+

Steiniger Weg für "Leuchtturm"

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Mittelhessens erstes Fraunhofer-Zentrum soll ein "Leuchtturm" der Insektenforschung werden. Der Zeit- und Kostenplan ist jedoch aus dem Ruder gelaufen. Bei einem kleinen Festakt in dem fast fertigen Gebäude überwog indes die Freude.

Die wachsende Weltbevölkerung ernähren, neuartige Medikamente und umweltfreundliche Pflanzenschutzmittel entwickeln: Insekten könnten Lösungen liefern "für die großen Krisen dieser Zeit". Das sagte Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn im künftigen Fraunhofer-Institut für Bioressourcen am Leihgesterner Weg/Ohlebergsweg. Sie übergab einen Förderbescheid über 5,8 Millionen Euro und sicherte weitere 1,5 Mio. Landesmittel für die Bau-Mehrkosten zu.

Warum das Gebäude nach vier Jahren immer noch nicht ganz fertig ist, wollte vor Ort niemand offiziell erläutern. "Der Weg war mühsam und steinig", meinte Dorn in ihrer Rede. Auf GAZ-Nachfrage wollte sie nicht ins Detail gehen: Es handle sich um eine Fraunhofer-Baustelle. Die "Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung" war beim Festakt nicht vertreten. Mehrere GAZ-Anfragen zu den Verzögerungen ließ Fraunhofer unbeantwortet, so auch jetzt.

Die ersten der rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten bereits in dem vierstöckigen Bau mit 4000 Quadratmetern Nutzfläche, Gewächshäusern auf dem Dach und origineller Insekten-Kunst. Eine Einweihung ist frühestens für den Herbst 2020 geplant. Dem Vernehmen nach hat sie sich nicht nur wegen der Corona-Pandemie verschoben. Beim Richtfest im Mai 2018 wurde als Einzugstermin der Sommer 2019 genannt, beim Spatenstich 2016 war sogar von der Inbetriebnahme 2018 die Rede.

Statt der anvisierten 30 soll das aufwendig ausgestattete Gebäude nun 33 Millionen Euro kosten. Die Hälfte der Mehrkosten trägt das Land aus Mitteln des Loewe-Programms (Landes-Offensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz). Sie sei "zuversichtlich", dass die Fraunhofer-Gesellschaft die andere Hälfte aus Bundesmitteln tragen werde, erklärte Dorn.

"Paradebeispiel" für Zusammenarbeit

Ansonsten drohe, erklären Insider der GAZ, die Streichung weiterer Projekte. Schon durch die zeitliche Verzögerung habe man Fördermittel in Höhe mehrerer Millionen Euro verloren.

Beim Festakt überwog jedoch die Freude über den weltweit bedeutsamen "Leuchtturm" der Spitzenforschung, sagte Dorn. Das erste Fraunhofer-Institut Mittelhessens sei ein "großes gemeinsames Werk" mehrerer Partner. Solche Orte der Wissenschaft "geben uns Mut" für die Zukunft, so die Grünen-Politikerin. Die 5,8 Millionen Euro sind als "Auslauffinanzierung" bis zum Jahr 2022 gedacht.

Ab 2023 soll die Fraunhofer-Gesellschaft die Einrichtung tragen. "Ich hoffe, dass wir dieses Ziel erreichen", sagte Andreas Vilcinskas, Professor für Insektenbiotechnologie an der Justus-Liebig-Universität und Leiter des Zentrums. 110 Millionen Euro - davon rund 67 vom Land - seien seit 2009 in das Vorhaben geflossen, das von einer Projektgruppe über einen Loewe-Schwerpunkt zum Loewe-Zentrum gewachsen ist, erläuterte Vilcinskas. "Dank der Förderung des Landes Hessen und mit der Fraunhofer-Gesellschaft als Partner sind wir in Gießen auf dem besten Weg, eine internationale Spitzenposition in der Insektenbiotechnologie einzunehmen - in der Forschung und in der Anwendung."

Vilcinskas hob die Erfolge als "Professor/innenschmiede" hervor mit besonderem Augenmerk auf die Frauenförderung. Drei Männer und drei Frauen aus dem Zentrum sind mittlerweile Professor/in.

Die innovative und erfolgreiche Forschung unterstrich Uni-Vizepräsident Prof. Peter Kämpfer. Er nannte das Zentrum ein "Paradebeispiel" für gelingende Kooperation namentlich mit der Technischen Hochschule Mittelhessen. THM-Vizepräsident Prof. Jochen Frey bestätigte, das Loewe-Programm habe auch hier "extrem Gutes bewirkt".

"Von Insekten lernen - Sie haben uns gelehrt, dass das möglich ist", sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz an Vilcinskas gewandt. Die Forschung sei mit Respekt vor Tieren verknüpft.

Die etwa 20 Gäste des Festakts zeigten sich bei Rundgängen in Kleinstgruppen durch einige Labore fasziniert von den Projekten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare