Weit und fast leer: Der Bahnhofsvorplatz. FOTO: CG
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Weit und fast leer: Der Bahnhofsvorplatz. FOTO: CG

Von Tauben, Adlern und dem Weltfrieden

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Für sofort, für später, für mich, steht auf der Fensterscheibe. Bockwurst gibt es für zwei Euro, Hot Dogs für 1,50. Kurz vor zwölf ist der Imbiss leer, fast jedenfalls. Ein Fensterputzer gönnt sich eine Pause, sonst ist der gepflegte kleine Laden verwaist. Das gilt fast für den gesamten Bahnhofsvorplatz, an den Bussteigen warten nur wenige Fahrgäste, und nur vereinzelt stehen Busse bereit, um Menschen ins Kreisgebiet zu transportieren. Frühmorgens und am späten Nachmittag sieht es hier anders aus, Schüler, Studierende und Pendler eilen aus und zu Bussen und Bahnen. Einige Reisende streben dem Haupteingang zu, bevor sie im Gebäude verschwinden, wird schnell noch die Maske korrekt über die Nase gezogen.

Ohne die Menschenmengen fällt die Weite des Platzes auf. Einst heiß ersehnt, dann heftig kritisiert, inzwischen längst Alltag. Zwei Beamte der Bundespolizei schlendern langsam über den Platz, für sie gibt es gerade nicht viel zu tun. Auch das sieht oft ganz anders aus. Aus dem Thai-Imbiss klingt psychedelische Musik herüber, oder kommt die doch aus einem der drei Taxis im Wartestand? Aus der Ferne tönt ein Martinshorn, von den Gleisen erklingt eine Stimme: "Auf Gleis zwei hält Einzug…". Neben der historischen Treppe stehen zwei Bahnmitarbeiter in orangefarbenen Westen. Sie schweigen und rauchen. In den Beeten blühen die letzten Rosen, die Stauden sehen vom Herbstwind und dem Regen der letzten Tage zerzaust aus.

Ein paar Meter weiter und oben auf der Treppe qualmt es ebenfalls. Zwei junge Frauen teilen sich ein Brötchen und eine Kippe. Jede trinkt ein Red Bull dazu.

Flügel haben sie noch keine, da sind die Tauben im Vorteil, die pickend und nickend umherlaufen. Viel zu fressen finden sie allerdings nicht, der Platz ist picobello sauber, es gibt weder Brotkrümel noch Dönerreste. Peace in the world, steht auf der einen Seite des Mauerrestes mitten auf dem Platz. Never again, auf der anderen. Weltfrieden. Ein so großer und seit ewigen Zeiten unerfüllter Wunsch.

Ein Streifenwagen passiert den Platz. Die Wartenden an den Bussteigen schauen kaum hoch, alle sind mit ihren Smartphones beschäftigt. Aufmerksamer schauen die Tauben herüber, die sich auf dem Hotel Adler niedergelassen haben. Tauben statt Adler. Friedens- statt Stärkesymbol. Wenn man wollte, könnte man etwas hineininterpretieren und eine Verbindung zum Mauerrest finden. Oder man nimmt es als das, was es ist. Ein Zufall. (cg)

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