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Christin Döring ist eine der sechs Auszubildenden, die das Café Geißner zusammen mit den Chefs Carola Bahnsen (l.) und Arnd Fischer (hinten) am Laufen halten. FOTO: SCHEPP

Ein süßes Stück Glück in der Krise

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Gießen(kw). "Ach, Sie haben offen?" Carola Bahnsen und ihre Auszubildenden blicken derzeit häufig in Gesichter, die dankbar aufleuchten. Ihr Café Geißner darf zwar derzeit keine Kunden an Tischen bedienen. Doch der Handwerksbetrieb verkauft und liefert Nervennahrung, die in der Corona-Krise für manche "ein Stück Glück" bedeutet. Während der Großteil der 27 Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit geschickt wurde, halten die Azubis den Laden zusammen mit dem Inhaber-Paar am Laufen.

"Jetzt lohnt es sich richtig, dass wir so gerne und viel ausbilden", sagt Bahnsens Partner Arnd Fischer im GAZ-Gespräch. Als am 19. März alle Lokale schließen mussten, schluckte er zunächst - und begann dann zu rechnen. "Weil wir alles aus Rohstoffen selbst herstellen, ist unser Lohnkostenfaktor hoch."

15 Stammkräfte gingen in Kurzarbeit, einigen geringfügig Beschäftigten musste er für die nächsten Wochen kündigen. Die sechs Azubis - alle lernen neben dem Beruf der Konditorin auch den der Fachverkäuferin - stemmen die verbliebene Arbeit unter Anleitung der beiden Chefs. Sie stellen Torten, Kuchen, Gebäck und Pralinen her. Im vorderen Ladenbereich verkaufen sie die süßen Köstlichkeiten, außerdem Suppen und Quiches zum Mitnehmen. Innerhalb weniger Tage haben Backstubenleiterin Annika Weiser und ihre Freundin Anna Steingräber einen Lieferservice für etwas größere Bestellungen auf die Beine gestellt. Sie betreiben auch die Werbung dafür und übernehmen selbst die Auslieferung.

Für die Azubis sei die urplötzlich gewachsene Verantwortung eine Herausforderung, an der die jungen Frauen viel lernen, erzählen Bahnsen und Fischer. Dem gesamten Team sei am wichtigsten, dass sie die Krise gemeinsam überstehen und hoffnungsvoll in ihre berufliche Zukunft blicken können. "Unser Betrieb ist gesund und stark", sagt Fischer, "ich möchte niemanden entlassen." Das könne dank des Notbetriebs gelingen.

Allein im März habe das Unternehmen 30 000 Euro Umsatzverlust verzeichnet, für den April rechnen die Inhaber mit 60 000 Euro weniger als sonst. Neben dem Gastronomie-Geschäft, das normalerweise ab dem Frühstück bis in den späten Nachmittag "brummt", fallen derzeit beispielsweise auch Tortenaufträge für Hochzeit, Kommunion oder größere Geburtstagsfeiern weg. Höchstens kleinere Kunstwerke für den engsten Familienkreis werden bestellt.

Ostern immerhin findet statt, wenn das Fest auch deutlich bescheidener begangen wird als normalerweise. In den letzten Tagen verzeichnen die Café-Inhaber verstärkte Nachfrage nach süßen Hasen, Lämmern, Trüffeleiern oder Osterbrot. Tageweise sind nun auch Gesellen im Einsatz. Der Blick auf die Wettervorhersage weckt weitere Hoffnung. "Wir sind die einzigen, die in der Fußgängerzone Kugel-Eis verkaufen dürfen", so Fischer, natürlich selbstgemachtes.

Keine Torte in Klorollen-Form

Neben den Azubis beschäftigt das Paar eine Mitarbeiterin weiter. Sie bringt als Multimedia-Beauftragte Informationen über das aktuelle Angebot unter die Leute. So zeigt jeden Morgen ein Video die heutige Kuchentheke, die stets rund 40 Sorten umfasst. Nummern erleichtern die Bestellung.

Viele der älteren Stammkunden erreiche man über Instagram nicht, wissen Bahnsen und Fischer. Doch langsam spreche sich auch bei ihnen die frohe Botschaft herum, dass sie auf ihre Lieblingsleckerei nicht verzichten müssen. "Die Leute freuen sich so." Und die Chefs tun das Ihrige dazu, dass Kunden Corona für eine Weile vergessen können. "Viele Kollegen bieten jetzt als Gag Torten in Klorollen-Form an. Unser Stil ist das nicht."

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