Dank der Punktschrift kann auch Sven Germann lesen. Nicht nur Bücher. FOTO: SCHEPP
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Dank der Punktschrift kann auch Sven Germann lesen. Nicht nur Bücher. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Sven Germann: Einsatz für Menschen mit Handicap

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Sven Germann ist ein höflicher Mensch. Der 48-Jährige kann aber auch fordernd sein, wenn er sich als Vorsitzender des Behindertenbeirats Gießen für Menschen mit Handicap einsetzt.

Die beiden Kinder von Sven Germann sind aufgeregt - schließlich passiert es nicht alle Tage, dass die Zeitung mit dem Papa reden will. Bevor Germann sich auf das Sofa setzt, flitzen sein Sohn und seine Tochter noch einmal herbei, umarmen ihn und flüstern etwas in sein Ohr. Der Vater lächelt. Die Szene zeigt: Germann ist ein ganz normaler Familienvater. Und trotzdem unterscheidet ihn etwas von den meisten anderen: Der 46-Jährige kann seine Kinder nicht sehen.

Germann ist seit seiner Geburt stark sehbehindert. Grund ist eine Netzhauterkrankung. Mit den Jahren nahm die Sehstärke weiter ab. "Früher konnte ich noch Fahrrad fahren und Überschriften lesen. Das geht heute nicht mehr." Derzeit verfügt der Gießener noch über ein Sehvermögen von einem Prozent. Sehende Menschen würden das wohl als völlig blind wahrnehmen. Für Germann selbst macht dieses eine Prozent jedoch einen gewaltigen Unterschied. Er kann noch grobe Formen erkennen und auch hell von dunkel unterscheiden. Zumindest noch. Denn zum Krankheitsbild gehört auch eine zunehmende Verschlechterung der Sehkraft.

Germann ist in einem kleinen Dorf im Lahn-Dill-Kreis aufgewachsen. Als er sechs Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern aufs Internat der Blindenschule in Friedberg. "Inklusion war damals noch ein fernes Wort", sagt Germann und betont, dass es ihm nicht leichtgefallen ist, in so jungen Jahren die Familie zu verlassen. "Meine Eltern ist es sicher noch schwerer gefallen." Heute weiß er jedoch, dass es mit Blick auf die damaligen Verhältnisse die richtige Entscheidung war.

In Friedberg macht Germann seinen Realschulabschluss und beginnt anschließend eine Ausbildung im Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Soest. Bürokaufmann - nicht unbedingt sein Traumjob. "Als Schüler war ich einmal bei der Arbeitsagentur zur Berufsorientierung. Bei mir kam am Ende Kirchenfensterverglaser heraus." Germann muss bei dem Gedanken lächeln. "Das war natürlich nicht wirklich praktikabel. Schon damals zeichnete sich ab, dass es irgendetwas im Büro werden würde."

Sein Augenarzt sah das anders. Als Germann 14 war, sagte der Mediziner seiner Mutter, sie solle den Jungen etwas mit den Händen arbeiten lassen. "Zu mehr reicht es ohnehin nicht." Ein Satz, der sich eingebrannt hat. "Das hat mich emotional sehr angegriffen. Auch Mitte der 80er Jahre war es nicht mehr die Sichtweise der Gesellschaft, blinde Menschen in Werkstätten abzuschieben." Der Satz hatte aber auch etwas Gutes. Er trieb Germann an. Er wollte dem Arzt zeigen, wie falsch er lag. Und das ist ihm gelungen.

1995 startete Germann beim Gießener Sozialgericht seine Laufbahn als Verwaltungsangestellter im öffentlichen Dienst. Nach fünf Jahren wechselte er zum Regierungspräsidium Gießen. Seit 2015 ist er Amtmann und somit zuständig für Dienstunfälle und Regressverfahren für rund 13 000 Verwaltungsbeamte und verbeamtete Lehrer. Eine beeindruckender Aufstieg. "Ich kann mich zumindest nicht beklagen", sagt Germann. "Die Herausforderungen, die ich mir gestellt habe, habe ich bewältigt."

Sowohl im Büro als auch zu Hause kann Germann sein Leben selbstbestimmt und unabhängig gestalten. Allerdings sind dafür einige Hilfsmittel notwendig. Sein Zollstock, die Waschmaschine oder die Gewürze sind zum Beispiel mit Punktschrift versehen, der Computer liest ihm zudem vor, was auf dem Bildschirm geschrieben ist. "Vieles kann man sich aber auch erschließen", sagt Germann. Vor allem, wenn das Haus zu einem vertrauten Zuhause geworden ist.

Das Wohnzimmer ist in einem warmen Orange-Ton gestrichen, auf der Fensterbank steht eine silberne Skulptur, die Wände sind mit Kinderfotos und Gemälden geschmückt. Germanns Ehefrau ist ebenfalls sehbehindert, sie kann die Dekoration aber noch erkennen. Germanns eigenes Sehvermögen lässt das nicht mehr zu. Trotzdem ist ihm die Einrichtung wichtig. Vielleicht sogar etwas mehr als seinen sehenden Mitmenschen. "Ich lege Wert darauf, in einem angenehmen Ambiente zu leben. Ich habe manchmal das Gefühl, stärker gemessen zu werden als Sehende. Nach dem Motto: Bei denen ist es bestimmt nicht sauber und unordentlich."

Tatsächlich sieht es im Hause Germann aus wie geleckt. Das ist umso erstaunlicher, da hier zwei neun- und elfjährige Kinder herumtoben. Und im Gegensatz zu ihren Eltern können die beiden auch ganz normal sehen. Für Außenstehende klingt das nach einer schier unüberwindbaren Herausforderung, Germann aber winkt nur lächelnd ab. "Kinder sind doch für alle Eltern eine Herausforderung. Jeder geht blauäugig daran, für alle ist die Geburt eines Kindes Neuland." Der Gießener überlegt kurz, dann fügt er an. "Aber natürlich gibt es bei uns Besonderheiten."

Wo ist das Kind? Schon sehende Eltern geraten schnell in Panik, wenn der Nachwuchs anfängt zu krabbeln und sich außer Sichtweite begibt. Die Germanns haben keine Sichtweite, und so mussten sie sich mit Tricks behelfen. "Als unsere Kinder noch klein waren, haben wir ihnen Glöckchen an die Hosen gebunden. Damit wir immer hören konnten, wo sie gerade waren."

Strenge Erziehung

Germann sagt auch, dass er und seine Frau die Kinder strenger erzogen haben als andere Eltern. Sie hätten gar keine Wahl gehabt, sagt er. "Für uns musste klar sein: Wenn wir sagen, bleibt stehen, gehen sie nicht weiter. Wir hatten keinen Spielraum für Diskussionen." Gerade außerhalb der eigenen vier Wände, auf fremden Terrain und im Straßenverkehr, sei es alternativlos gewesen, dass die Kinder hören. Germann glaubt aber nicht, dass die mitunter strenge Hand Nachteile für den Nachwuchs hatte. Im Gegenteil: "Ich meine, unsere Kinder sind schneller selbstständig geworden." Gleichzeitig betont der Vater, sein Sohn und seine Tochter niemals über Gebühr gefordert zu haben. "Natürlich ist es einfacher, mit ihnen zusammen durch den Seltersweg zu laufen. Aber wir wollten unsere Kinder niemals als Hilfsmittel einspannen. Wir haben stets darauf geachtet, dass die Kinder auch Kinder bleiben."

All die Erfahrungen, die Germann in seinem Leben gesammelt hat, gibt er auch an andere sehbehinderte Menschen weiter. Bereits seit 2009 ist er ehrenamtlicher Leiter der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbunds Hessen. Zudem ist er Vorsitzender der Behindertenbeiräte von Stadt und Landkreis Gießen, engagiert sich im städtischen Fahrgastbeirat und dem Gießener Arbeitskreis für Behinderte. Vor drei Jahren gründete er zudem den Trägerverein "Ich bin dabei - für die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung" für Menschen mit Handicap. Dieses ehrenamtliche Engagement ist dem Gießener wichtig. Und er ist der festen Überzeugung, dass seine eigene Beeinträchtigung den Menschen, die er vertritt, ebenfalls zugute kommt. "Ich kenne die Barrieren, die Menschen mit Handicap tagtäglich meistern müssen. Nicht nur die baulichen, sondern auch die in den Köpfen."

Germann würde sich daher wünschen, dass sich mehr Betroffene in Ämtern und Gremien engagieren. "Oft sind es Politiker, die an den Runden teilnehmen. Sie nehmen die Termine zwar wahr, sind aber auch sehr weit von den Themen entfernt."

Und so bleibe es oft an ihm hängen, Probleme deutlich anzusprechen. "Das ist ein Balanceakt zwischen Harmonie und zu sagen, so geht es nicht weiter." Germann macht das mitunter auch sehr deutlich. "Ich weiß, dass ich mich damit nicht immer beliebt mache", sagt er. Aber darum gehe es ihm auch nicht. Er wolle Missstände beheben. Und wenn er dafür anderen mal auf die Füße treten müsse, sei das eben so. "Viele Menschen mit Handicap sind darauf angewiesen"; sagt Germann. "Es gibt noch viel zu tun."

Fast ein halbes Jahrhundert lang nimmt Germann die Welt nun schon in groben Formen wahr. Er hat sich damit arrangiert, seine Umwelt nur mit dem Blindenstock ertasten zu können. Das heißt aber nicht, dass er nichts vermissen würde. "Besonders bedauerlich ist, dass man nicht so gut sozial interagieren kann." Es gebe keine "Bekanntschaften im klassischen Sinn", auf der Straße sei jeder erst einmal ein Fremder. Ein "Ach, Sie auch wieder hier" gehört nicht zu Germanns Wortschatz. "Für mich ich jeder Mensch erst einmal ein Fremder. Selbst wenn ich seit zehn Jahren auf dem Weg zur Arbeit an ihm vorbei laufe."

Germann überlegt einen Moment. Dann lächelt er vielsagend: "Ich kenne nunmal niemanden nur vom Sehen."

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