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Auch zur einzelnen Tasse Kaffee erhält man jetzt ungefragt einen Beleg. Mitnehmen muss der Gast oder Kunde den Zettel nicht. SYMBOLFOTO. DPA

Neue Kassenbon-Pflicht

Bon-Pflicht in Gießen: So lief der Start

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Eine Brezel, ein Bier: Für alles gibt es jetzt einen Kassenbon. Für alles? Nicht ganz, zeigt sich in Gießen. Manche schütteln den Kopf über den "Wahnsinn". Andere finden die Bonpflicht sinnvoll.

Gießen - "Hast du heute morgen beim Bäcker einen Bon zu deinem Brötchen bekommen?" Mit dieser Frage beginnt am Donnerstag manches Kollegengespräch gleich nach den guten Wünschen für das neue Jahr. Und die Antwort fällt in Gießen unterschiedlich aus. Augenscheinlich wird die "Belegausgabepflicht", die mit dem Beginn des Jahres 2020 greift, noch nicht flächendeckend umgesetzt.

Eine Brezel. Zwei Berliner. Beträge zwischen 40 Cent und fünf Euro verlangt die Bäckereiverkäuferin pro Kunde. Und jedem muss sie einen Kassenzettel ausdrucken. "Niemand will den Bon mitnehmen", stellt sie fest.

Eine Kollegin berichtet allerdings, dass manche Kunden extra danach gefragt haben. Denn in manchem Betrieb gibt es noch Anlaufschwierigkeiten, stellt die GAZ bei einem kleinen Rundgang durch Gießen fest. Wer keine Registrierkasse besitzt, ist von der Pflicht sowieso ausgenommen. Und für "Härtefälle" sind Ausnahmen möglich; freilich muss das Finanzamt jeden Antrag einzeln prüfen. Eine Bagatellgrenze gibt es nicht. Selbst ein Kiosk-Kaugummi für zehn Cent fällt unter die Neuregelung.

Um Steuerbetrug wirksamer einzudämmen, hat der Gesetzgeber die neue "Kassensicherungsverordnung" beschlossen. Der Bundesrechnungshof schätzt, dass durch nicht registrierte Bargeldumsätze dem Staat pro Jahr etwa zehn Milliarden Euro an Steuereinnahmen entgehen. Die Pflicht zum ausgedruckten Beleg betrifft nun beispielsweise Metzger, Friseure, Gastwirte, Betreiber von Imbissen oder Marktständen.

Im Türmchen am Kirchenplatz beispielsweise wurden die Gäste bisher gefragt, ob sie einen Beleg wollen. Jetzt bekommen sie ihn ungefragt. "Einige reagieren verdutzt, vor allem wenn sie nur einen Kaffee hatten", erzählt eine Bedienung. "Manche lachen. Viele wissen Bescheid." Bei größeren Bestellungen sei so ein Zettel eigentlich ganz sinnvoll, findet ein Stammgast, der bei der Frage nach dem Bon bisher stets abgewinkt hat. "Man fühlt sich nicht als Controlletti und kann trotzdem nachschauen, ob alles stimmt."

Gießen: Bon-Pflicht in der Kritik

Die Neuregelung wird seit Wochen kontrovers diskutiert. Kritiker verweisen darauf, dass die Bezahlvorgänge von modernen Kassen sowieso erfasst und jahrelang überprüfbar sind. Sie beklagen teure Kassennachrüstungen und Berge von zusätzlichem Müll aus Thermopapier, das sich nicht wiederverwerten lässt.

Aus gutem Grund hat seine Branche besonders laut protestiert, sagt der Gießener Bäckermeister Bernd Braun, stellvertretender Obermeister der heimischen Innung. Zahlreiche Kunden, kleine Rechnungsbeträge - da seien meterweise Ausdrucke "nicht verhältnismäßig". Natürlich habe auch bisher schon jeder, der möchte, einen Beleg bekommen. Doch das sei nur etwa jeder Zehnte.

"Ich hoffe immer noch, dass die Bonpflicht auf politischer Ebene wieder gekippt wird", meint Braun. So weit er wisse, gebe es weiter Gespräche innerhalb der Großen Koalition in Berlin. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte im Dezember Ausnahmen gefordert, bisher jedoch vergeblich.

Kritik äußern auch Umweltverbände und die FDP. Deren Gießener Landtagsabgeordneter Wolfgang Greilich postete am Donnerstagmorgen auf Facebook ein Foto seiner Brötchenrechnung mit der Bemerkung: "Der Wahnsinn hat begonnen. Danke für die Bonpflicht, liebe GroKo!" Die Kommentare darauf spiegeln indes durchaus ein breites Meinungsspektrum wider. "Mein Bäcker hatte keinen Bon. Bin ich jetzt verpflichtet ihn anzuzeigen?", ulkt einer und bekommt zur Antwort: "Na klar... aber bitte beim Blockwart mit dem richtigen Formular." Ein anderer sieht in der FDP-Kritik "Populismus". Und einer ruft dazu auf, Belege einzufordern. Denn bisher gebe es etwa in der Imbissbranche eine Zweiklassengesellschaft, was die Steuerehrlichkeit betrifft.

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