Intendantin Cathérine Miville muss das Stadttheater ab Montag wieder einen Monat lang für Besucher schließen.	FOTO: SCHEPP
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Intendantin Cathérine Miville muss das Stadttheater ab Montag wieder einen Monat lang für Besucher schließen. FOTO: SCHEPP

Kultur und Corona

Tausende Tests nutzen Gießens Theater nichts

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Für Orte, wo Menschen sich in ihrer Freizeit treffen, gilt nun der »Lockdown«. Auch das Stadttheater Gießen muss schließen. obwohl die Mitarbeiter über 2300 mal auf Corona getestet wurden.

Seit Beginn der Spielzeit Anfang September wurden im Stadttheater insgesamt 2365 Corona-Tests bei den mehr als 250 Mitarbeitern und Gästen durchgeführt. Viele wurden und werden mehrfach bzw. regelmäßig getestet. Nur wer ein aktuelles, negatives Testergebnis vorweisen kann, kommt im Bühnenbetrieb zum Einsatz. Der Turnus der Tests ist dabei sehr individuell und an die Aufgaben der jeweiligen Mitarbeiter oder Gäste gekoppelt. Positive Tests waren nach Kenntnis der Theater-Pressestelle bislang keine dabei.

Das Frankfurter Unternehmen Centogene hatte dem Philharmonischen Orchester des Stadttheaters zu Beginn kostenlose Tests angeboten. Die Kosten für die anderen Tests werden von Stadt und Landkreis übernommen. Zur Höhe dieser Kosten macht das Stadttheater zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben.

Gießen: Theater als »sicherer Ort«

Ein enormer Aufwand wurde also betrieben, um den Theaterbetrieb und die Vorstellungen vor Publikum am Stadttheater zu ermöglichen. Doch nun ist damit wegen des bundesweiten »Lockdowns« - vorerst ganz sicher im November - erst einmal Schluss.

Landauf, landab schimpfen Theaterintendanten über den Lockdown und die Schließung ihrer Häuser im November. »Wenn die Kultur, die sich nichts hat zuschulden kommen lassen, als allererste bluten muss, dann ist das schon emotional schwer verständlich«, meint etwa Thalia-Chef Joachim Lux aus Hamburg. Die Theater zu schließen, sei »unsinnig«, schimpft Kassels Intendant Thomas Bockelmann. Es sei nicht nachvollziehbar, »dass man in Deutschland ohne Platzreservierung Zug fahren kann, aber die Theater nicht mehr bespielt werden dürfen.«

Miville: »tragfähiges Hygienekonzept« für Theater in Gießen

Auch am Stadttheater Gießen empfinden viele Mitarbeiter die erneute Schließung als »Katastrophe«, betonen etwa auf ihren privaten Facebook-Accounts, dass sie sich aktuell »nirgends sicherer im öffentlichen Raum« fühlen würden als im Theater und verweisen auf ein »durchdachtes Hygienekonzept« und häufige Corona-Tests.

Intendantin Cathérine Miville, die mit ihrem Team in den letzten Monaten unter »erheblichem Mehraufwand« ein »tragfähiges Hygienekonzept« erarbeitet hatte, hält sich in ihrem offiziellen Statement bedeckter. Am Theater werde man von allen Seiten gefragt, was die Schließung für das Theater bedeute. »Aber wir denken, das ist nicht die entscheidende Frage. Viel wichtiger ist: Was bedeutet es für all die Menschen, die seit August Zumutungen und Einschränkungen in Kauf nahmen, flexibel auf Terminverschiebungen reagierten, sich in den Theatergängen an Abstandsregelungen hielten, um dann mit Mundschutz in Theatervorstellungen und Konzerten zu sitzen.« Sie würden sich durch diese Entscheidung »vermutlich genauso wenig als umsichtige Menschen, die verantwortungsvoll mit der komplexen Situation umgehen, respektiert fühlen, wie viele Theaterschaffende.« Schließlich sehe man, »was rund um uns passiert oder eben leider gerade nicht passiert, nicht nur in der Bahn oder nach Schulschluss an Busstationen.« Am Theater wäre man froh, wenn man eine Chance hätte, »wirklich zum Rückgang der Corona-Fallzahlen beitragen zu können. Darauf, dass wir durch den Ausfall aller Vorstellungen im November einen sinnvollen Beitrag leisten, vertrauen wir jedoch in keiner Weise. Leider«, betont Miville.

Gießen: Chor und Orchester stark reduziert

Am Stadttheater hat man in den vergangenen Monaten, natürlich auch schon im Probenbetrieb vor der Spielzeiteröffnung im September, alles daran gesetzt, dass das Theater mit Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter und Besucher unter Pandemie-Bedingungen arbeiten und öffnen kann. So wurden beispielsweise die Mitglieder der Tanzcompagnie zweimal wöchentlich auf Corona getestet. Seit sie Training wieder aufgenommen haben, achten sie auf großen Abstand und separate Trainingszeiten. Im Ballettsaal markierte Bereiche auf dem Boden dürfen nicht übertreten werden und so mancher Passant im Katharinenviertel wird sich über die Klaviermusik aus dem Ballettsaal gefreut haben, denn trainiert wird bei geöffneten Fenstern. Und natürlich wurden Choreografien angepasst und Solostücke entwickelt.

Gießen: Maskentragen hinter der Bühne

Auch im Musiktheater kam niemand ohne negativen Test auf die Bühne. Die Zahl der an Aufführungen Beteiligten wurde beschränkt, insbesondere Chor und Orchester stark reduziert. Denn Abstandhalten ist im engen Bühnenbereich und dem Orchestergraben des Stadttheaters kaum möglich. Auf dem Spielplan stehen speziell konzipierte und arrangierte Fassungen für kleine Orchesterformationen.

Im Schauspiel achtete das Regieteam darauf, dass beispielsweise beim Überreichen von Gegenständen, wie etwa einem Koffer im »Schmachtigallen«-Stück, Handschuhe getragen wurden. Intime Szenen, wie eine Liebesszene in »Erinnya«, wurden gleich mit viel Zwischenraum konzipiert. Abstand beim Schlussapplaus, dauerhaftes Maskentragen in allen Bereichen des Theaters, auch in den Werkstätten und hinter der Bühne - auf all das hat man penibel geachtet.

Und auch das Publikum bekam die Auswirkungen des Hygienekonzepts deutlich zu spüren. Nur für wenige Veranstaltungen gab es Karten im freien Verkauf, um Abonnementen und Gutscheininhaber aus der im März abgebrochenen Saison bevorzugt zu berücksichtigen. Die reduzierte Zuschauerzahl - maximal 100 statt bis zu 550 im Großen Haus, ein knappes Dutzend im taT statt der sonst 100 - wurde auf farblich gekennzeichnete Areale verteilt. Nur wer in einem Hausstand lebt, dürfte beieinander sitzen, ansonsten blieben zwischen den Zuschauern zwei Plätze frei. Ohnehin dürfte nur jede zweite Reihe genutzt werden.

Theater in Gießen: Schließung trotz Konzept nicht verhindert

Selbst für eintrittsfreie Veranstaltungen mussten Zuschauer vorab Karten online reservieren, damit im Falle einer Ansteckung eine Nachverfolgung der Infektionskette möglich gewesen wäre. Zuschauer mussten dauerhaft Masken tragen und wurden vor Vorstellungsbeginn persönlich in Empfang genommen und zu ihren Sitzplatzbereichen geleitet. Zum Lüften blieben Türen und Fenster auch während einer Vorstellung geöffnet und auf Pausen, Catering im Foyer oder Garderoben wurde vorsichtshalber verzichtet. Um das Einhalten der Abstände zu erleichtern, hatte das Stadttheater an Ein- und Ausgängen sowie in den Treppenhäusern eine Einbahnstraßenregelung festgelegt.

»Theater haben meiner Meinung nach aktuell die sichersten Hygienekonzepte«, meint ein Mitglied aus dem Schauspielensemble. Doch eine Schließung im November-»Lockdown« hat auch das nicht verhindern können. Leider.

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