Um sicher durch den Winter zu kommen, bräuchte es eine Quote bei der Zweitimpfung von 85 Prozent. Aktuell beträgt sie etwa 60 Prozent.
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Um sicher durch den Winter zu kommen, bräuchte es eine Quote bei der Zweitimpfung von 85 Prozent. Aktuell beträgt sie etwa 60 Prozent.

Interview mit Susanne Herold

Expertin von der Uni Gießen: 95 Prozent der Corona-Patienten sind nicht geimpft

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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An der Uni Gießen wird an einem Medikament gegen das Coronavirus geforscht, sagt die Infektiologin Susanne Herold. Außerdem bestätigt sie: Klinisch behandelt werden aktuell meist Ungeimpfte.

Frau Professorin Herold, in unserem Interview im Februar haben Sie gesagt, wir brauchen so schnell wie möglich eine Herdenimmunität vor dem Herbst. Gefühlt ist der jetzt schon da. Sind wir bereit für die kommenden Monate?

Wir sind leider nicht so gut vorangekommen, wie wir es eigentlich brauchen. Wir sind bei einer Durchimpfung bei zweimal geimpften Menschen von 60 Prozent. Das wird nicht ausreichen, um sicher durch den Herbst und Winter zu kommen. Wir wissen aus Modelllierungsdaten, die darauf abzielen, schwere Verläufe und Krankenhausaufenthalte vorherzusagen, dass wir auf die Gesamtbevölkerung bezogen eine Durchimpfung von 85 Prozent brauchen, bei den Risikogruppen über 90 Prozent, um das gut zu schaffen.

Die Zahl der Infizierten nimmt wieder zu. Wer sind diese Menschen?

Die Ungeimpften. Das kann man ganz klar so sagen. Darunter sind auch junge Leute, 20 bis 30 Jahre alt, mit schweren Verläufen, die beatmet werden müssen. In ganz wenigen Fällen sind es Geimpfte, die wegen Grunderkrankungen keinen guten Immunstatus aufbauen konnten. Das ist aber eine Minderheit. Über 95 Prozent der Patienten sind nicht geimpft.

Wie sieht die Altersstruktur der Patienten aus?

Die ist deutlich jünger als im Vergleich zur zweiten oder dritten Welle und liegt ungefähr zwischen 20 und 50 Jahren. Wir sehen auch Kinder, die nicht unbedingt wegen, aber mit Covid-19 aufgenommen werden, und erwarten für die kommende Zeit gerade solche mit schweren Grunderkrankungen. Hier kann eine ansonsten milde verlaufende Erkrankung dennoch einen stationären Aufenthalt notwendig machen.

Haben alle Erkrankten sich mit der Delta-Variante angesteckt?

Ja, ausschließlich.

Was unterscheidet die Delta-Variante von anderen Corona-Varianten?

Man weiß, dass Delta infektiöser ist. Das Virus hat sich durchgesetzt, weil es sich besser verbreiten kann. Ob Delta aber gefährlicher ist oder andere Symptome hervorruft, da würde ich mich sehr zurückhalten. Die Datenlage gibt eine solche Aussage zurzeit nicht her. Auch aus dem klinischen Alltag kann ich das nicht bestätigen.

Impfen ab zwölf Jahren: Empfehlen Sie das?

Es ist mittlerweile ein aussagekräftiger Datensatz vorhanden, vor allem aus den Vereinigten Staaten, mit knapp acht Millionen mit mRNA-Impfstoffen geimpften Kindern im Alter von zwölf bis 17 Jahren. Dort sieht man, dass die Impfung sicher ist und einen sehr guten Effekt hat. Insofern kann man jetzt sagen, und die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt das auch: Man sollte Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren impfen lassen. Der Empfehlung schließe ich mich uneingeschränkt an.

Was wissen Sie über das Risiko von Herzmuskelentzündungen bei dieser Altersgruppe?

Diese kommt in der Tat in seltenen Fällen vor. Aber wenn man sich die Verläufe anschaut, sind die eher mild. Die Kinder haben sich in der Regel komplett erholt. Vor zwei Wochen waren in Deutschland 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 geimpft. Auch wenn Kinder mit Covid-19 nicht schwer krank werden, hat das Impfen trotzdem Einfluss auf ihre weitere Entwicklung: Wenn Infektionen verhindert werden können und so zum Beispiel Schulen geöffnet bleiben können, Klassen nicht in Quarantäne müssen und Aktivitäten wieder möglich sind, auf die sie fast eineinhalb Jahre verzichtet haben. Die Daten zu den psychosozialen Auswirkungen der Pandemie bei Kindern sind erschreckend.

Wie sieht es zum Beispiel mit Kindern aus, die noch zur Kita gehen? Kann man sie guten Gewissens in die Einrichtungen bringen?

Kleinkinder können unter Beachtung der vorgegebenen Hygienemaßnahmen in die Kita gehen. Wenn sie SARS-CoV-2 positiv werden sollten, und das wird auch passieren, kann man davon ausgehen, dass es zu keinen schweren Verläufen kommen wird. Es gibt mittlerweile auch gute wissenschaftliche Daten, die die Mechanismen aufzeigen, weshalb Kinder offenbar nur milde erkranken. Sie haben zum Beispiel bessere antivirale Abwehrmechanismen in den oberen Atemwegen als Erwachsene.

Wie schätzen Sie die Frage nach einer dritten Impfung ein?

Es ist bei allen Impfungen so: Je älter das Immunsystem ist, umso kürzer und umso weniger stark ist die Impfwirkung. Insofern deutet alles darauf hin, dass vor allem Hochbetagte und die Menschen, deren Immunsystem eingeschränkt ist, von einer dritten Impfung sehr wahrscheinlich profitieren werden. Die Stiko hat noch keine konkrete Empfehlung gegeben und ist gerade dabei, diese Frage zu bearbeiten. Aber ich gehe davon aus, dass diese Impfempfehlung für die Genannten bald kommen wird.

Diskutiert wird derweil die Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als zentralem Maßstab für die Verhängung von Corona-Schutzmaßnahmen. Wie stehen Sie dazu?

Natürlich haben wir einen andere Situation als im letzten August. Wir müssen nicht mehr damit rechnen, dass wir so extrem viele Intensiv- beziehungsweise Krankenhausaufnahmen in so kurzer Zeit haben werden wie im letzten Herbst. Auf der anderen Seite kann man nicht alles an den Krankenhausaufenthalten festmachen. Das halte ich nicht für gut.

Warum?

Die Inzidenz ist ein ganz früher Parameter, den wir zu Verfügung haben. Wenn wir wie im Oktober in kurzer Zeit viele Krankenhausaufnahmen haben, kommen Maßnahmen wie der Lockdown eigentlich zu spät. Dann hängen wir der Inzidenz zwei bis drei Wochen hinterher. Es gibt auch Stimmen, die sagen, man sollte auch die Positivenrate von Antigentests mit einbeziehen, weil viel getestet wird. Alles zusammen kann eine gute Mischung ergeben. Es gibt aber weitere Parameter: Long Covid, über das wir noch zu wenig wissen. Das tritt auch bei milden Verläufen auf. Dass Schüler in Quarantäne müssen, Schulen geschlossen werden, hat einen ganz erheblichen Sekundäreffekt auf das Kindeswohl. Wenn wir also nur auf die Krankenhausaufenthalte gucken, lassen wir das alles außer Acht. Das ist keine gute Strategie.

In Ländern wie England oder Dänemark wird mehr oder weniger eine postpandemische Zeitrechnung ausgerufen. Ist das nicht ein wenig verfrüht, wenn man bedenkt, dass eine Pandemie ein weltumfassendes Problem ist?

Es ist doch ganz klar, dass wir immer noch in dieser Pandemie stecken. Wir haben in Deutschland eine Durchimpfung von nur 60 Prozent. Und wir wissen, dass wir nur mit einer Impfquote von 85 Prozent plus den AHA-Maßnahmen wie Masken tragen und Abstand halten im Hinblick auf die Anzahl schwerer Verläufe und Klinikkapazitäten gut durch den Winter kommen können. Aktuell sehen wir, wie rapide die Infektionszahlen mit den Lockerungen, den Urlaubsrückkehrern und dem Schulbeginn steigen. Außerdem steht die kalte Jahreszeit vor der Tür, die durch vermehrten Aufenthalt in Innenräumen das Infektionsgeschehen zusätzlich verstärkt.

Mit Blick auf den Herbst: Was wird uns erwarten?

Solche Voraussagen sind schwierig. Aber ich gehe davon aus, dass wir auf jeden Fall über den Winter hinaus mit den AHA-Maßnahmen leben müssen. Es wird alles davon abhängen, wie gut die Durchimpfung sein wird. Hinzukommen im Winter andere saisonale Viruserkrankungen wie Influenza. Zumindest die Risikopatienten sollten sich auch dagegen impfen lassen. Wir hatten wenig Influenza in den letzten zwei Saisons, weil wir durch die AHA-Maßnahmen geschützt waren. Dennoch weiß man nicht, was passiert, wenn man das dritte Mal hintereinander wenig Influenza-Aktivität hatte. Denn dann lässt möglicherweise unser Gesamtschutz in der Bevölkerung nach. Es ist auch hier umso wichtiger, zu impfen. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass die Virusgrippe auch eine schwere Erkrankung sein kann.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Entwicklung von Medikamenten gegen das Coronavirus?

Es gibt ein Medikament, das bei schweren Verläufen wirklich gute Erfolge gezeigt hat, aber auch Nebenwirkungen hat. Das ist Cortison, also eine Steroidbehandlung. Das ist aber keine wirklich zielgerichtete Therapie gegen das Virus. Sinnvoll wäre ein antivirales Medikament, das man frühzeitig einsetzen kann, um früh in der Infektionsverlauf eingreifen zu können und Krankenhausaufnahmen zu verhindern. Das Medikament Remdesivir hat nicht so gute Daten gezeigt, wie man es sich gewünscht hätte. Es wird zwar eingesetzt, aber nur im späten Infektionsverlauf, wenn die Virusvermehrung gar nicht mehr im Vordergrund steht. Damit ist die Effektivität gering.

Warum?

Im Krankenhaus behandeln wir vor allem die Folgen der Virusvermehrung, nämlich die überschießende Entzündungsreaktion. Wenn wir antivirale, gegen das Virus gerichtete Medikamente einsetzen wollen, müssen wir das früh tun. Wir arbeiten hier in Gießen an einem solchen Medikament und legen gerade eine neue Studie auf. Wir haben gezeigt, dass in verschiedenen präklinischen Modellen eine Substanz, die schon anderweitig genutzt wird, möglicherweise gute Erfolge hat, wenn man sie inhalativ verabreicht. Wir forschen auch weiter an einem Wachstumsfaktor, der bedingt, dass die Lunge besser repariert wird nach einer schweren Infektion, beziehungsweise es gar nicht zu einer solchen schweren Infektion kommt. Am UKGM findet Forschung auf diesem Feld intensiv statt. Das ist auch zwingend nötig, weil es noch keine wirklich guten Medikamente gibt.

Info: Susanne Herold

Susanne Herold kommt aus der Nähe von Freiburg. Die 45-Jährige hat in Gießen studiert und ist seit 2002 am UKGM tätig. Seit 2015 hat sie die Professur für akutes Lungenversagen und seit 2018 für Infektionskrankheiten der Lunge inne. Herold ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Robert-Koch-Instituts und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Außerdem berät sie die Bundesregierung rund um die Corona- Pandemie.

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