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Auch viele »groß dimensionierte« Kreuzungen, die viel Fläche beanspruchten, wie hier an der Frankfurter Straße sind den Verkehrsexperten in Gießen aufgefallen.

Studie zur Verkehrsentwicklung

Verkehrsexperten zum Anlagenring: „fahrradunfreundlich“ und „enorme Barrierewirkung“

  • Burkhard Möller
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Gutachter haben eine 140-seitige Bestandsaufnahme des Gießener Stadtverkehrs vorgelegt. Viele der darin aufgeführten Probleme werden auf die Dominanz des Autoverkehrs zurückgeführt.

Gießen – Es war morgens in der vergangenen Woche schon fast ein ungewohntes Bild in der Licher Straße: Stop-and-go-Verkehr Richtung Innenstadt ist währerd der Corona-Pandemie eher eine Ausnahme. So langsam scheint sich in Gießen das Verkehrsgeschehen den Verhältnissen anzugleichen, wie sie vor dem Ausbruch der Lungenseuche geherrscht haben. Diese alte Normalität ist die Grundlage für die Planung des Stadtverkehrs der Zukunft. Und der wird sich verändern müssen.

Das ist die klare Botschaft der 140-seitigen Bestandaufnahme, die zwei Planerbüros aus Dortmund und Berlin im Rahmen des Gießener Verkehrsentwicklungsplans (VEP) 2035 im Auftrag der Stadt vorgelegt haben. »Insbesondere im Hinblick auf die Senkung von Emissionen im Verkehr, der Priorisierung umweltfreundlicher Mobilität sowie eine attraktivere Gestaltung von Stadt- und Straßenräumen besteht weiter deutlicher und stärkerer Handlungsbedarf«, heißt es in einem Ausblick der Analyse, die nur ein erster Schritt auf dem Weg zum neuen VEP ist, der bis Ende 2022 vorliegen soll. Bis dahin müssen noch Schritte wie die Erstellung eines Verkehrsmodells, eines Zielkonzepts und die Erarbeitung konkreter Maßnahmen im Rahmen eines Umsetzungskonzepts folgen.

Studienergebnisse zur Verkehrsentwicklung in Gießen wenig überraschend

Die Bestandsaufnahme kommt zum wenig überraschenden Ergebnis, dass Gießen in weiten Teilen immer noch die autogerechte Stadt ist, zu der sie in den Jahrzehnten ab 1960 umgebaut wurde. »Viele Straßenräume sind deutlich zugunsten des Motorisierten Individualverkehrs gestaltet, was zu entsprechend hohen Verkehrsbelastungen, nachteiligen Situationen für alle weiteren Verkehrsteilnehmer inklusive dem ÖPNV sowie städtebaulichen und lokalklimatischen Missständen führt«, stellen die Experten mit dem Blick von außen auf die Gießener Verhältnisse fest. Derartige Missstände und verkehrliche Konflikte würden unter anderem an den großen Ausfallstraßen wie der Grünberger oder Marburger Straße und dem innerstädtischen Anlagenring deutlich. Hier und an anderen Stellen könne sich die »städtebauliche Qualität« Gießens durch eine »verkehrliche Transformation« weiter verbessern, wird in der Zusammenfassung formuliert.

Der Bestandsaufnahme liegen Analysen der einzelnen Verkehrsarten Fußverkehr, Radverkehr, Nahverkehr und Autoverkehr zugrunde. Ferner wurden unter anderem der Wirtschafts- und Güterverkehr, das Mobilitätsmanagement, die Umwelttsituation und die Verkehrssicherheit unter die Lupe genommen.

Für 40 Prozent aller Verkehrswege in Gießen wird das Auto benutzt

Zu Beginn präsentiert der Bericht einige interessante Zahlen zum Verkehrsverhalten der Gießener, die 2018 in einer Studie der TU Dresden ermittelt wurden. Für 40 Prozent aller Wege wird das Auto benutzt, bereits ab Kilometer drei wird der Pkw zum dominierenden Fahrzeug, bei kürzeren Strecken liegt er gleichauf mit dem Fahrrad, bis Kilometer eins gehen die Gießener am liebsten zu Fuß. Den geringen Anteil an Nahverkehrsfahrten im Bereich zwischen fünf und zehn Kilometer deuten die Gutachter als Hinweis auf Lücken im Nahverkehrsangebot zwischen Stadt und Umland. Dass der Radverkehrsanteil von 15 Prozent in 2013 auf 20 in 2018 gestiegen ist, wird auf verstärkte Anstrengungen für diese Verkehrsart zurückgeführt. Auch im Fazit ist von »stetigen Verbesserungen« die Rede.

Dass der Autoanteil unverändert hoch ist, wird auf das gute Straßennetz, ein großes innenstadtnahes Parkplatzangebot und die mangelnde Konkurrenzfähigkeit anderer Verkehrsmittel vor allem »bei längeren Wegen« zurückgeführt. Dies führt zum Thema Pendler, auf die die rund 70 Prozent aller Autofahrten entfallen. Nur 31 Prozent sind Gießener »Binnenverkehr«. Die Zahl der täglichen Berufseinpendler wird mit 35 000 angegeben, hinzu kommen die Ausbildungseinpendler, die Uni und Schulen besuchen. Insbesondere Berufstätige griffen oft auf Pkw zurück, weil aus Teilen des Umlands schnelle Schienenverbindungen fehlten. Diese Personen seien vom Auto »abhängig«.

Verkehrsexperten: Pkw-Dichte in Gießen noch „moderat“

Die Pkw-Dichte hat sich bis 2019 auf 424 je 1000 Einwohner zwar erhöht, aber dieser Wert sei im Städtevergleich noch »moderat«, heißt es. 72 Prozent der Gießener Haushalte besitzen mindestens ein Auto, je Haushalt gibt es fast zwei Fahrräder. 76 Prozent der Stadtbewohner nutzten das Rad »zumindest gelegentlich«.

Zum Anlagenring äußern sich die Planerbüros natürlich ebenfalls: Da der innerstädtische Anlagering ein Teil des Gießener Radhauptroutennetzes sei, sei die fehlende Radinfrastruktur »besonders negativ hervorzuheben«. Die »autoaffine Gestaltung« mit mehreren Pkw-Fahrstreifen entfalte eine »enorme Barrierewirkung« und führe zur Einstufung »fahrradunfreundlich mit hohem Risikopotenzial«.

Öffentliche Online-Veranstaltung zum Gießener Verkehrsentwicklungsplan

Der Verkehrsentwicklungsplan ist Thema einer öffentlichen Online-Dialogveranstaltung der Stadt am 16. Juni. Von 17 bis 19 Uhr geht es um die Verkehrs- und Mobilitätsplanung in der Stadt für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre. Die Veranstaltung findet digital statt. Der Link zur Teilnahme: https://dialoggestalter.webex.com/dialoggestalter/j.php?MTID=m7a36f8a919d1037a914185b4a5a07a3f. Über Telefon beitreten: +49/89/95467578, Code: 163 625 1459.

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