Tolle Sanierung

"Tag der Architektur" ausgefallen - Gießener zeigen Juwel

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Corona hat auch den Tag der Architektur gestrichen. Damit die Online-Leser der GAZ das einzige vertretene Objekt aus Gießen dennoch kennenlernen können, haben Michael Jung und seine Geschäftspartnerin Yvonne Klemke einen exklusiven Einblick in ihr Domizil gewährt.

Den Boden müsst ihr rausnehmen. Der geht gar nicht. Es gab kaum einen Handwerker, der in den alten Fichtendielen mehr sah als ein ramponiertes Relikt. Ein notdürftiger Kompromiss aus der Zeit nach dem Krieg, in der Optik und Design nicht allzu große Bedeutung geschenkt wurden. Man war ja schon froh, wenn es genug Steine gab, um die Mauern aufzubauen. Doch Michael Jung und seine Geschäftspartnerin Yvonne Klemke vom gleichnamigen Architekturbüro hatten genügend Vorstellungsvermögen. "Geschichte", sagt Jung beim Blick auf das Holz, "sollte man nicht verstecken."

4000 Steine aus zerbombtem Haus

Und jetzt? Harmonieren die Fichtendielen perfekt mit den modernen Elementen und dem offenen Mauerwerk. Das finden offenbar auch die Verantwortlichen des Tags der Architektur, der am Wochenende eigentlich über die Bühne gehen sollte. Das Haus im Schiffenberger Weg, das Jung und Klemke aufwendig umbauen lassen haben, ist das einzige ausgewählte Objekt in der ganzen Stadt Gießen.

Man muss etwas genauer hinsehen, um das Haus mit der Nummer 43 zu entdecken. Es liegt leicht versteckt hinter dem neuen Wohnkomplex, der an der Kreuzung zur Straße "Am Unteren Rain" entstanden ist.

"Wir hatten das Gebäude eigentlich für einen Kunden von uns vorgesehen. Doch dafür war es zu klein", sagt Jung. Für ein eigenes Büro hingegen war die Größe perfekt. Also schlugen die Architekten zu - und stießen beim Blättern durch die historischen Dokumente auf spannende Details.

Aus der Baugenehmigung von 1946 geht hervor, dass das Haus eine Schreinerei beherbergte. Über familiäre Kontakte erfuhr Jung zudem, dass hier einst Boote gefertigt wurden. "Für den Bau des Gebäudes wurden 4000 Trümmersteine von dem zerbombten Haus in der Goethestraße 68 verwendet", erzählt Jung. Dieses Detail erfuhr das Team durch einen Blick auf den historischen Lieferschein.

Das Haus hat für Gießen also eine prägende Geschichte. Es steht zwar nicht unter Denkmalschutz, es ist aber mit dem Prädikat "erhaltenswerte Fassade" verstehen. Das hat den Vorteil, dass die Wände nicht nach neuesten Standards gedämmt werden mussten - und das stilprägende Mauerwerk freigelegt werden konnte. "Das war uns besonders wichtig", sagt Yvonne Klemke. "Wir wollten den historischen Charakter des Hauses in den Mittelpunkt stellen und das Gebäude nicht totsanieren."

Gebäude nicht totsaniert

Das ist dem Team, das mit dieser Herangehensweise neben vielen anderen Projekten auch das Heyligenstaedt saniert hat, eindrucksvoll gelungen. Durch die quer eingezogenen Wände haben Jung und Klemke Arbeitsbereiche separiert, ohne dabei abzugrenzen. Den historischen Kamin haben sie stehen lassen, die Balken an den Decken liegen offen, die grünen Metallregale im Industrie-Look schlagen zudem eine Brücke zwischen dem alten Mauerwerk und den modernen Arbeitsplätzen.

Die Architekten haben das Erdgeschoss als Firmensitz gewählt. Die Kellerräume sind an ein Gesundheitsstudio vermietet, unter das Dach ist ein Maklerbüro eingezogen. Und hier oben wartet noch ein weiteres Highlight.

"Am Anfang dachten alle, das Dachgeschoss sei nicht nutzbar. Viel zu dunkel", sagt Jung beim Gang durch das Obergeschoss. Also ließen die Architekten gläserne Elemente ins Gebälk setzen. Dadurch haben die Makler ausreichend Licht. Und bei möglichen Nachtschichten können sie vom Schreibtisch auch gleich den Sternenhimmel bewundern. "Abends, wenn ich das Büro verlasse und ins Auto steige, schaue ich immer auf das Dach", sagt Jung mit einem Lächeln. Beim Anblick der Lichtstrahlen, die aus der obersten Etage den Himmel erleuchten, sei er immer wieder angetan. Und überzeugt, mit dem Umbau der Schreinerei alles richtig gemacht zu haben.

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