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Strafanzeigen gegen Tafel-Helfer in Gießen - „Erschüttert und menschlich sehr enttäuscht“

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Von: Marc Schäfer

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Die Tafel in Gießen hatte es zuletzt schwer. Nun kommt weiterer Ärger hinzu: Ehrenamtliche Helfer sollen über Monate im großen Stil Lebensmittel gestohlen haben.

Gießen - Auf diesen Anblick hätte Holger Claes gerne verzichtet. Der Leiter des Diakonischen Werks steht am vergangenen Donnerstag auf einem Gartengrundstück am Rande des Stadtteils Wieseck und muss zusehen, wie zwei Polizeibeamte Kisten voller Lebensmittel aus einer Gartenhütte tragen. Kartoffelchips und löslicher Kaffee, Schokoriegel und Kaugummi, Waschmittel und Hundefutter. Alles Produkte, die eigentlich für Bedürftige der Gießener Tafel gedacht sind, jedoch von einer kleinen Gruppe ehrenamtlicher Helfer auf dem Weg vom Lebensmittel-Großhandel zur Ausgabestelle der Tafel im Leimenkauter Weg in diesem Garten beiseitegeschafft und für eigene Zwecke genutzt wurden, statt sie in die Verteilung zu geben.

Claes geht in wenigen Monaten in den Ruhestand. Er hat in seinem langen Berufsleben einiges erlebt. Er war in der Straffälligenhilfe tätig, hat die Schuldnerberatung des Diakonischen Werks aufgebaut. Im Jahr 2005 hat er die Tafel in Gießen aus der Taufe gehoben und bezeichnet sie seitdem als sein »Baby«. Gemeinsam mit Anna Conrad, der Leiterin der Tafel, wird er heute eine Mail an Mitarbeitende und Unterstützer der Tafel senden: »Wir beide sind sehr erschüttert und menschlich sehr enttäuscht, dass dies unter dem Dach der Tafel Gießen möglich war«, wird in der Mail zu lesen sein.

Diebstahl und Unterschlagung bei Tafel in Gießen? Claes und Conrad sind erschüttert

Noch am Donnerstag haben Claes und Conrad vier Tatverdächtige suspendiert und ihnen Hausverbot erteilt. Mittlerweile hat die Tafel gegen die vier ehrenamtlichen Helfer auch Strafanzeige gestellt. Hinweise legen den Verdacht nahe, dass die vier Personen bei ihrem Einsatz als Fahrer seit Monaten immer wieder auf den Touren in dem Garten gehalten, Lebensmittel ausgeladen und in der Gartenhütte deponiert haben, statt sie zur Tafel zu bringen. Aus dem Garten wurden die Produkte dann mit privaten Pkw wieder abgeholt. Bei der Tafel selbst fiel der Diebstahl nicht auf, da man vom Einzelhandel keine detaillierte Aufstellung der einzelnen zur Verfügung gestellten Lebensmittel erhält. »Die Tafel ist eine Einrichtung, die auf Vertrauen basiert. 16 Jahre ist das gut gegangen, aber jetzt müssen wir sehen, wie wir das in Zukunft machen«, sagt Conrad. Die Tafel versorgt etwa 3000 Menschen an sechs Standorten und wird von mehr als 300 ehrenamtlichen Helfern unterstützt.

In einer Gartenhütte lagern die Tatverdächtigen die gestohlenen Lebensmittel zwischen.
In einer Gartenhütte lagern die Tatverdächtigen die gestohlenen Lebensmittel zwischen. © Marc Schäfer

Ob die »Diebstähle und Unterschlagungen« (Claes) mit dem Wissen des Gartennutzers, der ebenfalls bei der Tafel tätig ist, geschehen sind, ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen. Auch welcher Schaden der Tafel entstanden ist, lässt sich nicht sagen.

Tafel in Gießen: Hinweis aus der Bevölkerung lässt unerlaubte Mitnahmen auffliegen

Bekannt wurden die Vorgänge durch einen Hinweis aus der Bevölkerung, der Conrad am Montag vor einer Woche erreicht hatte. Claes selbst hatte sich daraufhin in dem entsprechenden Gebiet auf die Lauer gelegt und konnte am Donnerstag beobachten, dass ein Tafel-Lkw dort auf Abwegen war. So konnte er nicht nur die mutmaßlichen Täter identifizieren, sondern auch die Polizei selbst in den Garten führen, in dem die Lebensmittel abgeladen worden sind.

Die unerlaubte Mitnahme von Lebensmitteln durch ehrenamtliche Helfer ist bei der Tafel grundsätzlich verboten. »Wir haben immer wieder klargemacht, dass es sich dabei um Diebstahl handelt«, sagt Conrad. Ausnahmen werden nur gemacht bei Obst und Gemüse, das am nächsten Tag aufgrund des Zustands nicht mehr verzehrt werden kann sowie bei Produkten mit Alkohol, da diese grundsätzlich nicht ausgegeben werden. (Marc Schäfer)

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