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In der Bahnhofstraße 58 erinnern fünf Stolpersteine an Nathan Goldschmidt, seine Ehefrau Lina und seine Töchter Helene, Ruth Regina und Berta Hildegard. Die Nazis deportierten sie 1942 nach Polen und ermordeten sie.

Stolpern mit Kopf und Herz

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Vor vier weiteren Häusern in der Innenstadt erinnern nun Stolpersteine an die ehemaligen Gießener jüdischen Glaubens, die von Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Verlegung fand diesmal wegen der Pandemie nur im kleinen Rahmen statt. Sie war aber nicht minder emotional.

Doris Sertel muss schlucken, als sie die goldenen Plaketten auf dem Bürgersteig an der Bahnhofstraße sieht. Tränen stehen in ihren Augen. Es ist ein emotionaler Moment für die Frau, die gestern zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter aus Solms nach Gießen gekommen ist, um bei der Verlegung von Stolpersteinen in Gedenken an die von Nationalsozialisten ermordeten Gießener jüdischen Glaubens dabei zu sein. In der Bahnhofstraße 58 hatte Nathan Goldschmidt, der Bruder ihres Großvaters, zusammen mit seiner Ehefrau und seinen drei Töchtern gewohnt. 1942 wurden sie von den Nazis ins besetzte Polen deportiert und dort umgebracht.

Über 150 Steine in Gießen verlegt

Normalerweise werden Stolpersteine im Beisein der Bevölkerung verlegt; meistens gibt es ein von Schulen gestaltetes Rahmenprogramm. Am gestrigen Freitag ist vieles anders. Wegen der Pandemie findet eine sogenannte stille Verlegung statt: Weder der Künstler Demnig, noch eine Schulklasse sind anwesend. Nur ein kleiner Kreis Engagierter wie Christel Buseck und Monika Graulich sowie Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz.

154 Stolpersteine an 56 Standorten gibt es in Gießen. Nun sind weitere hinzugekommen. »Man darf sich von der Zahl nicht täuschen lassen«, sagt Grabe-Bolz. »Denn hinter jeder Zahl steckt ein Mensch mit einem Namen und Erinnerungen.« Die OB bezeichnet die Stolpersteine als »größtes dezentrales Mahnmal Deutschlands«. Die Kritik, Stolpersteine würden von oben herab betrachtet oder mit Füßen getreten, sieht Grabe-Bolz nicht. »Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen.« Pfarrer Gabriel Brand ergänzt: »Der Grundgedanke ist es, den Menschen einen Namen zu geben. Viele hatten am Ende nur eine Nummer.«

Die am Freitag verlegten Stolpersteine erinnern an folgende Familien:

Bahnhofstraße 58, Familie Nathan Goldschmidt:

Nathan Goldschmidt kam 1913 aus Bad Nauheim nach Gießen. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg und übte verschiedene Tätigkeiten aus. 1919 heiratete er Rosa Stern, mit der er drei Töchter hatte: Helene, Ruth Regina und Berta Hildegard. Rosa Stern starb im September 1933, woraufhin Goldschmidt im Januar 1934 Lina Stern heiratete. Nathan Goldschmidt, seine Frau und die Töchter Ruth Regina und Berta Hildegard wurden am 30. September 1942 nach Polen deportiert und ermordet. Helene ging 1940 nach Mainz, erlitt aber am 25. März 1942 das gleiche Schicksal.

Westanlage 43, Familie Isidor Rosenbaum:

Isidor Rosenbaum kam mit seinen Eltern 1888 aus Rodheim-Bieber nach Gießen. Ab 1912 lebte er in der Westanlage 46. Rosenbaum heiratete Dora Sternberg aus Weilburg. Zwei Töchter - Alice und Marianne - gingen aus der Ehe hervor. Während Alice in die USA flüchten konnte, wurden ihre Eltern und ihre Schwester deportiert und ermordet.

Dammstraße 44, Geschwistern Charak:

Die Eltern von Sophie und Leon Charak zogen 1899 von Frankfurt nach Gießen. Ursprünglich stammten sie aus Österreich. Sophie, geboren 1894, betrieb einen Handel für Damen-, Herren- und Kinderkonfektion, für Wäsche und später für Möbel. Ab 1936 musste sie mehrfach umziehen; zuletzt lebte sie in der Walltorstraße 48. Von dort wurde sie nach Polen deportiert und ermordet. Leon wurde 1899 in Gießen geboren, lebte dort aber nur eine kurze Zeit. Anhand der Opferliste Gießener Juden lässt sich sein Lebensweg nicht nachzeichnen. Leon wurde aus Frankreich verschleppt und am 4. September 1942 in Auschwitz ermordet.

Deportiert und ermordet

Dammstraße 32, Manfred, Johanna und Siegmund Rosenbaum:

Manfred Rosenbaum wurde in Rodheim-Bieber geboren und wanderte am 1. August 1933 nach Frankreich aus. Als die Nazis das Land besetzten, wurde er interniert und 1944 in ein Vernichtungslager deportiert. Sein Todesdatum in Buchenwald ist mit dem 22. Mai 1945 - zwei Wochen nach Kriegsende - angegeben.

Johanna Rosenbaum, geboren in Aßlar, betrieb einen Wursthandel. Bis Ende März 1939 lebte sie in der Dammstraße 32 und musste dann in die Walltorstraße 48 ziehen, ein Ghettohaus. Am 30. September 1942 wurde sie deportiert und ermordet. Auch Siegmund Rosenbaum stammt aus Rodheim-Bieber. Er zog 1913 nach Gießen, lebte kurze Zeit in Fulda, kehrte nach Gießen zurück und wohnte in der Dammstraße 32. Im Februar musste auch er in die Walltorstraße 48 ziehen, später wurde er deportiert und getötet.

Dass die Erinnerung an die Lebenswege der Ermordeten nie enden darf, betont OB Grabe-Bolz. Doris Sertel gibt ihr recht und unterstreicht dies mit einem Beispiel: Als sie jünger war, sei sie auf ihren Mädchennamen Goldschmidt angesprochen worden. »Deinen Vater hat man vergessen zu vergasen«, habe man ihr gesagt. »Heute«, betont sie, »kommt das alles wieder.«

Während Christel Buseck die Geschichte der Familie Goldschmidt nachzeichnet, setzt Leo Vogel von der Stadt die fünf Stolpersteine vorsichtig in den Bürgersteig ein, klopft sie mit einem Hammer fest und fegt Sand und Pflastersplitt in die Ritzen. Als er Wasser über die Stolpersteine gießt, glänzen sie golden.

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