Tanzverbot

Tanzverbot in Gießen: Ulenspiegel wollte neue Wege gehen - Doch kein Heidenspaß am Osterfest

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Gegen das Tanzverbot an Karfreitag regt sich seit Jahren Protest. Viele Menschen halten die Regelung für nicht mehr zeitgemäß. Dazu gehört auch Ulenspiegel-Chef Tobias Bach.

Tobias Bach hatte es im vergangenen Jahr angekündigt: Sollte das umstrittene Gesetz, das unter anderem für Karfreitag ein Tanzverbot vorsieht, nicht geändert werden, werde er für seinen Club Ulenspiegel neue Wege gehen. Bach hat Wort gehalten. Auf der Internetseite der Kultkneipe ist für Freitag eine "Heidenspaß-Party" angekündigt. Allerdings prangt in dicken roten Lettern das Wort "Untersagt" auf der Einladung. "Das Ordnungsamt hat meinen Antrag abgeschmettert", sagt der Gastronom. Somit ist es auch den Besuchern des Ulenspiegel nicht erlaubt, an Karfreitag zu tanzen. Genau wie in den meisten anderen Clubs des Landes.

Hessen hat bundesweit mit die strengsten Regelungen in Sachen Tanzverbot. Besonders strikt ist es für die sogenannten stillen Feiertage gefasst, worunter auch der Karfreitag fällt. Von 0 Uhr an sind laut Gesetz jegliche öffentliche Tanzveranstaltungen verboten. Beim Abspielen von Musik ist auf den ernsten Charakter der Feiertage Rücksicht zu nehmen. Kirchenvertreter und andere Befürworter verweisen darauf, dass Ostern eine besondere religiöse Bedeutung habe. Es passe nicht zusammen, ausgelassen zu tanzen an Tagen, die dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi gewidmet seien.

Vor allem junge Menschen halten diese Regelung für nicht mehr zeitgemäß. Zu den Kritikern gehören auch viele Gastronomen, schließlich ist der Freitag für sie einige wichtige Einnahmequelle. Aber nicht nur wegen der finanziellen Einbußen hat Bach einen Weg gesucht, das Tanzverbot zu umgehen. Ihm geht es auch ums Prinzip: "Ich wollte deutlich machen, dass ich dieses Gesetz für veraltet halte." Und so meldete er bei der Stadt eine sogenannte Heidenspaß-Party an.

Tanzverbot am Karfreitag: Aktion zuerst in Bayern

Der Ursprung dieses "atheistischen Gottesdienstes mit Tanz" liegt in Bayern. Der Bund für Geistesfreiheit München hatte im Jahr 2007 solch eine Feier geplant, scheiterte aber an den Ordnungsbehörden. Die Giordano-Bruno-Stiftung klagte daraufhin, die Sache ging bis zum Bundesverfassungsgericht. Die Richter in Karlsruhe kamen zu dem Schluss, dass solche Feiern in Ausnahmefällen zu gestatten sind, da das weltanschauliche Wirken einer anerkannte Weltanschauungsgemeinschaft durch das Grundgesetz besonders geschützt sei.

Die Weltanschauung sollte auch im Ulenspiegel nicht zu kurz kommen. "Es hätte per Video einen heidnischen Tanzsegen gegeben. Ich habe ausreichend Informationsmaterial von humanistischen Einrichtungen besorgt, und die Gäste hätten durch den Zutritt erklären müssen, dass sie keinen christlichen Glauben haben", sagt Bach.

Doch der Stadt reichte das nicht, sie lehnte den Antrag ab. "Ich nehme das zur Kenntnis. Immerhin hat sich die Stadt bei der Beantwortung viel Mühe gemacht", sagt Bach und betont, dass das Schreiben volle sechs Seiten umfasst habe. Auch gegenüber dieser Zeitung spricht Bürgermeister Peter Neidel ausführlich über die Gründe der Untersagungsverfügung: "Nach der derzeitigen Ausgestaltung der angemeldeten Veranstaltung gab es auch unter Berücksichtigung der maßgeblichen bundesverfassungsgerichtlichen Rechtsprechung hierzu keine Alternative." Das Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde sei zum selben Schluss gekommen, teilt Neidel mit und betont, dass die von Bach angemeldete Feier nicht mit jener vergleichbar sei, die das Bundesverfassungsgericht behandelt habe.

Tanzverbot am Karfreitag: Kontrollen durch Ordnungsamt

Gerade die Ankündigung einer Veranstaltung mit Musik und Tanz, die nicht den ernsten Charakter des Karfreitags entspreche, zeige, dass offensiv gegen die ausdrücklich vom Gesetzgeber gewollte Regelung zum Umgang mit den stillen Feiertagen verstoßen werden solle, sagt Neidel. Er kündigt an, dass das Ordnungsamt die Einhaltung des Verbots kontrollieren werde – nicht nur im Ulenspiegel. "Die Schutzwürdigkeit der Feiertage, insbesondere des Karfreitags, wie sie explizit im Hessischen Feiertagsgesetz zum Ausdruck gebracht wird, ist höher zu bewerten als das persönliche Vergnügen am Tanz", urteilt der Bürgermeister.

Bach sieht das anders, er will sich aber an das Verbot halten. "Die Tanzfläche bleibt geschlossen, es gibt auch keinen DJ", kündigt der Ulenspiegel-Chef an. Im kommenden Jahr werde er zudem auf die Organisation einer Heidenspaß-Party verzichten. "Dafür ist Gießen wohl zu christlich geprägt." Seine Kritik hält er jedoch aufrecht: "Das Tanzverbot schränkt die persönliche Freiheit der Menschen ein", findet Bach und fügt an: "Jeder kann sich an Karfreitag mit Freunden treffen und hemmungslos besaufen, aber man darf sich nicht rhythmisch zu Musik bewegen? Das ist doch lächerlich."

Zusatzinfo

Tanzverbot nicht nur Karfreitag

Neben den Sonntagen sieht das Feiertagsgesetz an 15 weiteren Tagen Einschränkungen für Clubs und Discos vor. Für Hessen gilt neben dem Karfreitag auch am Karsamstag rund um die Uhr völlige Ruhe. An Ostersonntag und -montag sowie an Christi Himmelfahrt, den beiden Pfingstfeiertagen, Fronleichnam, den beiden Weihnachtsfeiertagen und Neujahr dürfen von 4 bis 12 Uhr keine Tanzveranstaltungen stattfinden. An Gründonnerstag vor Ostern, dem Volkstrauertag sowie an Totensonntag gilt das Verbot von 4 bis 24 Uhr. Am Heiligabend gilt von 17 bis 24 Uhr ein Tanzverbot.

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