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Der Student und das Streben nach einer besseren Welt

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Gießen/Pohlheim (agl). UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon treffen? Oder mit Maria Furtwängler aus dem »Tatort« posieren? Für Ali Can folgen solche Termine keinem Selbstzweck, auch sind sie kein Kick fürs Ego. Den jungen Pohlheimer treibt das Streben nach einer besseren Welt an.

Einer Welt, in der es Frauen nicht schlechter gehen soll als Männern. Streben nach einer Welt, die etwas tut für ihre Ärmsten. Ob es die Flüchtlinge sind, die grauenhafte Erlebnisse gegen die Sicherheit in Gießen eintauschen. Ob es die Menschen sind, die verzweifelt auf dem Mittelmeer umhertreiben. Sie alle meint der 21-Jährige, wenn er von Integration spricht.

Der Watzenborn-Steinberger kam 1995 mit seiner Familie von der Türkei ins Münsterland, vor sieben Jahren zogen die Cans nach Pohlheim. Ali besuchte die Adolf-Reichwein-Schule, legte sein Abitur an der Ostschule ab, derzeit studiert er Deutsch und Ethik. »Das Theater war der erste Meilenstein bei mir. Es hat sehr dazu beigetragen, dass ich mich integriert habe«, verrät der junge Pohlheimer, wie er hier in Mittelhessen vollends angekommen ist. Doch Ali Can geht es um mehr als darum, selbst dazu zu gehören. In Zeiten, in denen eine Horrornachricht von Ertrunkenen im Mittelmeer die nächste jagt, in denen Flüchtlinge von vielen alles andere als willkommen geheißen werden, macht sich der Student auf, die Welt ein Stück besser zu machen.

Die Stichworte heißen UNICEF und ONE. 2012 habe er ein Praktikum beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gemacht, erzählt er. Kein Bürojob. Vielmehr stellte er UNICEF in Schulen vor, spielte Stücke über Armut, die Schüler setzten sich damit auseinander. »UNICEF gab mir den Freiraum, das theatralische mit dem sozialen Engagement zu verbinden«, blickt Can zurück. Die Begeisterung für die Organisation blieb, zu Beginn seines Studiums gründete er eine UNICEF-Hochschulgruppe an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Um die 20 Mitglieder zählt sie mittlerweile, sie haben ganz unterschiedliche Nationalitäten. Die Studenten sammeln Spenden, verkaufen Plätzchen oder organisieren Veranstaltungen für den guten Zweck.

Und dann gibt es da noch ONE, eine von U2-Frontmann Bono ins Leben gerufene Organisation. Ali Can gehörte zu den 50 ONE-Jugendbotschaftern, die im März in Berlin gemeinsam mit Maria Furtwängler und der ehemaligen Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan die Kampagne #MUT2015 startete.

»Armut ist sexistisch!« So lautet der Slogan, die Anklage. Tenor der Aussage: Frauen werden gerade in den armen Ländern dieser Erde gegenüber Männern extrem benachteiligt. Sei es beim schlechteren Zugang zu Produktionsmitteln, bei der Gesundheitsfürsorge oder bei der Bildung, um nur drei Beispiele zu nennen. ONE sieht darin ein enormes ungenutztes Potenzial in der Armutsbekämpfung. »Wenn man Frauen unterstützt, dann ist das eine Win-win-Situation für die gesamte Gesellschaft«, sagt Ali Can.

Vielleicht kommt der junge Pohl-heimer mit seinem Wunsch nach einer besseren Welt ja auch am nächsten Mittwoch ein Stück weiter, dann nämlich wird er im Rahmen eines ONE-Termins UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon bei der EU-Kommission treffen. Und im Juni geht’s dann nach München. Die G7, die sieben wichtigsten Industrienationen, kommen zusammen, was Gelegenheit bietet, den Regierungen in Sachen Entwicklungspolitik ins Gewissen zu reden. Ali Can wird mit dabei sein.

Aber er will auch die Arbeit hier in Gießen nicht aus den Augen verlieren. Derzeit gründet er einen Verein. Darin, so stellt es sich der 21-Jährige vor, könnten sich Studenten für Flüchtlinge engagieren, mit ihnen einkaufen, zum Arzt gehen, sie über den Sport integrieren. Das ist seine Vision: Ali Can möchte Teil einer Weltfamilie sein, in der Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft und Kultur, sich helfen und Menschlichkeit zeigen.

Er verstehe die Angst derjenigen, die sich vor dem Fremden fürchten, sagt er. »Doch es ist wichtig, dass man die Menschen an die Hand nimmt und ihnen eine Willkommenskultur bietet.« Und auf der anderen Seite lerne man selbst, die Dinge besser einzuordnen, sie mehr zu schätzen. Plötzlich sei es nicht mehr wichtig, ob der Bus pünktlich oder fünf Minuten zu spät komme. Der Horizont verschiebt sich, wenn die Nachrichten wieder Tote im Mittelmeer vermelden.

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