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Corona

Stille Nacht: Die Corona-Chronik für Gießen im Dezember

  • Burkhard Möller
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Die Weihnachtsmette nur online oder im kleinsten Kreis, das Weihnachtsgeschäft abgebrochen, kein Feuerwerk und Ausgangssperre an Silvester: So ein Jahresende hat Gießen in der Nachkriegszeit noch nie erlebt. 2020 endet mit vielen Schrecken, aber auch mit den ersten Impfungen. Teil zehn der Gießener Corona-Chronik.

Dienstag 1. Dezember: Nach der Entscheidung des Landkreises für den Roller-Möbelmarkt in Heuchelheim als Standort des Gießener Impfzentrums laufen die ersten Vorbereitungen. Bis zum 11. Dezember muss das Zentrum betriebsbereit sein.

Corona-Alltag in Wettenberg-Wißmar. Auf dem Kundenparkplatz eines Geschäfts geraten drei Frauen in Streit, weil sich eine zuvor geweigert hat, in dem Laden eine Maske zu tragen. Die Maskenverweigerin tritt vor Wut gegen den Pkw einer ihrer Kritikerinnen und fährt davon.

Die Corona-Zahlen zu Beginn des letzten Monats des Jahres: Bislang 20 Tote, 2210 aktive Fälle und eine Inzidenz von 165. Am Uniklinikum werden 58 Patienten behandelt, am Monatesende werden es doppelt so viele sein.

Samstag, 5. Dezember: Beim Räumungsverkauf in der Filiale der Schuhmodenkette CCC kommt es im Seltersweg zu unfassbaren Szenen. Auf der Jagd nach Schnäppchen wird die Einlasskontrolle von den Kunden überrannt. Drinnen fliegen im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen, Hygienebestimmungen werden ignoriert. Gegen 15 Uhr wird das Geschäft von der Ordnungspolizei dichtgemacht. »Die Verkäuferinnen waren froh, dass wir das Geschäft geschlossen haben«, berichtet ein Polizist. Die Stadt verzichtet auf ein Bußgeld gegen CCC; die Schuld für das Chaos liege bei den rabiaten Kunden.

Donnerstag, 10. Dezember: Sie sind geschult und freundlich am Telefon: 20 Mitarbeiter des Gießener Reiseanbieters Service-Reisen Heyne GmbH besetzen im Rahmen eines Pilotprojekts im Gesundheitsamt ab sofort die Telefon-Hotline.

Dienstag, 15. Dezember: Letzter Öffnungstag des Einzelhandels vor dem Lockdown. Vor allem am Montag herrscht in der Fußgängerzone noch einmal viel Betrieb. Die Läden verlängern die Öffnungszeit, um den Andrang zu entzerren. Seit Sonntagnacht gilt zudem im Landkreis Gießen wegen der Inzidenz von über 200 ab 21 Uhr eine Ausgangssperre. Wer danach grundlos unterwegs ist, muss 200 Euro zahlen. Polizei und Ordnungspolizei setzen aber zunächst auf Aufklärung. Gießen wird zur Geisterstadt.

Donnerstag, 17. Dezember: Das Stadtparlament zieht sein Programm unter widrigen Bedingungen durch. In der letzten Sitzung des Jahres wird der Haushalt 2021 beschlossen. »Wir sind Teil des Staatswesens, das gerade in Krisenzeiten funktionieren muss«, verteidigt Stadtverordnetenvorsteher Frank Schmidt die Durchführung der Sitzung gegen Kritik von FDP und FW, die zu Hause bleiben.

Montag, 21. Dezember: Über Umwege sollen die Pflegekräfte des UKGM nun doch zu ihrer Corona-Prämie kommen. Die Geschäftsführung will eine klinikumsinterne Prämie aus einer einmaligen Aufwandsentschädigung, die das Land Hessen ans UGKM ausschüttet, in Höhe von mindestens 500 Euro pro Mitarbeiter zahlen. Im neuen Jahr kündigt das Gießener Unternehmen Pascoe eine Spende von 100 000 Euro für die Pflegekräfte des UKGM an. Auslöser: Eine GAZ-Reportage über den harten Arbeitsalltag auf der Gießener Corona-Station »Covid-City« des Uniklinikums.

Es sollte nur ein kleiner Mutmacher sein, den die 21-jährige Gießenerin Clara Lösel bei Instagram postete. Ihr achtminütiger Poetry Slam indes, in dem sie die Krankheit bewusst nicht erwähnt, wird innerhalb kurzer Zeit 50 000-mal aufgerufen. »Ich bin sonst gut in Worten, aber da fehlen sie mir«, sagt sie zur Resonanz.

Mittwoch, 16. Dezember: Freibier heißt in Corona-Zeiten »Spahn-Maske«. Die Ver- teilaktion von kostenlosen FFP2-Masken an 27 Millionen Bürger aus den Risikogruppen treibt auch in Gießen seltsame Blüten. Mitarbeiter von Apotheken, deren Kontingent schnell vergriffen ist, werden von »Kunden«, die leer ausgehen, übel beschimpft. Vom »schlimmsten Tag« im Berufsleben spricht eine Angestellte, »es war die Hölle« sagt eine Apothekerin.

Dienstag, 22. Dezember: Wer mit Oma und Opa an Weihnachten feiern will, sichert sich mit einem Schnelltest ab. Entsprechend lang sind die Schlangen vor den privaten Test-Centern. 30 Tests schafft die Station an der Margaretenhütte pro Stunde. »Für den 23. und 24. sind manche Zeiten schon ausgebucht«, heißt es vom Betreiber.

Sterben die Leute an oder mit Corona? Eine der meistdiskutierten Fragen in der Pandemie beantwortet der Rechtsmediziner Prof. Reinhard Dettmeyer im gesundheitsrechtlichen Praktikerseminar der JLU: In mindestens 95 Prozent der Fälle sei die Lungenseuche auch die eigentliche Todesursache gewesen.

Mittwoch, 23. Dezember: Eine E-Mail des Gießener Krematoriums an die Bestattungsunternehmen weckt Erinnerungen an die schrecklichen Bilder aus Bergamo und New York im Frühjahr. Durch die rasant steigenden Todesfälle durch Corona steht im Krematorium zwischenzeitlich kein Platz mehr für zwischengelagerte Särge zur Verfügung. Das Uniklinikum denkt über die Anschaffung zusätzlicher Kühlkapazitäten für Leichen nach, aber Anfang Januar entspannt sich die Lage etwas.

Corona-Ausbrüche in Altenheimen wie in Annerod treiben die Inzidenz im Landkreis hoch. Kurz vor den Feiertagen steht sie bei über 280. In Fernwald, wo es im Anneröder Alloheim zu 70 Infektionen kommt, liegt der maßgebliche Wert bei über 1000.

Donnerstag, 24. Dezember: Die stille Nacht ist wirklich still. Nur vereinzelt und im kleinsten Rahmen finden in Gießen Weihnachtsgottesdienste statt, das evangelische Dekanat verzichtet ganz. »Fürchtet euch nicht!« Selten waren die Worte des Engels aus der biblischen Weihnachtsgeschichte, die Kirchenpräsident Dr. Volker Jung in seiner Zeitungspredigt zitiert, nötiger als in diesem Jahr.

Auch das ist Corona: Die Gießener Luftmessstation an der Westanlage verzeichnet bis einschließlich November mit einem Jahresmittelwert von 34 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft die niedrigsten Werte seit in Gießen durch das Land Hessen die Luftschadstoffe gemessen werden. Ein Grund dürfte das reduzierte Verkehrsaufkommen durch Lockdowns und Homeoffice sein.

Montag, 28. Dezember: Nach dem Impfstart am Sonntag im Landkreis Gießen in drei Altenheimen in Gießen, Rabenau und Reiskirchen greift Kanzleramtschef Helge Braun am Montag im Uniklinikum selbst zur Spritze und hilft beim Impfstart. 1150 Mitarbeiter werden so im ersten Zug gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 geschützt. »Der Impfstoff ist sicher«, sagt der gelernte Arzt zum Stoff aus den Labors des Mainzer Unternehmens Biontech.

Hunde werden in der Coronakrise zum Garanten für Bewegungsfreiheit und -freude sowie zu Gefährten in einsamen Stunden. Weit 500 neue Vierbeiner melden die Gießener bei der Stadt bis November an. Ein Rekord, über den sich auch die Fachmärkte für Tierbedarf freuen. Und das Tierheim, das selbst hoffnungslose Fälle vermitteln kann.

Mittwoch, 30. Dezember: Das Kreisgesundheitsamt zieht eine verheerende Corona-Bilanz für den Dezember. Bis Ende November waren in den 18 Städten und Gemeinden 20 Menschen an und mit der Lungenseuche gestorben, im Dezember kommen 81 Tote hinzu. Vor allem in den Altenheimen wütet Covid-19. Im Gießener Johannesstift zum Beispiel sind es 14 hochbetagte Bewohner, die die Infektion nicht überleben.

Sachen gibt’s: Eine der wichtigen japanischen Nachrichtensendungen illustriert ihren Bericht über den vorweihnachtlichen Lockdown in Deutschland mit einem Foto von den »Drei Schwätzern« mit der Weihnachtsbeleuchtung der Plockstraße im Hintergrund. Ein japanisches Ehepaar, das in Gießen gelebt hat, schickt das Bild an Gießener Freunde.

Donnerstag, 31. Dezember: Im Silvesterinterview erinnert sich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, wo sie zuletzt Hände geschüttelt hat: »Ich glaube, das war Anfang März beim Vereinsjubiläum vom Fanfarenzug Hansa. Da saßen wir noch eng beieinander, ich habe Urkunden übergeben und auch Hände geschüttelt. Ein paar Tage später war alles anders.«

Lautsprecherwagen der Ordnungspolizei fahren durch die Wohnstraßen der Stadt. Die Durchsagen weisen auf das Feuerwerksverbot und die Ausgangssperre ab 21 Uhr hin. »Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet«, sagt Gießens Polizeichef Joachim Bernard. Abteilungsleiter Dirk Drebes von der städtischen Ordnungspolizei hat einen Wunsch für das neue Jahr: »Ich will nicht mehr so oft in der Zeitung stehen, denn dann würde es ruhiger.« In dieser Silvesternacht jedenfalls wird sein Wunsch erhört.

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