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Über die kostenlose Bereitstellung von Tampons wurde im Stadtparlament diskutiert. (Symbolbild)

Hygieneprodukte

»Menstruationsarmut«: Bald kostenlose Tampons in Gießen?

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Laut einer Studie gibt eine Frau mehr als 21.000 Euro in ihrem Leben wegen ihrer Periode aus. Ein Vorschlag im Stadtparlament fordert jetzt zumindest kostenlose Tampons.

Gießen – Die Frauen hörten interessiert zu, vielen Männern war spürbar unbehaglich. Es war ein ungewöhnlicher Auftritt, den die Stadtverordnete Andrea Junge von der PARTEI am vergangenen Donnerstagabend im Stadtparlament hinlegte. Freimütig schilderte Junge ihren Alltag als »Mensch mit Menstruationshintergrund«, um ihren Antrag auf kostenlose Bereitstellung von Tampons und Binden in allen öffentlichen Einrichtungen der Stadt Gießen zu begründen.

»Menstruationsarmut« sei für bestimmte Bevölkerungsgruppen ein relevantes Problem, erklärte Junge. Die Menstruation sei im Alltag mit Einschränkungen verbunden und führe so zu einer »Ungleichheit der Geschlechter«. Die kostenlose Bereitstellung von Tampons und Binden könne wenigstens für einen finanziellen Ausgleich sorgen, argumentierte die Vertreterin der PARTEI.

Kostenlose Tampons in Gießen: Schottland Vorreiter gegen »Menstruationsarmut«

So abseitig, wie das Thema »Menstruationsarmut« von einigen Fraktionen offensichtlich wahrgenommen wurde, ist es keineswegs. In einigen Ländern wurde darauf bereits reagiert. Am weitesten ist man in Großbritannien, wo eine Studie zu dem Thema durchgeführt wurde. Danach gibt eine durchschnittliche Frau in ihrem Leben umgerechnet mehr als 21.000 Euro für ihre Periode aus - Schmerzmittel, Extra-Schokolade und neue Unterwäsche allerdings eingerechnet. 40 Jahre lang, fünf Tage im Monat habe eine Frau im Schnitt ihre Periode. Sie blute damit etwa sechseinhalb Jahre ihres Lebens, rechneten die Forscher vor. Schottland gilt mit einem millionenschweren Förderprogramm als Vorreiter gegen die »Periodenarmut«.

Auch in Deutschland setzten sich Prominente wie die Sängerin Lena Meyer-Landrut und die Moderatoren Charlotte Roche, Palina Rojinski und Jan Böhmermann für »Menschen mit Menstruationshintergrund« ein, was Anfang 2020 zur Absenkung der Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte führte. »Es ist nun Zeit, endlich einen Schritt weiterzugehen«, sagte Junge im Stadtparlament.

Bereits kostenlose Tampons an Gießens Schulen

Skeptisch äußerte sich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) zu dem Vorstoß der PARTEI. Es sei Frauen durchaus zuzutrauen, sich selbst zu organisieren. »In diesem Antrag wird ein problematisches Frauenbild vermittelt. Frauen werden als hilfsbedürftige Wesen dargestellt«, sagte die OB. Die Ungleichheit der Geschlechter zeige sich an ganz anderen Stellen: an den unterschiedlichen Einkommen oder an der Verteilung von Führungspositionen. Dies seien die »großen gesellschaftlichen Fragen«, sagte Grabe-Bolz. Im Übrigen seien Menstruationsprodukte an den städtischen Schulen vorrätig und würden bei Bedarf kostenlos ausgegeben. Finanziert werde dies aus dem Verhütungsmittelfonds von Stadt und Landkreis Gießen.

Die Koalitionsfraktionen von Grünen, SPD und Gießener Linke wandelten die Forderung der PARTEI in einen Auftrag an den Magistrat um, die kostenlose Bereitstellung von Menstruationsprodukten im Bereich der Stadt Gießen zu prüfen. Dem stimmten neben der PARTEI auch Gigg/Volt zu, dagegen votierten CDU, Freie Wähler und AfD, die FDP enthielt sich.

AfD-Fraktionsvorsitzende Sandra Weegels verwies auf die mittlerweile sehr preisgünstigen Menstruationsprodukte und stichelte gegen den Beschluss des Stadtparlaments vom September 2019 zur Klimaneutralität, gegen den mit der Bereitsstellung von Einwegprodukten durch die Stadt verstoßen würde. Wiederverwertbare »Menstruationstassen oder waschbare Menstruationsunterwäsche« wären Alternativen. (mö)

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