»Der Tag, an dem der Goldfisch starb«

»Der Tag, an dem der Goldfisch starb«: Das Tanzstück von Paolo Fossa mit der Tanzcompagnie Gießen wurde zum Auftakt der TanzArt im Stadttheater gezeigt.

Cool sein, Hauptsache cool sein, bloß nichts anmerken lassen, auch wenn’s einem mal nicht so nach Raubüberfall ist. Der »Tanzkrimi« von Paolo Fossa ist eher eine Persiflage auf amerikanische Gangsterfilme der 40er Jahre, in Gesten, Musik und Dunkelmodus der Bühne. Der erfahrene Choreograf war kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen und musste sich mit den Vorgaben in Gießen arrangieren. Was ursprünglich als »Schwanensee«-Inspiration gedacht war, ist dank Fossas reicher Assoziationskette zu einer spritzig-coolen Szenenfolge geworden. Er fühlte sich vom vorgegebenen Titel an den vielleicht bekanntesten aller James-Bond-Filme erinnert, an »Goldfinger«. Dennoch: der Goldfisch taucht im Stück auch auf, als munteres Tattoo auf dem Rücken von Yuki Kobayashi.

Die offizielle Eröffnungspremiere zum Festival TanzArt ostwest 2015 fand am Donnerstagabend statt. Die Uraufführung des 75-minütigen Tanzstücks »Der Tag, an dem der Goldfisch starb« fand auf der taT-Studiobühne statt. Es wird in dieser Spielzeit noch zweimal aufgeführt und in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen. Die beteiligten sechs Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen (TCG) beweisen wieder einmal ihre Flexibilität und ihr Können, das vom neoklassischen Ballett bis zu Kampfsportarten reicht.

Ein typisches Merkmal von Fossas Tanzhandschrift ist die Weichheit der Bewegungen, die oft im Zurückweichen und Abrollen ihre eigentliche Kraft entwickeln. Aber auch bewegte Gruppenbilder hat er beeindruckend umgesetzt, wobei die TCG-Mitglieder vor allem bei der rasant-witzigen Autofahrt vermutlich einiges an eigenen Ideen eingebracht haben. Und Fossa liebt den Zufall der Begegnung, wie er beim Vorgespräch sagte, im Leben wie auf der Bühne. Das bringt einige überraschende Momente im Stück.

Eigentlich werden die Geschichten von sechs höchst unterschiedlichen Typen erzählt, die sich als Gang zusammenraufen und einen Überfall planen, der natürlich tödlich endet. So ist das in einem politisch korrekten Krimi, der die gesellschaftliche Moral präsentiert. Dennoch brechen Menschen immer wieder aus diesem Korsett aus und werden zu Outsidern. Die In-Group der Kriminellen wird zur eigenen Welt mit eigenen Regeln, die wiederum Ausgrenzung und Gewalt beinhalten. Man kennt das zur Genüge von Filmen. Paolo Fossa geht den Fragen durchaus ernsthaft nach, verleiht ihnen in der Umsetzung aber eine gewisse Leichtigkeit, bei der humoristische Einfälle und die eingängige bis schräge Musikauswahl wichtige Rollen spielen.

Die Typen sind über Kostüm und Maske (Thurid Goertz) deutlich verstärkt: so ist Magdalena Stoyanova die fast dämonische Black Queen, die blonde Caitlin-Rae Crook mimt den naiv-trotzigen Gegenpart. Sven Krautwurst ist der Gentleman-Gangster, während Alberto Terribile den rotzigen Jugendlichen mit schlechtem Benehmen und großer Sprungkraft spielt. William Banks überrascht als unsicherer Außenseiter und Yuki Kobayashi scheint immer traurig zu sein. Das Stück kommt mit wenigen Requisiten wie Mikrofon und aufblasbaren Luftballons aus, die Bühne (Bernhard Niechotz) wird mithilfe von Pappkartons umgebaut, das Licht unterstützt die Raumvorstellungen vom surrealen Traum, über den Kampfsportclub bis zum Rotlichtmilieu. Ein optisch-akustischer Genuss, der auch mehrfaches Anschauen lohnt. Dagmar Klein

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