Studium in neuen Dimensionen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der digitale Blackout an der Gießener Universität zeigt, welche große Rolle das Internet in der Hochschule spielt. Aber nicht nur die Organisation, sondern auch die Lehre wird immer digitaler. Selbst Virtual-Reality -Brillen kommen zum Einsatz. Stellt sich die Frage: Werden Anwesenheiten in Zukunft nicht mehr nötig sein? Wird der Hörsaal zu einem Relikt einer veralteten Welt?

Es soll Studenten geben, die mehr Zeit am Tresen verbracht haben als in den Hörsälen ihrer Universität. Vielleicht haben sie sich an Justus Liebig ein Beispiel genommen, der einmal sagte: "Als Mittel der Erquickung wird der Wein von keinem Erzeugnis der Natur und Kunst übertroffen." Als Universitätsprofessor dürfte der Namensgeber der Gießener Hochschule jedoch ein Problem damit gehabt haben, wenn seine Studenten dem Unterricht fernblieben und stattdessen in Gastwirtschaften saßen. Heute hingegen, 200 Jahre später, ist es möglich, in Kneipe und Hörsaal gleichzeitig zu sein. Der digitale Fortschritt sorgt dafür, dass Studenten ihre Vorlesungen am Bildschirm verfolgen können. Auch in Gießen.

Jede zweite deutsche Hochschule will mehr auf Forschungsschwerpunkte mit digitalen Themen setzen. Das zeigt sich auch an der Neubesetzung bei Professorenstellen, wie aus einer Umfrage unter Hochschulleitungen hervorgeht. Demnach waren 2018 drei von zehn neu eingestellten Professoren auf Digital-Themen spezialisiert.

Auch an der Justus-Liebig-Universität nimmt der Wandel vom Analogen zum Digitalen einen großen Stellenwert ein. Das zeigt sich zum Beispiel in dem Verbundprojekt "Lehre 4.0", das vor zwei Jahren ins Leben gerufen worden ist. "Unser Ziel ist es, die Dozenten in ihrer digitale Hochschullehre zu professionalisieren und weiterzubilden", sagt Projektleiterin Maraike Büst.

An der JLU sei es schon lange üblich, Inhalte online zu stellen. Zudem gebe es webbasierte Lernmodule und Tests, durch die sich die Studenten auf Prüfungen vorbereiten könnten. Bei virtuellen Sprechstunden mit Professoren könnten die Studierenden ihre Hausarbeiten besprechen, und nicht zuletzt würden sogar ganze Vorlesungen, die zuvor aufgezeichnet worden seien, ins Netz gestellt. Dieses Angebot sei allerdings nicht primär dafür gedacht, die Vorlesungszeit in die Kneipe zu verlagern, betont Büst. "Dieser Service richtet sich in erster Linie an Studenten, die unverschuldet nicht an Vorlesungen teilnehmen können. Zum Beispiel, weil sie krank, schwanger oder im Ausland sind." Auch Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen seien, könnten auf diese Weise Lernstoff nachholen. Allerdings, sagt Büst, profitierten natürlich auch alle anderen Studenten von der digitalen Hochschullehre. Und das sei auch in Ordnung. "Die Menschen werden immer mobiler, diesem Umstand müssen die Universitäten Rechnung tragen."

Die meisten der heutigen Studenten sind mit Computern, Smartphones und Sozialen Netzwerken großgeworden. Für die "digital natives" ist es daher selbstverständlich, einen Teil des Studienalltags auch online zu bewältigen. Sie bringen ihre Laptops mit zur Vorlesung, suchen Quellen online und organisieren ihre Arbeitsgruppen via WhatsApp. Manche Dozenten und Professoren, gerade älteren Semesters, stehen dem "Neuland" Internet hingegen skeptisch gegenüber. Das weiß auch Projektleiterin Büst. "Für einige ist die Hürde zur digitalen Lehre groß. Man muss sich in die Materie einarbeiten." Daher biete das Projekt "Lehre 4.0" auch regelmäßig Workshops, Seminare und Treffen an, um die Dozenten zu sensibilisieren. Denn Büst ist überzeugt: "Wenn man die Hürde erst einmal genommen hat, erleichtert die Onlinelehre die Arbeit wahnsinnig."

Virtuell durch Knochen wandern

Für viele Experten ist die Digitalisierung der zentrale Baustein für die zukünftige Gestaltung unserer Gesellschaft. Daher lernen die Studenten der JLU nicht nur digital, sie werden auch auf digitale Berufe und Arbeitsprozesse vorbereitet. In Kursen zu rheumatischen und osteologischen Erkrankungen beispielsweise werden Virtual-Reality-Brillen eingesetzt. Die Studenten können dadurch virtuelle Rundgänge durch die Knochen unternehmen und so die menschliche Anatomie erkunden.

Dieses Beispiel zeigt: Digitalisierung zielt nicht nur darauf ab, das Studium aus der Ferne bewältigen zu können. Büst sagt, der Hörsaal werde auch in Zukunft der zentraler Ort des Lernens sein und somit nicht überflüssig werden. "Reine Onlineangebote nehmen die Atmosphäre, die Face-to-Face-Kommunikation ist nicht zu ersetzen." Viel sinnvoller sei eine Kombination aus Anwesenheit und Onlineangeboten, sagt die Leiterin des Projekts. "Diese Mischform ist das Nonplusultra."

Somit werden die Studenten auch künftig in der Uni lernen und anschließend in Pits Pinte, Hawwerkasten, Zwibbel und Co. einen trinken gehen. Liebig würde das sicherlich gefallen.

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