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Suizidgedanken: Überlebenden eine Stimme geben

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Die Zahl der Suizidversuche in Deutschland wird auf 100 000 pro Jahr geschätzt. Menschen, die Erfahrung mit Suizidgedanken haben, beklagen, dass Betroffene zu wenig zu Wort kommen. Das ist fatal, sagt Kristina Dernbach.

Frau Dernbach, eine solche Tagung zum Thema Suizid hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Was ist das Besondere?

Kristina Dernbach: Auf der Tagung sprechen fast ausschließlich Betroffene von Suizidgedanken. Wir halten das für wichtig, da bislang ausgerechnet wir Betroffenen aus Diskussionen um Suizidalität und Suizidprävention herausgehalten werden. Dabei liegt das Wissen um einen guten Umgang mit Suizidalität bei uns Überlebenden.

Was ist denn Ihrer Ansicht nach ein hilfreicher Umgang?

Dernbach: Das Wichtigste für Betroffene ist, dass man ihnen wertfrei zuhört. Und zwar wirklich zuhört und sie ernst nimmt. "Mir tut es unendlich Leid, dass es Dir so schlecht geht", dieser Satz kann schon gut tun.

Ein Freund oder Angehöriger fühlt sich mit dieser Rolle aber schnell überfordert.

Dernbach: Das stimmt. Es macht Angst, in die Abgründe eines anderen zu schauen.

Oft sind tatsächlich Gespräche mit empathischen Menschen die Rettung

Kristina Dernbach

Hinzu kommt die Angst, in einer solchen Krise hilflos zu sein. Man fühlt sich ohnmächtig angesichts des Risikos, der andere könnte sich etwas antun.

Dernbach: Ja, sicher. Das ist eine nachvollziehbare Reaktion. Angst und Sorge darf und sollte man auch äußern. "Was können wir tun, damit Du die nächsten 24 Stunden sicher bist?", ist eine hilfreiche Frage. Entscheidend ist, dass die Unterstützung ein Angebot ist und keine Kontrolle, die dem anderen seine Selbstbestimmung nimmt.

Übernimmt man da nicht Verantwortung, die man gar nicht tragen kann? Ist es nicht in jedem Fall besser, wenn man sich um professionelle Hilfe bemüht?

Dernbach: Das kommt darauf an. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht unbedingt Profis wie Psychologen, Psychiater oder andere Therapeuten sind, die den Betroffenen am besten aus einer Krise heraushelfen. Oft sind tatsächlich Gespräche mit empathischen Menschen die Rettung. Wir trauen uns da alle zu wenig zu.

Wie kann man sich in die Situation eines Menschen hineinfühlen, der sein Leben beenden will?

Dernbach: Fast jeder kennt dunkle Momente in seinem Leben, wenn tiefste Verzweiflung keinen Funken Hoffnung zulässt. Daran kann man zurückdenken. Der amerikanische Psychologe und Suizidforscher Edwin Shneidman hat den Begriff des "seelischen Schmerzes" für diesen Zustand gewählt. Wenn der Schmerz das individuell erträgliche Ausmaß übersteigt, resultieren Suizidhandlungen.

Dieser "seelische Schmerz" muss nicht unbedingt mit einer Depression, einer anderen psychischen Erkrankung oder einer traumatischen Erfahrung einhergehen.

Dernbach: Genau. Sogenannte psychische Erkrankungen sind Risikofaktoren, aber Suizidalität tritt auch losgelöst davon auf. Viele andere Faktoren werden oft vernachlässigt, wie etwa traumatische Erfahrungen und ihre Nachwirkungen. Da sind wir beim Kern des Themas. Da man eher über die Betroffenen als mit ihnen spricht, weiß man darüber bisher auch wenig. Wir wollen dazu beitragen, das zu ändern.

Sie sagen, dass Betroffene nicht offen über ihre Suizidgedanken sprechen. Zum Beispiel, weil sie gesellschaftliche Stigmatisierung fürchten, aber auch, weil sie Angst vor einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie haben. Sind denn die Unterbringung und therapeutische Hilfe in einer solchen Einrichtung nicht ein rettender Schutzraum?

Dernbach: Es gibt Menschen, die das System so für sich nutzen. In unserem Betroffenenorganisationen erleben wir jedoch, dass viele Menschen Erfahrung mit Beschämung und Gewalt durch Polizei und Klinikpersonal gemacht haben, sodass es in der Krise zu traumatisierenden und retraumatisierenden Erfahrungen kommt. Zahlen belegen, dass das Suizidrisiko während und nach einem Klinikaufenthalt stark erhöht ist. Hinzu kommt der Druck, sich medikamentös behandeln zu lassen.

Sie sind der Ansicht, dass es in vielen Fällen Alternativen zur Klinik gibt?

Dernbach: Ja, es gibt bereits Alternativen. Das wird auch ein wichtiges Thema auf der Tagung sein. Wir sind auf jeden Fall der Ansicht, dass der Umgang mit Krisen grundsätzlich anders gedacht werden muss.

Was versprechen Sie sich von der Tagung?

Dernbach: Es werden Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zueinander finden und mit Interessierten ins Gespräch kommen. Wir möchten Betroffenen eine Stimme geben.

Info

Tagung über Suizidalität

Die Fachtagung "Mit Suizidgedanken leben? Suizidalität und Selbsthilfe" wird am Samstag, dem 13. April, in der Kongresshalle stattfinden. Sie ist Teil eines Projekts des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener (www. bpe-online.de, Tel. 0234/68705552). Dies wird durch die Barmer Ersatzkasse unterstützt. Projektwebseite: http://suizidgedanken.net, Tel. 02 34/70 89 05 10. Anmeldungen sind über die Webseite und telefonisch möglich.

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