Thomas Dombrowski aus Pohlheim.

Seitdem hatte sich der Überraschungskandidat rar gemacht. Die Suchmaschine Google spuckte Angebote von Schauspieler- und Synchronsprecher-Agenturen mit einem Foto aus, 2013 hat er in einem Tatort mitgespielt. »Das ist mein Hobby, das mache ich nebenbei«, sagt der 47-jährige unverheiratete Einzelhandelskaufmann im GAZ-Gespräch am Berliner Platz.

Dombrowski spürt die Skepsis, die einem begegnet, der ganz allein auf weiter Wahlkampfflur unterwegs ist: »Ich bin kein Fantast und auch kein Selbstdarsteller«. Wenn man ihn nach seiner Motivation fragt, sich im Alleingang um das Oberbürgermeisteramt einer 90 000-Einwohner-Stadt zu bewerben. kommt er gleich zur Sache. »In Gießen liegt einiges im Argen. Im sozialen Bereich gibt es viele Schwierigkeiten«, sagt er. Das sei seine Wahrnehmung vor der Bewerbung gewesen und habe sich bestätigt, als er Unterstützterunterschriften gesammelt habe - am Rathausvorplatz, am Norma-Markt in Wieseck oder im Eichendorffring. Eine alleinerziehende Mutter habe ihm von Konflikten mit dem Jugendamt berichtet, mehrfach hätten sich junge Eltern über einen Mangel an Kita-Plätzen beklagt, das Schicksal von Obdachlosen sei für ihn eine »Herzensangelegenheit«. Andere Unterbringungskonzepte, die von den Betroffenen auch angenommen würden, müssten her. »Mit Hund kommen die in die Heime nicht rein«, weiß Dombrowski.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: Dombrowski tritt als Einzelkämpfer an

Der Kandidat bezeichnet sich als »parteiloser Einzelkämpfer«. Korrekt wäre eher parteiunabhängig, denn Thomas Dombrowski ist CDU-Mitglied. »Passiv«, wie er betont. 2006 hat er bei der Kommunalwahl für den Ortsbeirat in seinem Heimatort Grüningen kandidiert, mit der Partei habe er im Grunde nichts mehr zu tun. Die CDU sei abgewichen von ihren früheren Idealen, findet Dombrowski und erwähnt die Geschäfte einiger Unionsabgeordneter mit Mundschutzmasken. »Die großen Parteien sind bürgerfern geworden«, lautet sein Urteil.

Wenn der OB-Kandidat mit CDU-Parteibuch über Altersarmut, Wohnungsnot oder seinen geplanten Besuch bei der Gießener Tafel spricht, hört er sich an wie ein Linker. »Ich bin sozial eingestellt, aber ich bin kein Linker«, widerspricht Dombrowski. Früher war er als städtischer »Hüttenwart« für die Grillhütte auf der Grüninger Warte zuständig. Eine schöne Aufgabe mit vielen zwischenmenschlichen Begegnungen sei das gewesen. Er stehe für »alte Werte wie Ehrlichkeit und Zielstrebigkeit«, erklärt Dombrowski.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: Kandidat übt Kritik am Zustand der Sporthallen

Kommunale Infrastruktur ist für ihn ebenfalls ein wichtiges Thema. Bei einer Podiumsdiskussion des Sportkreises mit den OB-Kandidaten kritisierte Dombrowski den Zustand vieler städtischer Sporthallen und Bürgerhäuser. »Ich habe mich schon gewundert, welche Verbesserungsvorschläge von den anderen Kandidaten kamen. Warum haben die vorher nichts gemacht? Die hatten da oben doch sechs Jahre Zeit, die Dinge zu verändern«, sagt er und zeigt auf die Glasfassade des Stadtverordnetensitzungssaals im Rathaus.

Als Zeitungsleser zeigt sich der Umlandbürger informiert über das Stadtgeschehen. Aufgeregt hat sich Dombrowski zum Beispiel über die Gebühren, die Gastronomen für ihre Außenwerbung zahlen sollen: »Die sind durch Corona doch genug belastet«. Bei einem Ortstermin in Rödgen, zu dem er von der Bürgerinitiative eingeladen worden war, habe er wahrgenommen, dass viele Bürger gegen das Baugebiet »In der Roos« seien. »Warum hat man da vorher keine Umfrage gemacht und die Bereitschaft der Bevölkerung abgefragt?«, fragt der Kandidat.

Oberbürgermeister-Kandidat Dombrowski will mehr Fairness in Gießens Straßenverkehr

Auch die verkehrspolitischen Debatten hat Dombrowski verfolgt und hält den Ausbau von Radwegen grundsätzlich für richtig. »Ich habe aber mit Busfahrern gesprochen. Für die sind immer mehr Radwege in der Innenstadt ein Problem, weil sie Angst haben müssen, einen Radfahrer zu übersehen«, meint Dombrowski und wünscht sich »gegenseitige Fairness« im Straßenverkehr.

Die Frage nach den Zuständigkeiten, die er als direkt gewählter Oberbürgermeister übernehmen würde, hält Dombrowski für verfrüht. Noch offen ist auch, was die rund 65 000 wahlberechtigten Gießener vom Überraschungskandidaten in den nächsten Wochen überhaupt wahrnehmen werden. Plakate und eine Präsenz in den sozialen Medien schließt er aus, über einen Kandidaten-Flyer fürs »persönliche Gespräch« denkt er noch nach.

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