Das Gießener Goetheporträt zeigt den Dichter im Alter von 30 Jahren. Heute vor 271 Jahren, am 28. August 1749, ist Goethe "mittags mit dem Glockenschlage zwölf" in Frankfurt zur Welt gekommen. FOTO: MUSEUM/KNOSSALLA
+
Das Gießener Goetheporträt zeigt den Dichter im Alter von 30 Jahren. Heute vor 271 Jahren, am 28. August 1749, ist Goethe "mittags mit dem Glockenschlage zwölf" in Frankfurt zur Welt gekommen. FOTO: MUSEUM/KNOSSALLA

BALD ZU SEHEN

Ein Superstar gibt sich die Ehre

  • vonRedaktion
    schließen

Das Goetheporträt im Oberhessischen Museum erinnert an einen Ausflug des jungen Dichters nach Gießen. Dessen Geburtstag jährt sich am heutigen 28. August zum 271. Mal.

Mit ihm betrat das jahrhundertelang unterdrückte und gering geschätzte bürgerliche Ich die große Bühne der Weltgeschichte und ließ sich fortan nicht mehr davon vertreiben. Auf eine bis dahin nicht gekannte Weise feierte Johann Wolfgang von Goethe die bürgerliche Subjektivität, die sich durch nichts und niemanden mehr einschränken lassen wollte. Was Wunder, dass uns dieser Mann, der uns auf einem Porträt im Oberhessischen Museum begegnet, stolz, entschlossen und souverän entgegentritt. Hier stehen wir einem Menschen gegenüber, der sich seines Wertes und seiner Stellung bewusst ist. Voller Tatendrang ist sein fester Blick in die Zukunft gerichtet.

Gemalt von May und Huthsteiner

Das Porträt zeigt den Dichter Johann Wolfgang Goethe - damals noch ohne "von" - im Alter von 30 Jahren. Als es 1779 entstand, war er bereits ein Superstar seiner Zeit, vor allem aber ein Idol der Jugend. Wenige Jahre zuvor war sein Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" erschienen, und dieses Werk hatte eine wahre Werther-Epidemie ausgelöst: Junge Männer kleideten sich nach der Werther-Mode (blauer Frack mit gelber Weste), und das in alle großen Weltsprachen übersetzte Buch wurde nicht nur zum Weltbestseller, sondern in Deutschland auch hier und da mit Verkaufsverboten belegt, weil die Kirche ihm vorwarf, den Freitod zu verherrlichen und für den Tod zahlreicher junger Selbstmörder verantwortlich zu sein. Mit keinem anderen Werk hatte Goethe so sehr den Nerv der Zeit getroffen wie mit seinem "Werther".

Als der aus Offenbach stammende Georg Oswald May (1738 bis 1816) den berühmt gewordenen Goethe porträtierte, war dessen Sturm-und-Drang-Zeit im Großen und Ganzen vorüber. May war damals ein gefragter Porträtist, der sich nach einem Malerstudium in seiner Geburtsstadt in Galerien in Mannheim und Düsseldorf weitergebildet und seine Kunst an den Meisterwerken von Rubens und Van Dyck verfeinert hatte. Im Sinne einer subjektiven Empfindsamkeit und Natürlichkeit der Darstellung bringt sein Gemälde mit frischer Farbgebung und elegantem Strich das Wesen eines Menschen zum Vorschein, aus dem sowohl Ernsthaftigkeit und Sensibilität als auch Zielstrebigkeit sprechen. Das Rastlose und die Stürme der Jugend haben sich gelegt. Wir sehen einen sorgfältig und mit Geschmack gekleideten und frisierten Mann, der weiß, was er will. Zudem vermittelt der Dargestellte einen sympathischen Eindruck.

Das Gießener Porträt ist allerdings erst 110 Jahre nach dem Original entstanden; es handelt sich um eine Kopie, die Rudolf Huthsteiner 1889 im Auftrag eines schwäbischen Unternehmers anfertigte. Im Unterschied zur Vorlage wirkt es in der Farbgebung jedoch greller und in der Ausführung gröber.

Gießen ist zwar keine klassische Goethestadt wie Frankfurt, Weimar oder Wetzlar, aber das Porträt des Dichters nimmt völlig zu Recht seinen Platz in der Sammlung des Museums ein, denn es erinnert an ein für die Stadt bedeutsames Ereignis: Der junge Goethe besuchte nämlich am 18. August 1772 Gießen, und da er später darüber in "Dichtung und Wahrheit" berichtet hat, ist dieser Besuch auch in die Literaturgeschichte eingegangen.

Von Mai bis September 1772 lebte er bekanntlich in Wetzlar, um sich als Praktikant am Reichskammergericht juristisch fortzubilden. Dort litt er unter der Spießigkeit der Beamtenstadt und verliebte sich unsterblich in die 19-jährige Charlotte Buff. Nach Gießen zog es ihn an jenem Augusttag 1772 aus zwei Gründen: Zum einen wollte er den bekannten Rechtsgelehrten Ludwig Julius Höpfner kennenlernen, zum anderen war Lotte dort auch zu Besuch.

Goethe 1772 zu Besuch in Gießen

Verkleidet als Bettelstudent ging Goethe zuerst in die Sonnenstraße zu Höpfner, einem "humanen, wohlwollenden Mann" wie er in "Dichtung und Wahrheit" schreibt. In einer von der Familie Höpfner überlieferten Anekdote heißt es, Höpfner habe dem Bettelstudenten mehrmals Zehrgeld angeboten, um ihn wieder loszuwerden. Am Abend ging Höpfner dann in das Lokal, in dem die Professoren beisammenzusitzen pflegten. Das Lokal existiert heute noch; es ist das Gasthaus "Zum Löwen" im Neuenweg: "Die ganz besonders zahlreiche Gesellschaft war um einen einzigen Tisch herum gruppiert, teils sitzend, teils stehend, ja einige der gelehrten Herren standen auf Stühlen und schauten über die Köpfe ihrer Kollegen in den Kreis der Versammelten hinein, aus dessen Mitte die volle Stimme eines Mannes hervordrang, der mit begeisterter Rede seine Zuhörer bezauberte." Auf Höpfners Frage, was da vorgehe, bekommt er die Antwort: Goethe aus Wetzlar sei schon seit einer Stunde hier. Höpfner, voll Verlangen, den Dichter zu sehen, besteigt einen Stuhl, schaut in den Kreis hinein und erblickt seinen Bettelstudenten zu einem "Götterjüngling verwandelt". Man kann sich vorstellen, wie erstaunt Höpfner war.

Wegen Renovierungsarbeiten im Alten Schloss kann das Bild derzeit nicht bewundert werden. Die Gemäldesammlung des Oberhessischen Museums ist ab 25. Oktober wieder zugänglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare