Tafel-Alltag beeindruckt OB-Kandidat

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
    schließen

Gießen (mö). »Am liebsten würde ich Sie umarmen«, sagt Thomas Dombrowski, als er sich nach eineinhalb Stunden auf dem Hof der Gießener Tafel von deren Leiterin Anna Conrad verabschiedet. Mit der Umarmung wird es nicht nur wegen Corona nichts, denn auf dem Gelände am Leimenkauter Weg herrscht jetzt Hochbetrieb. Drinnen werden Kisten mit Lebensmitteln gepackt, draußen wird ein Kleinlaster für die nächste Auslieferung beladen, vor der Ausgabestelle, die 15 Minuten später öffnen wird, stehen die ersten Abholerinnen, eine alte Dame stützt sich auf ihren Rollator.

In der Mittagsstunde haben sich die Tafel-Leiterin und Holger Claes, Geschäftsführer des Diakonischen Werks in Gießen, das die Sozialeinrichtung betreibt, Zeit für den Gast aus Pohlheim genommen. Der 47-jährige Dombrowski tritt als parteiunabhängiger Einzelbewerber bei der Oberbürgermeisterwahl an. Wahlkampf macht er im Grunde keinen, aber die Tafel wollte er unbedingt besuchen. Die Entschuldigung, dass er mit der Tafel Wahlkampf macht, nimmt Claes nicht an. »Mich stört es nicht, dass Wahlkampf ist. Auch andere Kandidaten waren schon hier. Wir erklären gerne, was wir hier machen«, sagt Claes. Eine Sozialeinrichtung, die sich ausschließlich durch Spenden finanziert, nimmt jede öffentliche Aufmerksamkeit mit, die sie kriegen kann.

Was Conrad und Claes über die Arbeit der Tafel erzählen, ist beeindruckend - und bitter. Über 3000 Menschen in Gießen und Umgebung nutzen die Lebensmittelhilfe der Gießener Tafel. Conrad kann auf rund 300 ehrenamtliche Helfer/innen zurückgreifen, deren Arbeit von fünf Diakonie-Angestellten koordiniert wird. Die Gießener Tafel arbeitet mit 75 Lebensmittelgeschäften zusammen, rund 1000 Tonnen Nahrung durchlaufen pro Jahr das Hilfssystem. Von diesen 1000 Tonnen wiederum müssen 200 aus Gründen der Lebensmittelsicherheit weggeworfen werden. Die daraus resultierenden 15 000 Euro Entsorgungskosten sind ein großer Posten im Etat, der sich auf einen »Grundstock« in Höhe von rund 300 000 Euro beläuft.

Die jetzige Leiterin ist von Anfang dabei; Conrad und Claes sprechen vom »Tafel-Virus«, der sie befallen habe. Claes kann aber auch sehr nüchtern über die Tafel sprechen. Wenige Zahlen sagen viel über eine bedrückende Entwicklung: 2005, als das Arbeitslosengeld II (Hartz IV) eingeführt wurde, hätten sich sofort 320 Tafeln gegründet, darunter auch die in Gießen. Heute seien es fast 1000 in ganz Deutschland. »Ich habe damals auch vorhersagt, dass es Modeketten mit Billigklamotten geben wird«, fügt Claes hinzu.

»Ich staune, ich staune«, sagt Dombrowski angesichts der Zahlen und erkundigt sich nach staatlichen bzw. städtischen Zuschüssen. Gibt es nicht, sagt Claes. Solange es mit Spenden geht, will er daran auch nichts ändern: »Wir müssen maximal flexibel sein«; eine Zuschussbürokratie mit viel Papierkram und eine Abhängigkeit von der Politik seien nicht unbedingt wünschenswert.

Als Conrad erzählt, wie sie zu Schuljahresbeginn spontan 75 Erstklässler von Tafel-Kunden mit Schultüten ausgestattet hat, damit die Kinder nicht gleich am ersten Schultag das Stigma sozialschwach zu spüren bekommen, reagiert Dombrowski gerührt. Was er denn als Wünsche oder Ideen mitnehmen könne, fragt er.

Conrad hat zwei: Ehrenamtlichen Tafel-Helfer/innen sollten Rentenpunkte für ihr Engagement angerechnet werden, und es wäre vielleicht sinnvoll, eine Lotsenstelle für allgemeine Sozialberatung bei der Tafel anzusiedeln. Conrad: »Die Leute kommen nunmal zu uns und wollen dann auch Rat für Behördengänge.«

OB_Wahl_2021_Logo

Rubriklistenbild: © Red

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare