Ein Leben ohne Geige ist möglich, aber sinnlos: Kirill Troussov. FOTO: BORGGREVE
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Ein Leben ohne Geige ist möglich, aber sinnlos: Kirill Troussov. FOTO: BORGGREVE

Teufelsgeiger mit Herz

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Die Saiten schnalzen, der Bogen bebt. Kirill Troussov mag es im Stadttheater auch mal "schmutzig". Ein ganzer Kerl an der Violine.

Schon beim ersten Thema ist der Teufelsgeiger sofort in seinem Element. Kirill Troussov fegt durch Felix Mendelssohn Bartholdys berühmtes Violinkonzert e-Moll, dass es eine helle Freude ist. Er geht dynamisch in die Vollen, die Läufe wirken immens schnell, technisch ausgereift, die heiklen Wendungen und Doppelgriffe strotzen vor Saft und Kraft.

Troussov, nach 2018 mit seiner Interpretation von Alban Bergs Violinkonzert am Dienstag zum zweiten Mal im Stadttheater zu Gast, findet seinen eigenen Rhythmus, dem das Orchester folgt. Der 37-Jährige reißt die Saiten scharf an und mag es auch mal "schmutzig" - ein unerhörter Vorzug, der im akkuraten Solistengewerbe mit seiner bisweilen aalglatten Perfektion vielen Künstlern leider beizeiten abhandenkommt.

Gassenhauer als Zugabe

Auf seiner Stradivari mit dem Namen "Brodsky" aus dem Jahr 1702 (benannt nach dem Geiger Adolph Brodsky) rollt Troussov in den drei miteinander verwobenen Sätzen einen gleichermaßen virilen wie eleganten Klangteppich aus. Der Schmelz des Instruments beeindruckt und geht zu Herzen. Das Publikum jubelt.

Als Zugabe serviert der Maestro unter der Pizzicato-Begleitung der Streicher zu einer neapolitanischen Melodie Paganinis Violinvariationen "Il carnevale di Venezia", bei uns besser bekannt als Gassenhauer "Mein Hut, der hat drei Ecken". Noch einmal beweist der Virtuose feinste Fingerfertigkeit.

Schon bevor er offiziell in den kommenden beiden Spielzeiten seine Funktion als Generalmusikdirektor wahrnimmt, hat Florian Ludwig beim siebten Sinfoniekonzert im Großen Haus als Dirigent vorab die Gelegenheit, sein Faible für die Romantik auszuleben.

Neben Mendelssohn Bartholdy schickt er das Philharmonische Orchester Gießen mit Werken von Carl Maria von Weber und Richard Wagner ins Rennen (das Konzertprogramm geht noch auf das Konto von Ludwigs Vorgänger Michael Hofstetter).

Zum Auftakt erklingt die Ouvertüre zum "Freischütz", mit dessen Uraufführung von Weber 1821 die Epoche der Romantik auf der deutschen Opernbühne einläutet. Als Landschaftsmaler in Schottland versucht sich Mendelssohn Bartholdy nach der Pause in seiner Konzertouvertüre "Die Hebriden". Im Programmheft findet sich dazu fälschlicherweise ein Text über den deutschen Komponisten Rudi Stephan, der am Abend nicht auf dem Spielplan steht. Seit dem Musentempel am Berliner Platz die Musikdramaturgen abhandenkommen, häufen sich die redaktionellen Fehler.

Noch vor der Pause erklingt Richard Wagners selten gespielte Sinfonie Nr. 1 C-Dur, die der spätere Gesamtkunstwerker mit nur 19 Jahren vollendete. Hörbar ist hier Wagners Idol Beethoven, der heuer seinen 250. Geburtstag feiert und somit, wenn auch nur indirekt, im Stadttheater gewürdigt wird. Der zweite Satz erinnert stark an das schönste Allegretto der Sinfoniegeschichte, an das aus der Siebten des Bonner Giganten. Wagner hat nach seiner ersten Sinfonie, die kaum der Rede wert ist, einige weitere Versuche in dieser Gattung in Angriff genommen - alles blieb Fragment.

Das Orchester spielt bis auf einen verschlafenen "Freischütz"-Beginn unter Ludwigs Dirigat eindringlich und konzentriert auf. Vorzüglich gelingen die Tempi, ebenso die Lautstärkeabstufungen mit ihren Übergängen. Besonders im Tutti bereitet das Orchester große Freude.

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