Szenischer "Gießen-Test"

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Gießen (gl). Mit seinem "Gießen-Test" hatte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter seinerzeit einen Fragenkatalog entwickelt, mit dem die Fremd- und Eigenwahrnehmung einer Gruppe oder Person wissenschaftlich abgeklopft werden kann. Um eigene und fremde Wahrnehmungen der Person Richters, aber auch die Spuren, die er in seiner Wahlheimat Gießen hinterlassen hat und einen "psychosozialen Befund Gießens" geht es in dem "szenischen Gießen-Test", den das Stadttheater am Freitag, 21. April, mit dem Titel "Flüchten oder Standhalten" auf die taT-Studiobühne bringt.

Gießen (gl). Mit seinem "Gießen-Test" hatte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter seinerzeit einen Fragenkatalog entwickelt, mit dem die Fremd- und Eigenwahrnehmung einer Gruppe oder Person wissenschaftlich abgeklopft werden kann. Um eigene und fremde Wahrnehmungen der Person Richters, aber auch die Spuren, die er in seiner Wahlheimat Gießen hinterlassen hat und einen "psychosozialen Befund Gießens" geht es in dem "szenischen Gießen-Test", den das Stadttheater am Freitag, 21. April, mit dem Titel "Flüchten oder Standhalten" auf die taT-Studiobühne bringt.

Inszenieren wird Christian Lugerth, als Dramaturg und Koautor wirkt Matthias Schubert. Die beiden haben in einem Vorabgespräch erste Einblicke in die Produktion gewährt und werden dies auch noch einmal bei einer öffentlichen "Kostprobe"-Veranstaltung am Donnerstag, 13. April (20 Uhr), in der taT-Studiobühne tun.

Horst Eberhard Richter (1923 bis 2011) schrieb über Wege, sich selbst und andere zu befreien. Der Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Mediziner und Sozialphilosoph kritisierte den Glauben an die Allmacht des Menschen und plädierte für einen neuen Umgang mit Schwäche und Leiden. Er galt als der "große alte Mann" der Friedensbewegung in der Bundesrepublik und gründete die westdeutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, die für ihr Engagement 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. Er war Ikone und Reizfigur gleichermaßen.

Die Arbeit des Psychoanalytikers ist eng mit Gießen verbunden. Hier wirkte der Pionier der psychoanalytischen Familienforschung über Jahrzehnte als Professor und Gründer der psychosomatischen Klinik am Uni-Klinikum, hier engagierte er sich in sozialen Projekten, etwa am Eulenkopf. 2007 wurde er, nach längeren Debatten in der Kommunalpolitik, zum Ehrenbürger Gießens ernannt.

Die Spuren Richters in der Stadt sind vielfältig, Lugerth nennt sie die "Richter-Rhizome". Der Schauspieler und Regisseur, der Richter noch 2006 persönlich kennengelernt hatte und familiäre Verbindungen zu dessen Familie hat, will Leben und Werk des Gießener Ehrenbürgers theatergerecht aufarbeiten. Gemeinsam mit Dramaturg Matthias Schubert, der wie er ein Faible für dokumentarisches Theater in jeglicher Form hat und die Grundidee zum Erzählen der Biografie Richters auf der Bühne hatte, spürt Lugerth dem Denken und Wirken Richters nach. "Wir setzen Horst Eberhard Richter ein Denkmal", betont er.

Das Schauspielerquartett – Ulrich Cyran, Barbara Stollhans, Marlene-Sophie Haagen und Maximilian Schmidt – wird die Familie von Horst Eberhard und Bergrun Richter und ihrer Kinder Jutta und Clemens beim Durchschreiten der Jahrzehnte spielen. Sie werden aber auch immer wieder aus der klassischen Familienstruktur und Zeitleiste hinaustreten und in andere Archetypen schlüpfen, um grundsätzliche Fragestellungen oder Begegnungen der jeweiligen Epoche darzustellen. Doch eine "biografische Schmonzette" werde es nicht, versprechen die Theatermacher. "Wir wollen nichts nachstellen, sondern die Gedanken, das Werk, die politische Welt, die Richter bewegt hat, in theatrale Elemente übersetzen", fasst Schubert zusammen.

Zitiert wird fast ausschließlich aus autobiografisch geprägten Schriften Richters wie "Wanderer zwischen den Fronten" oder "Gotteskomplex", in denen er auch immer wieder seine eigenen schrecklichen Erlebnisse im Krieg thematisiert hat. Das Thema Krieg zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück – so wie es auch das Leben Richters immer nachhaltig geprägt hat. Es gibt Video- und Filmeinspielungen. Interviewsituationen mit Politikern werden simuliert.

Zur Vorbereitung haben die Theaterleute zahlreiche Interviews mit Zeitgenossen Richters geführt und auch am vergangenen Wochenende auf dem Wochenmarkt Passanten zu Richters Ehrenbürgerschaft und den von ihm hinterlassenen Spuren in der Stadt befragt. "Vom Jünger bis zum Gegner haben wir ganz viele Gespräche geführt", berichtet Lugerth. So ist ein ambivalentes Bild Richters entstanden, das sein Leben und Wirken zeigt, aber auch genügend "theatrales Fleisch" bietet.

Zur bereits vor Beginn der Proben ausverkauften Premiere am 21. April wird auch Witwe Bergrun Richter erscheinen. Weitere Vorstellungen sind am 1. und 13. Mai, jeweils um 20 Uhr im taT. (Fotos: pm)

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