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Die meisten Fahrgäste in Gießen halten sich an die Maskenpflicht. FOTO: SCHEPP

Corona-Verordnung

Test: Busfahrt mit Maske in Gießen

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Das Vermummungsgebot in Bussen und Bahnen besteht seit Ende April. Halten sich die Gießener an diese Regel? Wir sind mitgefahren.

Die junge Frau mit der Lederjacke und der eng anliegenden Jeans hat das Beste aus der Situation gemacht. Die wahnsinnig dichten schwarzen Haare sind so frisiert, dass die Maske vor dem Mund fast schon als Accessoire durchgeht. Dabei ist es kein selbstgeschneiderter Schutz, sondern einer der Marke 0815. Die Frau sitzt nachmittags in der Linie 5 Richtung Marktplatz. Einige Haltestellen weiter steigt eine Freundin ein. Sie trägt keine Maske - obwohl sie seit Ende April Pflicht ist in Bussen und Bahnen. Die Schwarzhaarige blickt kurz hoch und macht sofort ein Zeichen: Mit dem Finger malt sie vor ihren Mund ein Rechteck. Die Freundin versteht, holt ihre Maske aus der Handtasche und zieht sie auf.

Die Corona-Pandemie verändert den Alltag. Was beispielsweise in Asien Standart ist, ist nun auch in Deutschland ein Muss. Das Tragen von Masken zum Beispiel ist mehr als nur eine Lockerungsübung in Sachen Hygiene und gegenseitiger Rücksichtnahme. Es wird zur Pflicht, wenn immer mehr Menschen wieder unterwegs sind, weil die Beschränkungen langsam wieder aufgehoben werden. Gerade in Bussen, wo die Abstandsregel nicht gilt, weil 1,50 Meter Distanz in der Realität des öffentlichen Nahverkehrs nun mal illusorisch ist. Selbst, wenn der Bus nur zur Hälfte gefüllt ist.

Pullover über Nase

In der Linie 1 von Kleinlinden nach Rödgen: Alle Fahrgäste, die hier im Bus sitzen, tragen eine Maske oder einen Schal. Ein Junge mit dem Pullover eines heimischen Fußballvereins hat diesen über die Nase gezogen. Auch das ist erlaubt. Hauptsache vermummt. An der Haltestelle Schubertstraße steigt eine ältere Frau ein. Sie ist die erste, die keine Maske trägt. Schnell geht sie in den hinteren Bereich zu einen Platz, auf dem sie mit dem Rücken zu den übrigen Fahrgästen sitzen kann. Niemand reagiert. Das ändert sich auch nicht, als die Frau mit den auffälligen Schuhen mit Raubtiermuster an der Johanneskirche aussteigt.

Als Stadt und Stadtwerke (SWG) vor dem Beginn des Präsenzunterrichts an den Schulen auf den veränderten Fahrplan hinwiesen, nahmen sie auch Stellung zur Maskenpflicht. Würden die Busfahrer Fahrgäste stehen lassen, wenn sie keine Maske tragen, wollte die Presse wissen. Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und die SWG-Nahverkehrs-Verantwortliche Anne Müller-Kreutz betonten, es sei nicht Aufgabe der Busfahrer, die Maskenpflicht zu überwachen, geschweige denn durchzusetzen. Wie sollen sie das auch, wenn sie durch eine Plane von den Fahrgästen getrennt sind? Die beiden Frauen unterstrichen vielmehr die Bedeutung der sozialen Kontrolle.

Nachfrage bei den Stadtwerken: Wie sieht es 14 Tage nach der Pressekonferenz aus? "Im Großen und Ganzen sind die Erfahrungen sehr positiv", sagt SWG-Sprecherin Ina Weller. "Die Menschen sind diszipliniert und halten sich an die Maskenpflicht." Es gebe aber durchaus "die eine oder andere Beschwerde von Fahrgästen", dass sich nicht alle daran halten und somit andere gefährden würden. "Wir wollen deshalb noch mal betonen, dass das Tragen von Schutzmasken nicht nur von unserer Landesregierung verordnet ist, sondern dass uns unsere Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber dies vorgibt", sagt Weller.

Kalter Kaffee

Die etwa dreistündige Busfahrt in unterschiedlichen Linien kann nur eine Stichprobe sein und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. An jenem Nachmittag halten sich in den Bussen jedoch fast alle Fahrgäste an die Maskenpflicht. Sogar die, bei denen man sicher ist, dass sie absolut keine Lust darauf haben. Zum Beispiel der Mann, der mit seinem Coffee-to-go-Becher in den Bus schlurft. Doch auch er nippt erst an seinem Getränk, als er wieder ausgestiegen ist. Lieber ein kalter Kaffee als eine kalte Dusche.

Denn die kann es durchaus für die geben, die keine Maske tragen. Ein Student erzählt, er habe kürzlich einer Gruppe von Jungs die Meinung gegeigt, weil sie eben keine Maske getragen hätten. "Mit einem 1,90 Meter großen Typen wie mir haben die sich nicht angelegt", erzählt er und lacht. Für seine Ansage habe er Applaus von einem anderen Fahrgast bekommen. Generell beobachte er gerade bei einigen Jugendlichen eine gewisse Sorglosigkeit. Und das mache ihm Sorgen.

Linie 2 vom Eichendorffring Richtung Bahnhof: Ganz hinten sitzt im noch ziemlich leeren Bus ein blondes Mädchen, das sich eher Sorgen um ihr Äußeres macht: Lange, künstliche Fingernägel, die Wimpern überlang, beobachtet sie ganz genau, ob sie beobachtet wird. Als immer mehr Menschen einsteigen, kramt der Teenager in der Handtasche und zieht sich die Maske auf. Es sieht etwas kompliziert aus, wie sie das macht. Aber am Ende hat sie es geschafft. Und die Wimpern sind dabei auch noch heil geblieben.

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