"Taten zeugen von erheblicher Rohheit"

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Gießen(se). Gefährliche Körperverletzung ist ein Delikt, das stets eine Haftstrafe nach sich zieht, vor allem dann, wenn Vorstrafen bestehen. So verurteilte das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Gießen unter dem Vorsitz von Maddalena Fouladfar am Dienstag einen 19-Jährigen aus dem Kreisgebiet zu einer Jugendfreiheitsstrafe von drei Jahren, weil dieser in den frühen Abendstunden des 20. April 2019, also am Karsamstag, mit einem weiteren Mann auf dem Gelände der Gießener Max-Weber-Schule zwei Personen durch Tritte und Schläge zum Teil schwer verletzt hatte. Außerdem hatte sich der Teenager durch das Entwenden eines Mobiltelefons, das er auf den Boden geschlagen hatte, einer weiteren Straftat schuldig gemacht. In das Urteil eingeflossen ist unter anderem auch die Beteiligung an einer Schlägerei an der Liebigschule bzw. am Uni-Hauptgebäude im Juli 2019. Dafür waren in der Vorwoche bereits zwei weitere junge Männer verurteilt worden (die GAZ berichtete).

Zum Geschehen am Karsamstag letzten Jahres machte der Angeklagte keine Angaben. Er ließ durch seinen Verteidiger, Rechtsanwalt Christoph Fockenberg, lediglich verlauten, dass er nicht mit einem Hammer zugeschlagen hatte. Dieses Werkzeug hatte eine 38-jährige Frau aus Wetzlar ins Spiel gebracht. Sie hatte den Hammer zuvor auf einem Kleinflohmarkt für den Eigenbedarf erworben, wie sie aussagte, und später gesehen, wie der Angeklagte mit dem Schlagwerkzeug in der Hand ausholte, um, so befürchtete sie, auf ihren 41-jährigen Begleiter einzuschlagen. Die Beweisaufnahme ergab, dass ein Schlag mit dem Hammer wohl nicht erfolgt sei, möglicherweise, weil der 19-Jährige von seinen Bekannten daran gehindert worden war.

Aber auch die Frau kam nicht ungeschoren davon. Sie und ihr Begleiter, der ebenfalls als Zeuge aussagte und dabei aus der Haft vorgeführt werden musste, hatten sich auf dem Schulhof niederlassen wollen, um sich zu unterhalten, waren aber dabei in einen Disput mit mehreren jungen Männern geraten, der ausartete. Die 38-Jährige erhielt nach Überzeugung des Gerichts vom Angeklagten einen Tritt in die Rippengegend. "Ich hatte mehrere Tage lang Schmerzen", berichtete die Wetzlarerin, die noch heute unter dem Vorfall leidet. So sei sie nachts mit Angsträumen wach geworden, außerdem habe sie im Schlaf mehrfach nach der Polizei gerufen, und zwar so laut, dass Nachbarn tatsächlich die Polizei alarmierten.

Nasenbein und Finger gebrochen

Noch schlimmer erwischte es ihren Begleiter, der sich schützend vor die Frau gestellt hatte, nach Schlägen und Tritten aber zu Boden gegangen war. Auch danach setzten, so die Zeugen, der Angeklagte und seine Begleiter die Attacken fort. Der 41-Jährige erlitt dabei eine Fraktur des Nasenbeins, einen Fingerbruch sowie massive Blutergüsse und Schürfwunden im Gesicht und am Hinterkopf. Er musste noch drei Monate nach der Tat medizinisch betreut werden. Da der Mann in der JVA Butzbach einsitzt, war diese Betreuung dort gewährleistet.

Überführt wurde der Angeklagte durch seine DNA-Spuren an einem am Tatort gefundenen Plastikbecher sowie an dem von ihm entwendeten und später teilzerstörten Handy. Die Ermittler richteten das Telefon wieder so weit her, dass die von der Geschädigten gemachten Aufnahmen verwendet werden konnten und einen Beitrag zur Überführung des Täters leisteten.

Ausgesprochen viel Mühe gab sich Staatsanwalt Mike Hahn bei seinem Plädoyer, stufte dabei die mit dem "beschuhten" Fuß vorgenommene Körperverletzung als "gefährlich" ein und sprach sich für eine Bestrafung nach dem Jugendstrafrecht aus. "Zum Erwachsensein, da fehlt noch etwas", sagte der Anklagevertreter, sah aber auch positive Ansätze und empfahl dem Angeklagten, die Lehre zum Maler und Lackierer abzuschließen. "Ihr Leben, mit Ausnahme der Straftaten, ist in Ordnung", sagte Hahn und forderte angesichts der großen Zahl der Gewaltdelikte in den vergangen vier Jahren (sieben an der Zahl) eine Jugendfreiheitsstrafe von drei Jahren. Die Verteidigung hatte auch unter dem Hinweis auf die "positive Entwicklung in der U-Haft" zwei Jahre für ausreichend erachtet. Wichtig sei aber auf jeden Fall, dass der 19-Jährige seine Probleme mit Alkohol und Drogen sowie der niedrigen Hemmschwelle bei Anwendung von Gewalt in den Griff bekomme.

"Ihre Taten zeugen von erheblicher Rohheit und sind menschenverachtend", warf die Richterin dem jungen Mann vor, der sich vor Gericht zu den Taten nicht geäußert hatte. "Sie können sich gern durch Schweigen verteidigen", erklärte sie, "aber es kommt nicht so gut an". Immerhin hatte der Angeklagte in seinem Schlusswort festgestellt: "Ich bedaure das." Und das klang dann irgendwie nach einem Schuldeingeständnis.

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