Ein Stück Frauengeschichte

Der Aufbau der Demokratie ist eine Herausforderung, "die wir nicht allein den Männern überlassen dürfen": Diese Erkenntnis einer von Krieg und Nazi-Zeit geprägten Generation einte unterschiedlichste Bürgerinnen, die 1961 die Arbeitsgemeinschaft Gießener Frauenverbände (AGGF) gründeten. 57 Jahre später hat sich der Dachverband in aller Stille aufgelöst. "Eine gewisse Wehmut ist dabei", sagt Inge Bietz und wirkt dabei ebenso gelassen wie Heide Blum, die ergänzt: "Die AG ist nicht mehr so nötig wie früher." Auf das Erreichte könnten die Aktiven "stolz sein", bilanzieren die beiden langjährigen Vorstandsmitglieder im GAZ-Gespräch. Die AGGF spiegle "ein Stück Frauengeschichte".

Der Aufbau der Demokratie ist eine Herausforderung, "die wir nicht allein den Männern überlassen dürfen": Diese Erkenntnis einer von Krieg und Nazi-Zeit geprägten Generation einte unterschiedlichste Bürgerinnen, die 1961 die Arbeitsgemeinschaft Gießener Frauenverbände (AGGF) gründeten. 57 Jahre später hat sich der Dachverband in aller Stille aufgelöst. "Eine gewisse Wehmut ist dabei", sagt Inge Bietz und wirkt dabei ebenso gelassen wie Heide Blum, die ergänzt: "Die AG ist nicht mehr so nötig wie früher." Auf das Erreichte könnten die Aktiven "stolz sein", bilanzieren die beiden langjährigen Vorstandsmitglieder im GAZ-Gespräch. Die AGGF spiegle "ein Stück Frauengeschichte".

Eine der Initiatorinnen für den Zusammenschluss war Eva Ehrlich vom Deutschen Frauenring. Man wolle den gemeinsamen Anliegen in der Öffentlichkeit mehr Gewicht verleihen, hieß es beim ersten Treffen im Juli 1961 im Café Deibel. Zu den Gründerinnen gehörten der Club berufstätiger Frauen, der Hausfrauenverein, die Frauengilde der Konsumvereine, die evangelische Frauenhilfe, der katholische Frauenbund, das Rote Kreuz sowie Frauen aus der CDU, SPD, Gewerkschaften, Vertriebenen-Landsmannschaften und dem Bundesverband für Selbstschutz.

Schon wenige Wochen später organisierte die AGGF ihre erste öffentliche Veranstaltung mit Kandidaten zur Bundestagswahl. Politische Information blieb ein wichtiges Standbein.

Ein großes Ziel war 1963 erreicht: Die Gründung der Verbraucherberatung. Die AGGF blieb über Jahrzehnte deren Trägerin. 1968 war der Dachverband beteiligt an der Einrichtung der Mütterschule.

Mit den Vorsitzenden – alle zwei Jahre wurde der Posten von verschiedenen Gruppierungen besetzt – und den gesellschaftlichen Diskussionen veränderten sich die Themen: Von der Forderung "Mädchen in gewerblich-technische Berufe" über den Abtreibungsparagrafen 218 bis zu generationenübergreifenden Wohnformen, vom verbotenen Männerbesuch im Schwesternwohnheim der Uniklinik über die Benennung von Straßen nach Frauen bis zur Stadtplanung. Zum Stadtjubiläum 1997 rückten AGGF-Frauen in historischen Kostümen Frauen aus 800 Jahren Gießener Geschichte ins Bewusstsein.

Das Engagement wurde nicht immer ganz ernst genommen, berichtet Inge Bietz. Ein Zeitungsartikel über eine Rundfahrt zu verschiedenen Institutionen im Kreisgebiet endete mit dem Satz: "Dieser Tag war für die meisten Hausfrauen einmal eine willkommene Abwechslung, zum anderen weckte er das Interesse am kommunalpolitischen Leben."

In den 1980er Jahren war die AGGF beteiligt an den Gründungen von Notruftelefon, Frauenhaus, Notmütteraustauschdienst. Sie trug wesentlich zur Einstellung der ersten Stadt-Frauenbeauftragten 1986 bei. Diese und weitere Hauptamtliche übernahmen zunehmend Aufgaben, oft gemeinsam mit den Ehrenamtlichen, etwa Aktivitäten zum Internationalen Frauentag und dem Tag gegen Gewalt. In den letzten Jahren bereitete die AGGF unter anderem den städtischen Altenhilfeplan vor.

Im Grunde setzen wir uns dafür ein, uns selbst überflüssig zu machen, wenn Gleichberechtigung selbstverständlich geworden ist: Dieses Credo hat sich teilweise erfüllt, meint Bietz. Dass Frauen inzwischen in der Öffentlichkeit eine größere und selbstbewusstere Rolle spielen, sei ein Grund für das nachlassende Interesse an der AGGF und für die Überalterung im Vorstand.

Von Paragraf 218 bis Stadtplanung

Mit der Auflösung wird das Vermögen gespendet. Je 425 Euro gehen an die beiden Frauenhäuser (autonom und Sozialdienst katholischer Frauen), an die Obdachloseneinrichtung "Die Brücke" der Diakonie und an den Verhütungsmittelfonds bei Pro Familia. Erleichtert wurde der Beschluss, weil der Kontakt nicht ganz abreißen soll: Zweimal jährlich sind informelle Treffen geplant.

Das Aus heißt keinesfalls, dass die Seniorinnen nun die Hände in den Schoß legen. Etliche bleiben vielfältig ehrenamtlich aktiv: Bietz unter anderem in der Kommunalpolitik, Blum bei den Frauen für den Frieden und im Textilbündnis – und beide im Elisabeth-Selbert-Verein, Träger des Frauenkulturzentrums. Dieser Einrichtung drohe im Übrigen noch lange nicht das Aus. "Der Laden läuft gut", auch wenn die meisten Engagierten die 60 überschritten haben. "Es kommen immer wieder Interessierte nach."

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