Tobias Kempff (l.) hilft seinem Kollegen Thorsten Liebsch mit der Schutzkleidung. 	FOTO: PM
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Tobias Kempff (l.) hilft seinem Kollegen Thorsten Liebsch mit der Schutzkleidung.

Corona am UKGM

Corona in Gießen: Keine Bonuszahlung des Bundes für Helden von „Covid-City“

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die erste Welle war hart, die zweite ist es erst recht. Auf der Pneumologischen Intensivstation des UKGM kämpfen die Mitarbeiter rund um die Uhr um das Leben der Covid-Patienten.

  • Stationsleiter Tobias Kempff erklärt, wie der Versorgung der Corona-Patienten am Uniklinikum Gießen abläuft.
  • Die Pflegekräfte leisten rund um die Uhr harte Arbeit, oftmals auch an ihren freien Tagen: Es fehlt am Personal.
  • Den bundesweiten Corona-Bonus bekommen die Mitarbeiter des UKGM trotzdem nicht.

Gießen - Wenn ein Pfleger aus der Schleuse tritt und die Covid-Station verlässt, ist die hellblaue Berufskleidung dunkelblau. Komplett durchgeschwitzt. Er (oder sie) zieht zwei Paar Handschuhe aus, schält sich aus dem luftdichten Schutzkittel, nimmt den Gesichtsschirm, die Schutzbrille und die FFP3-Maske ab. Er hat seit Stunden nichts trinken können und lässt sich erschöpft auf einen Stuhl sinken. Oft ist es mehrmals pro Schicht nötig, die Schutzkleidung zu wechseln, schildert Stationsleiter Tobias Kempff das Procedere in »Covid-City«, wie die Station 2.5 intern genannt wird. Die Arbeit ist körperlich anstrengend, es ist heiß, man kann sich kaum bewegen.

Uniklinikum Gießen: Versorgung der Corona-Patienten ist Präzisionsarbeit

Fast alle der 22 schwerstkranken Patienten auf der Station sind nicht bei Bewusstsein und werden maschinell beatmet. Für eine bessere Durchlüftung der Lunge werden sie regelmäßig für 16 Stunden auf den Bauch gedreht. Dazu sind vier Mitarbeiter nötig - wenn so viele zur Verfügung stehen. Der Vorgang dauert etwa eine Stunde. Der Kranke muss vorsichtig gehalten werden, sorgfältig wird darauf geachtet, dass Infusionen, Überwachungskabel und EEG-Ableitungen nicht versehentlich entfernt werden. Alleine diese Maßnahme in der Akutphase der Erkrankung lässt ahnen, wie aufwendig die Versorgung der Covid-19-Patienten ist. Sie ist Präzisionsarbeit.

Damit sie gelingt, sind nicht nur Pflegekräfte und Ärzte notwendig, sondern auch die zuarbeitenden »Springer« vor der Schleuse, die Physiotherapeuten, die Materialwirtschaft, die Reinigungskräfte und andere. »Und nicht nur bei uns muss alles Hand in Hand gehen, auch auf den anderen Stationen leisten die Kollegen rund um die Uhr harte Arbeit«. Kempff und seinem Team verlangt Covid seit Beginn der Pandemie alles ab, Dienst nach Vorschrift funktioniert nicht. Zudem würden im UKGM gleichzeitig noch viele andere Patienten mit schweren Erkrankungen versorgt, das dürfe man nicht vergessen, ergänzt Kempff. »Das soll auch so bleiben, wir wollen für alle Menschen da sein«. Das betont der 47-jährige besonders, weil die Sorge groß ist, dass die Zahlen der Infizierten weiter steigen und damit auch die Zahl der Patienten mit schweren Verläufen.

Auch das Universitätsklinikum Gießen ist stark von der Corona-Pandemie getroffen, fast 22 Patienten werden maschinell beatmet. FOTO: SCHEPP

„Helden des UKGM“: Pfleger geben 150 Prozent

»Alle sollten sich an die Regeln halten, das ist extrem wichtig«, sagt er. »Wir kommen hier an unsere Grenzen«. Dass während dieses Gesprächs am letzten Tag vor dem Lockdown die Gießener Innenstadt und der Seltersweg voll sind, weiß er nicht. Die Welt besteht für ihn seit März fast nur noch aus der Klinik und seinem Zuhause. Auch an freien Tagen ist er oft vor Ort. Das muss er nicht, aber er hat damit ein besseres Gefühl. »Meine Familie trägt das zum Glück mit«, sagt er.

Und wieder betont Kempff, dass nicht nur er, sondern ganz viele seiner Kollegen 150 Prozent Einsatz bringen. Kempff liebt seinen Job, der 47-Jährige ist seit vielen Jahren Krankenpfleger. Als Stationsleiter trägt er für etwa 90 Kollegen Verantwortung. Er ist stolz auf diese Truppe, aber die Sorge aufgrund der Dauerbelastung bereitet ihm auch schlaflose Nächte. Und ja, immer wieder hat er auch Angst, dass sie sich trotz aller Vorsicht infizieren.

UKGM Gießen: Pflegekräfte bekommen keine Bonuszahlung des Bundes

Je voller es auf den Stationen und je weniger Personal im Einsatz ist, desto größer ist die Gefahr. »Wir brauchen dringend Verstärkung«. Als die Bedeutung der Pflegekräfte im Frühjahr sichtbar wurde, fühlten sie sich wertgeschätzt. Das ist vorbei, seit klar wurde, dass ausgerechnet die »Helden des UKGM« bei den Bonus-Zahlungen des Bundes leer ausgehen. Kempff und seine Kollegen sind verärgert und enttäuscht. »Mir zog es regelrecht den Boden unter den Füßen weg«, sagt er.

Die Kriterien für die Prämie sind nach Auffassung der Mitarbeiter falsch - sowohl hinsichtlich der Anzahl der Patienten als auch bezüglich der Entscheidung, nur Pflegekräfte zu berücksichtigen, aber nicht die anderen beteiligten Professionen. Dass die UKGM-Teams, die schwerstkranke Patienten mit langer Verweildauer versorgen, keine Extrazahlungen von Bund und Land bekommen, finden sie zutiefst empörend. »Es geht nicht um ein Geschenk, sondern um eine monetäre Wertschätzung«, sagt Kempff.

In einem Brief an Gesundheitsminister Spahn, Kanzleramtsminister Braun und Ministerpräsident Bouffier schreiben sie: »Aber was nutzt es? Am Ende bleiben wir doch und machen weiter, damit unsere Patienten nicht sterben«.

Sie bleiben und kümmern sich. Um die Patienten, aber auch um die Angehörigen, die nicht zu Besuch kommen dürfen. Für sie sind die Telefongespräche mit den Ärzten die einzige Verbindung zu dem Kranken, oft ist dafür jedoch wenig Zeit. Manchmal zieht Kempff sich in ein Eckchen zurück und spricht mit der Familie. Auch das hat viel mit Menschlichkeit und wenig mit Dienst nach Vorschrift zu tun.

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