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Kosten beim Tierarzt steigen: Tierärzte müssen sich nicht rechtfertigen

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Von: Christine Steines

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Gute Gesundheit bei Haustieren kann schnell teuer werden. Die neue Gebührenordnung für Tierärzte macht die Situation nicht besser – ist aber dringend notwendig.

Gießen – Tierhaltung ist teuer. Die tierärztliche Versorgung sollte bei der Anschaffung von Hund, Katze oder Kaninchen bedacht werden. Das ist aber nicht immer der Fall. Oft kommen Tierhalter durch eine Erkrankung des Lieblings in Finanznot. Dies sei zweifellos ein Problem, aber nicht den Tierärzten anzulasten, sagt Prof. Sabine Tacke, Präsidentin der Landestierärztekammer.

Niemand käme auf die Idee, einen Orthopäden, Augenarzt oder Hausarzt darum zu bitten, aus Menschenfreundlichkeit auf eine Bezahlung zu verzichten oder nur die Hälfte zu berechnen. Aber jeder Tierarzt kennt diesen Wunsch. »Sind Sie denn nicht tierlieb?«, fragen Tierbesitzer oft, wenn es ans Bezahlen geht. »Doch, das sind wir, sehr sogar«, sagt Prof. Sabine Tacke, die Präsidentin der Landestierärztekammer. Das eine habe jedoch mit dem anderen nichts zu tun. Tierärzte erbrächten eine Leistung, und dafür müssten sie angemessen bezahlt werden.

Neue Gebührenordnung für Tierärzte: Längst überfällig, aber schlechtes Timing

Sie wehrt sich dagegen, dass die Kollegen in Kliniken und Praxen sich rechtfertigen müssen, dass sie ihre Praxis wirtschaftlich führen, Mitarbeiter bezahlen und ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. »Es ist keineswegs so, dass die niedergelassenen Kollegen sich auf Kosten ihrer Patienten eine goldene Nase verdienen«, betont die Oberärztin am Gießener Klinikum für Veterinärmedizin. Tatsache sei vielmehr, dass in der neuen, seit November 2022 geltenden Gebührenordnung für Tierärzte die gestiegenen Energiepreise und die Inflation nicht berücksichtigt seien. Dass die Neuregelung ausgerechnet in Zeiten extrem hoher Preissteigerungen erfolgte, sei unglücklich. »Aber sie ist längst überfällig, wir warten schon seit zehn Jahren darauf«, sagt Tacke. Sie wünscht sich, dass mehr Tierhalter sich vor der Anschaffung eines Tieres über die Kosten Gedanken machen.

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Spritze für ein Kätzchen. Ist das Haustier krank, kann die Behandlung teuer werden. FOTO:ASTAKHOVA/PANTHERMEDIA © Red

Seit der Besuch beim Tierarzt teurer ist, gibt es Kritik. Tierschützer befürchten, dass deutlich mehr Menschen als bisher ihre Tiere nicht mehr versorgen lassen oder sie gar ins Tierheim bringen. Der Bauernverband klagt, dass die Landwirte in Bedrängnis kommen.

Die Sorgen, sagt Tacke, seien sicher in vielen Fällen berechtigt, doch klar sei, dass nicht die Tierärzte die Adressaten sein könnten. Hinsichtlich des Tierschutzes sieht sie zum Beispiel die Kommunen in der Pflicht, die Versorgung von Fundtieren angemessen sicher zu stellen; in der Landwirtschaft seien es die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die eine ökonomische Tierzucht ermöglichen müssten. »Es kann nicht angehen, dass Tierärzte zu Sündenböcken für diese Fehlentwicklungen gemacht werden.«

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cg_Sabine_Tacke_240123_4c © Christine Steines

Gießen: Gebührenordnung soll Wettbewerb zwischen Tierarztpraxen verhindern

In vielen der insgesamt 544 Kleintierpraxen Hessens läuft der Betrieb geräuschlos. Die Patientenbesitzer reagieren überwiegend mit Verständnis, sagt Tacke. Die Zahl der Tierhalter, die ihre Rechnung nicht oder nur nach Mahnung zahlen, war bei Tierärzten schon immer hoch, sie wird aber in Zukunft möglicherweise weiter steigen. »Wir erwarten, dass auch der Wunsch nach Ratenzahlungen häufiger geäußert wird«, sagt Tacke. Dem werde natürlich entsprochen. Die Gebührenordnung für Tierärzte ist zuletzt 1999 geändert worden, Schon 2012 hatte die Bundestierärztekammer eine strukturelle Reform gefordert, in der z. B. moderne bildgebende Verfahren wie MRT und CT oder die komplexe Narkoseüberwachung stärkere Berücksichtigung finden.

Das zuständige Bundesministerium für Landwirtschaft reagierte aber erst vor kurzem - und zum Bedauern der Tierärzteschaft ohne die Entwicklung der letzten zehn Jahre zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass die Reform schon jetzt von der Realität überholt wurde. Die Gebührenordnung hat das Ziel, für Transparenz zu sorgen und einen Wettbewerb über den Preis zu verhindern. Den Veterinären ist es nicht gestattet, den definierten einfachen Gebührensatz zu unterschreiten. Sie haben jedoch Spielräume nach oben und können je nach Aufwand der erbrachten Leistung zwei- oder dreifache Sätze berechnen, im Notdienst sind es zwei- bis vierfache Sätze. (Christine Steines)

Um Tierheime zu entlasten, sollte in Gießen zweijährige Steuerbefreiung für Tierheimhunde eingeführt werden. Der Vorschlag stieß nicht überall auf Zustimmung.

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