Fast menschenleer: Der Uni-Hauptplatz wird an Silvester bewacht. FOTO: MAC
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Fast menschenleer: Der Uni-Hauptplatz wird an Silvester bewacht. FOTO: MAC

Ein Tänzchen auf dem Balkon

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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3 - 2 - 1 - jetzt: Prost Neujahr! Die obere Ludwigstraße ist menschenleer. Gibt’s doch gar nicht. Meilenweit ist niemand zu sehen. Keine Bewegung wahrzunehmen. Erst nach und nach öffnen sich einige Fenster. Frohes Neues! Prost Neujahr! Wohngemeinschaften und Nachbarn winken sich über die Straße zu und halten Wunderkerzen aus dem Fenster. Irgendwo ums Eck werden Silvesterböller gezündet. Nicht nur einer. Trotz des Verbots auf öffentlichen Plätzen knallt es ganz schön um kurz nach Mitternacht. War ja klar. Das lässt man sich doch nicht nehmen. Das letzte Stückchen Freiheit an diesem Abend. Am Himmel bleibt es dunkel. Von der Ecke Ludwigstraße/Goethestraße aus sind jedenfalls keine Raketen zu sehen, die das neue Jahr an dieser Stelle sonst so üppig mit bunten glitzernden Farben begrüßen. Es bleibt schwarz. Nur ein paar Schneeflocken tanzen vom Firmament herab und kitzeln auf der Nase.

Der Platz vor dem Hauptgebäude der Justus-Liebig-Universität wird bewacht. Eine handvoll Menschen in gelben Warnwesten spaziert dort auf und ab. Der Sicherheitsdienst. Sie halten Abstand voneinander. Ob sie sich eben wenigstens getraut haben, sich ein gutes neues Jahr zu wünschen? Schon an Heilig Abend hatten Security-Mitarbeiter den Platz bewacht. Ob sie sich von letzter Woche kennen? Was werden sie wohl denken? Leicht verdientes Geld? Ordentlicher Feiertags-Zuschlag? Oder sinnlose Zeitverschwendung? Wären sie an Weihnachten und Silvester nicht lieber bei ihren Familien? Haben sie überhaupt welche? Schwer nachzuvollziehen, dass man einen Platz in der Innenstadt an Weihnachten und Silvester auf diese Art abriegeln und bewachen lassen muss. Abe r muss man überhaupt? Diese Frage muss die Universität beantworten. Sie trägt die Verantwortung.

Immer wieder rufen sich die Bewohner im Südviertel gute Wünsche über die Straße zu. Es knallt immer noch. Aus einem Hinterhof schallt Musik auf die Straße. Ist das Helene Fischer? Schneeflöckchen, Weißröckchen? Auf einem Balkon tanzen zwei Frauen dazu ins neue Jahr. Wunderschön anzusehen. Nachbarn schauen aus den geöffneten Fenstern zu. Die Bewohner verschiedener Wohnungen wünschen sich im gemeinsamen Innenhof gegenseitig ein gutes neues Jahr. Man sieht, sie mögen sich. Aber sie halten sich zurück. Keine Umarmung. Damit hadern sie. Es tut beim Zuschauen weh. Nur zögerlich trauen sie sich nach einer Weile miteinander anzustoßen. Was hat dieses Jahr aus uns gemacht? Wie wird es in Zukunft werden? Umarmungen, Nähe, Küsschen - all das fehlt in dieser Silvesternacht, in diesem Jahr, in dieser Zeit.

Vorsichtig treten ein paar Menschen aus den Häusern auf die Straße. Neugierde. Manche bleiben auf der Schwelle der Haustür stehen, manche schauen übers Hoftor. Eine WG taucht auf dem Bürgersteig auf. "Wir sind die von unten", rufen sie den Mietern im ersten Stock zu, die am Fenster stehen: "Frohes Neues auf für euch!" mac

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