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Das Coronavirus bremst auch diese Belebung des Stadtbilds: Die gewohnten Einführungsveranstaltungen der Hochschulen gibt es zu Beginn des aktuellen Sommersemesters nicht. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Semesterbeginn

Studienstart in Gießen mit "Abstand halten"

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Ins Studium hineinfinden ohne Einführungswoche und persönliche Kontakte: Vor einer schwierigen Herausforderung stehen rund 2000 Erstsemester an den beiden Gießener Hochschulen.

Wo sie sich kennengelernt haben? Die beiden Frauen um die 50 lächeln bei der Erinnerung: "In der Einführungswoche." Zu Beginn des Studiums entstehen mitunter Freundschaften fürs Leben. Für viele Erstsemester ist diese prägende Phase verbunden mit einem wichtigen Schritt in die Selbstständigkeit, nämlich dem Auszug aus dem Elternhaus. Im Corona-Sommersemester 2020 ist indes alles anders. Rund 2000 Anfänger an den beiden großen Gießener Hochschulen sollen auf digitalen Wegen warm werden mit dem Studium und ihren Kommilitonen. Die Stadt lernen viele zunächst überhaupt nicht kennen.

Prägender Einstieg

Mindestens bis zum 1. Juni werden die Justus-Liebig-Universität und die Technische Hochschule Mittelhessen keine Präsenzlehre anbieten, sondern alternative Formen, die aus der Ferne nutzbar sind. "Wir bitten alle Studierenden, die (noch) nicht in Gießen wohnen, ausdrücklich darum, auf unnötige Anreisen zu verzichten", erklärt JLU-Sprecherin Caroline Link auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung. Das sei die beste Möglichkeit, die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und damit andere Menschen zu schützen.

An der THM studieren traditionell viele junge Menschen aus der Region, die sowieso nicht eigens umziehen, ergänzt Sprecher Armin Eikenberg. Etliche Eingeschriebene haben indes gar nicht die Möglichkeit, nach Gießen zu kommen oder zurückzukehren - nämlich diejenigen aus dem Ausland. Auch sie könnten die digitale Lehre nutzen. Einzelne Auslandssemester sind grundsätzlich verschoben. Gerade für Ausländer, aber auch für alle anderen Anfänger sei die allererste Phase des Studiums normalerweise von großer Bedeutung: Das betonen beide Hochschulvertreter.

Eikenberg spricht vom "sozialen Ankommen". Hier entstünden häufig dauerhafte Lerngruppen und Freundschaften, "die oft durch das ganze Studium und darüber hinaus tragen". Link hebt hervor, mit einem positiv erlebten Einstieg sei "ein wichtiger Grundstein für ein gelingendes Studium gelegt". Neben der Integration in das neue Bildungsumfeld spielten auch Identifikationsprozesse mit dem Fach und der Hochschule eine große Rolle. "Der freundliche, offene und direkte Austausch ist uns wichtig, und wir bedauern, dass er aktuell an der Hochschule, wie in allen Lebensbereichen, nicht möglich ist." Die Universität setze alles daran, aus dem räumlichen Abstand den Anfängerinnen und Anfängern keine Nachteile entstehen zu lassen.

Mit vielen Ideen hat die Zentrale Studienberatung der JLU in Absprache mit den Fachbereichen alternative Studieneinführungsangebote erarbeitet. Studentische Mentoren begleiten die Neulinge auf der digitalen Lernplattform Stud.IP. "Sie sind äußerst engagiert und entwickeln zum Teil eigene Formate wie Videos, Webinare oder Chats."

Fürs Kennenlernen der Erstsemester untereinander wurden Stud.IP-Gruppen samt Untergruppen angelegt. Diese werden von erfahrenen Kommilitonen betreut. Über ein Diskussionsforum können sich die Anfänger auch gruppenübergreifend austauschen.

Die THM hat Ende März alle Erstsemester per E-Mail informiert. Wer persönlichen Gesprächsbedarf hat, kann das Info-Center oder die Studienberatung ganztägig telefonisch und per Mail erreichen. "Und wer will, kann im THM-Chat nachmittags direkt mit Studierenden der Hochschule chatten", so Eikenberg. Das International Office habe zudem ein virtuelles Konzept für das bewährte "Buddy-Programm" entwickelt, bei dem Studierende Anfänger aus dem Ausland als Paten unterstützen.

Für sämtliche Studierende gilt: Nicht alles lässt sich übers Internet vermitteln. Die JLU bemühe sich, "das gewohnt anspruchsvolle Lehrprogramm" zu bieten, so Link.

Praxis kommt später

Laborpraktika, sportpraktische Veranstaltungen und einige medizinische Angebote setzten der "Distanzlehre" allerdings Grenzen. Hier würden theoretische Inhalte vorgezogen und die Praxis später - eventuell in komprimierter Form - nachgeholt. Wann, wisse niemand: "Wir befinden uns weltweit in einer dynamischen Pandemiekrise."

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