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Zurück zu den Wurzeln: Bis vor einem Jahr studierte Arbnor Raci Informatik an der THM. Heute ist er Miterfinder der "Aivy"-App und Start-up-Gründer. FOTO: CSK

"Aivy"-App

Mit Minispielen zum passenden Job: Ex-Gießener entwickelt "Aivy"-App zur Berufsfindung 

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Der ehemalige Gießener THM-Student Arbnor Raci ist Miterfinder der "Aivy"-App. Die hilft bei der Berufsfindung - und erinnert an die Dating-App "Tinder". 

Irgendwann erwischt es jeden. Oft sind Schüler kurz vor dem Abschluss betroffen, doch auch Arbeitnehmer kommen manchmal nicht drumherum. Eine Berufsberatung kann der Beginn einer glanzvollen Karriere sein - oder das Gefühl wecken, kostbare Zeit zu verschwenden. Bei Arbnor Raci traf früher eher Letzteres zu. Heute arbeitet er sozusagen selbst in dieser Branche. Dabei setzt der 26-Jährige, der Informatik an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen studiert hat, aber nicht auf ungeliebte Pflichttermine. Seine Variante verbindet Unterhaltung mit moderner Technik.

"Aivy" heißen die entsprechende, erst seit wenigen Wochen verfügbare App und auch das dazugehörige Berliner Start-up. Seit Januar ist Raci Teil des vierköpfigen Gründerteams. Unterstützt wird es von einem EXIST-Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums und der Europäischen Union. "Es ist echt anstrengend", berichtet der IT-Experte, als er dieser Tage Gießen besucht. Zugleich gehe gerade ein Traum in Erfüllung: Bereits während der THM-Zeit habe er sich selbstständig machen wollen, so der gebürtige Niddaer.

"Aivy"-App zur Berufsberatung: Spielerisch etwas erfahren

Im Studium verdiente er etwas hinzu, indem er Webseiten und Apps programmierte, vor allem für Pizzerien und Bars. Außerdem jobbte er als App-Entwickler in einer hiesigen Medienagentur. Über ein Hochschulprojekt lernte Raci damals David Biller kennen, der neben Boas Bamberger und Florian Dyballa zu den Vätern von "Aivy" gehört. Außer technischem Know-how hat das Quartett reichlich psychologische Expertise. Die App ist deshalb nicht nur leicht bedienbar, sondern auch noch wissenschaftlich fundiert.

In "Challenges" lösen Nutzer zwei bis drei Minuten lang verschiedene Aufgaben. Jedes dieser Minispiele verrät etwas über individuelle Stärken und Schwächen. Mit den Resultaten sowie zusätzlichen persönlichen Informationen erstellt der Algorithmus eine Übersicht möglicher Berufsperspektiven. Die dürfen die Nutzer dann bewerten - und zwar nach dem "Tinder"-Prinzip: Ist ein Job interessant, wischen sie ihn nach rechts, können sie eher wenig damit anfangen, führt der Swipe nach links. Wenn sie möchten, gelangen die User mit ein paar Klicks weiter auf Jobportale, wo sie sich direkt auf passende Stellen bewerben können.

"Aivy"-App zur Berufsberatung: Verbindung von Spiel und Ernst

So sieht sie also aus, die Berufsberatung 2.0 in digitalen Zeiten. Das Ganze liefere bis zu 14 Prozent präzisere Ergebnisse als Standardverfahren, schließen die Gründer aus Erhebungen. Dass analog erstellte Prognosen nicht immer zutreffen müssen, hat Raci ohnehin am eigenen Leib erfahren. Er habe "alle Schulformen durch", sagt der Jungunternehmer. Nach der vierten Klasse habe er zunächst eine Einstufung für die Hauptschule bekommen. Was nicht selten in eine Sackgasse führt, war hier der Beginn eines steilen Aufstiegs. Realschule, Fachabitur, Studium - und vor knapp einem Jahr der Einstieg bei dem Berliner Start-up.

Dort müsse im Moment "jeder alles machen", erklärt Raci. Die weitere Entwicklung ist freilich schon genau geplant. Anfang 2020 will "Aivy" eine erste Finanzierungsrunde abschließen, zumal die EU-Förderung bald ausläuft. Parallel erweitert man die Zielgruppe, die bisher hauptsächlich aus Schülern und Studenten besteht, und vervollständigt die rund 500 Berufe umfassende interne Datenbank. Die Diagnostik der App möchten Raci und Co. zudem Unternehmen anbieten, damit diese sie für die Personalentwicklung einsetzen.

Den Jugendlichen scheint "Aivy" jedenfalls bestens zu gefallen. In Tests an Schulen hätten neun von zehn Befragten die App deutlich positiver bewertet als herkömmliche Beratungen, sagt Raci. Neben der Verbindung von "Gamification" und Psychologie, von Spiel und Ernst, sieht er noch einen ganz anderen Vorteil der digitalen Zukunft. Sei Personalauswahl mitunter durch subjektive Vorurteile geprägt, so bewerte die App weder Alter noch Geschlecht oder Herkunft. "Unsere Ergebnisse entstehen diskriminierungsfrei", betont Raci. "Entscheidend sind nur Interessen und Fähigkeiten".

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