Raus aus der Spirale der Verzweiflung: Für "schwierige" psychisch Kranke gibt es sinnvolle Angebote, so die Botschaft einer Tagung in Gießen. SYMBOLFOTO: DPA
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Raus aus der Spirale der Verzweiflung: Für "schwierige" psychisch Kranke gibt es sinnvolle Angebote, so die Botschaft einer Tagung in Gießen. SYMBOLFOTO: DPA

"Systemsprenger" nicht aufgeben

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Gießen(pm). Psychische Krisen und Erkrankungen treffen viele Menschen und können immer besser behandelt werden. Doch gerade schwer betroffene Patienten profitieren davon oft nicht. Es sind Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, die sich nirgends einfügen, aus allen Einrichtungen fliegen, ihre Familien und alle Helfer zur Verzweiflung bringen. Man nennt sie auch "Systemsprenger". Eine Tagung zum 20-jährigen Bestehen der Angehörigengruppe Mittelhessen widmete sich jetzt diesem Thema.

"Billiger als vorher"

Die Vorsitzende des Vereins, Jutta Seifert, fordert einen Perspektivwechsel: "Wenn die sogenannten Systemsprenger nicht in das Hilfesystem passen, muss man fragen, was am System falsch ist." Die Tagung im Bürgerhaus Kleinlinden war Auftakt der Woche der seelischen Gesundheit, auf die Prof. Christoph Mulert, Direktor der Uni-Psychiatrie Gießen, in einem Grußwort hinwies.

Es fehle nicht an Hilfs- und Therapieangeboten, so die Fachleute. Aber die Betroffenen müssen selbst kommen, und sie passen nicht ins Raster. "Da kann man nichts machen…" heißt es dann gern. "Stimmt nicht", so die Botschaft der Tagung: "Man kann - wenn man nur will!"

Vor allem die politisch Verantwortlichen seien gefragt. Seifert kritisierte, dass nur drei von ihnen an der Tagung teilnahmen, darunter Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) als Gießener Jugenddezernentin.

Bewusst hatten die Veranstalter gute Beipiele in den Mittelpunkt gestellt. Eines davon stellte Karsten Schubert aus Braunschweig vor. Dort haben sich auf Initiative des Jugendamts zahlreiche Träger zu einem Verbund zusammengeschlossen, der sich verpflichtet, jugendliche "Systemsprenger" nicht von einer Einrichtung zur anderen weiterzureichen, sondern ihnen vor Ort zu helfen.

Oft wird behauptet, der hohe Verwaltungsaufwand, enge gesetzliche und personelle Grenzen ließen den Jugendämtern und anderen Einrichtungen keinen Raum für individuelle Hilfen. "Stimmt nicht", betonte Schubert: Es gebe Freiräume, man müsse sie nur kennen und nutzen.

Gerade junge Systemsprenger hätten erstaunliche Willenskraft und Fähigkeiten, bei der das Team ansetze - auf Augenhöhe mit den Jugendlichen. Grundlage sei stets der Aufbau von Vertrauen und Verlässlichkeit der Beziehung auch bei Misserfolgen. "Wir schmeißen keinen raus, auch wenn es schwierig wird." Wenn eine Behörde nach ersten Erfolgen einer "Maßnahme" meine, nun sei doch alles auf einem guten Weg und man könne die Förderung einstellen, sei das kurzsichtig. Und wie ist das mit den Kosten? "Die meisten Hilfen, die wir haben, waren billiger als die Maßnahmen vorher."

Wohnung elementar

Über erwachsene Systemsprenger berichtete Anne Sprenger. Sie war viele Jahre für ein Projekt in Düsseldorf verantwortlich, das diesen Menschen einen Platz in der Gesellschaft sichern soll, auf den sie im Übrigen nach dem Bundesteilhabegesetz Anspruch haben. Eindrucksvoll schilderte sie einige der "Fälle". Deutlich wurde, wie elementar wichtig es ist, den betreffenden Menschen eine eigene Wohnung zu verschaffen. Erst dann kann man wirklich beginnen, ihnen zu helfen, besser mit ihrer Umwelt klarzukommen und gewisse Regeln einzuhalten. Viel Wert legt man dabei auf die Einbeziehung des sozialen Umfelds.

Deutliche Kritik übte Sprenger am schlechten "Entlassmanagement" von Kliniken, vor allem aber am Fehlen von zugehenden Hilfen und einem Krisendienst, der diesen Namen auch verdient.

Die Tagung wurde ergänzt um Beiträge aus dem juristischen und lokalen Bereich. Corona-bedingt mussten Diskussion und Austausch diesmal auf Distanz stattfinden.

Ausführliche Informationen stehen im Internet unter www. angehoerige-mittelhessen.de.

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