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Frau aus Gießen über Schwangerschaftsabbruch: „Tabuisierung hat Krise vertieft“

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Von: Christine Steines

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Allein in einer Ausnahmesituation: So hat die Studentin Julia ihre Lage vor dem Abbruch ihrer Schwangerschaft erlebt. (Symbolbild)
Allein in einer Ausnahmesituation: So hat die Studentin Julia ihre Lage vor dem Abbruch ihrer Schwangerschaft erlebt. (Symbolbild) © GPointsStudio/Adobe Stock

Die medizinische Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen ist in Deutschland nicht ausreichend. Eine junge Frau aus Gießen spricht mit uns über den Albtraum Abtreibung.

Gießen – In Kürze wird Julia ihr Examen ablegen. Als die junge Frau 2020 ungewollt schwanger wurde, war das für sie eine Katastrophe. Ihr war sofort klar, dass sie das Kind nicht bekommen würde. Die Zeit bis zur Abtreibung erlebte sie als Albtraum. Sie sagt: »Ich musste mir jede Information mühsam erkämpfen.«

Nach Recherchen des Teams Correctiv.Lokal zum Thema Schwangerschaftsabbruch ist die medizinische Versorgung in Deutschland kritisch zu sehen: Nur die Hälfte der Krankenhäuser in öffentlicher Hand und mit gynäkologischer Station gäben an, Abtreibungen durchzuführen. In einer (nicht repräsentativen) Umfrage, an der sich rund 1500 Frauen beteiligt haben, berichten knapp 30 Prozent von herabsetzendem Verhalten und unprofessioneller medizinischer Betreuung. Jede vierte erlebte Demütigungen und Beleidigungen.

Ungewollte Schwangerschaft: Junge Frau aus Gießen fühlte sich alleingelassen

Solche Erfahrungen hat Julia nicht gemacht. Doch sie beklagt die Desinformation im Vorfeld. Sie ist immer noch fassungslos darüber, wie tabuisiert das Thema Abtreibung in Deutschland ist. »Dabei kommen so viele Frauen in eine solche Situation«, sagt sie. Sie fühlte sich mit ihrer ungewollten Schwangerschaft »total alleingelassen«. Zwar habe ihr Freund zu ihr gestanden, aber letztlich sei er nicht unmittelbar betroffen von der kolossalen Veränderung der Lebenssituation. »Ein Baby passte zu dem Zeitpunkt nicht in mein Leben, ich hätte es in die Armut geboren«, schildert Julia.

Sie stammt aus einem anderen Bundesland. Bevor sie zum Studium nach Gießen kam, hatte sie bereits eine Ausbildung absolviert. Dass sie ihren Traum realisieren und ein Studium beginnen konnte, hat sie sich hart erkämpft. Finanziell kommt sie gerade so über die Runden. In Kürze läuft ihr Studienkredit aus. »Ich hätte das nicht geschafft mit Kind«, sagt sie. Das Verhältnis zu ihren Eltern sei schwierig, von ihnen habe sie keinerlei Unterstützung zu erwarten.

Gießenerin über Schwangerschaftsabbruch: »Fühlte mich wie ein Monster«

Bei ihrer Internet-Recherche zum Thema Abtreibung habe sie nicht die erhofften Informationen erhalten, sondern sie habe sich mit christlichen Gruppen und deren Vorschlägen zu Adoptionen konfrontiert gesehen. Sie sei schockiert darüber gewesen, als Ratsuchende in eine Richtung gedrängt zu werden, die für sie nicht infrage gekommen sei. »Ich fühlte mich wie ein Monster, eine bösartige Todesschlange, die ihr Kind umbringen will.«

In dieser emotionalen Ausnahmesituation, in der sie zwischen Hysterie, Trauer und Verzweiflung geschwankt habe, habe sie jedoch in der Folge mehrfach Glück gehabt: Sie sei in ihrer Frauenarztpraxis sowohl von den Arzthelferinnen als auch von ihrer Ärztin einfühlsam aufgefangen und gut informiert worden. Auch die Kontaktvermittlung zu der Frauenärztin Kristina Hänel, in deren Praxis die Abtreibung schließlich erfolgt sei, sei problemlos verlaufen.

Abtreibung: Junge Frau aus Gießen musste sich immer wieder erklären

Schwierig und demütigend fand es Julia, sich mit diesem zutiefst persönlichen Problem mehrfach vor völlig fremden Menschen erklären zu müssen: Zum einen bei dem gesetzlich vorgeschriebenen Beratungsgespräch, zum anderen bei der Krankenkasse. Das Beratungsgespräch bei Pro Familia, das pandemiebedingt telefonisch stattgefunden habe, sei in Ordnung gewesen.

Ihr habe es zunächst nicht gefallen, das Thema mit einem Mann zu besprechen, doch weil der Gesprächspartner angenehm gewesen sei und ihre Situation nicht bewertet habe, akzeptierte sie dies. »Ich hatte anfangs nicht einmal eine Ahnung, was Pro Familia überhaupt ist, ich dachte aufgrund des Namens zunächst, auch dort solle ich überredet werden, das Kind zu bekommen.«

Schwangerschaftsabbruch in Gießen: Gute Beratung in der Stadt

Auch das Gespräch mit der Krankenkasse, bei dem die Kostenübernahme geklärt werden musste, war im Vorfeld angstbesetzt. Dort hatte es Julia ebenfalls mit einem männlichen Sachbearbeiter zu tun, doch auch er blieb zu ihrer Erleichterung auf einer sachlichen Ebene.

Letztlich, sagt Julia, sei es ihr zugute gekommen, in Gießen zu leben, da es in der Stadt eine gute Beratungsinfrastruktur gebe und die Praxis Hänel die Frauen gut und auf zugewandte Weise versorge. Dennoch habe sie es als beschämend empfunden, derart abhängig von Institutionen und deren »Einverständnis« zu sein. Ein grundlegendes Problem sind in ihren Augen fehlende und unübersichtliche Informationen. »Die Tabuisierung hat meine Verzweiflung ungeheuer verstärkt.« (Christine Steines)

Auch für Ärztinnen und Ärzte, die Abtreibungen anbieten und darüber informieren, ist die Tabuisierung ein Problem. Eine Ärztin aus Gießen bekommt seit Jahren Drohschreiben, weil sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt. 

*Name geändert

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