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Wer steckt hinter dem gefälschten Bus-Flyer in Gießen?

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Von: Karen Werner

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Busfahren zum Nulltarif hat ein Flugblatt in Gießen angekündigt. Es war gefälscht. Viele vermuten Jörg Bergstedt hinter der Aktion. Der zeigt sich amüsiert. Derweil beschäftigt das Thema tatsächlich die Politik.

Die breite Bevölkerung diskutiert über die Idee eines für die Nutzer kostenfreien Nahverkehrs: Das dürfte das Ziel der Unbekannten gewesen sein, die in der Nacht zum Samstag aufwendig gefälschte Flugblätter in etlichen Gegenden Gießens in Briefkästen gesteckt haben. Und sie hatten Erfolg. »Wir haben am Frühstückstisch und in der Schule darüber gesprochen«, berichten am Montagmittag Jugendliche am Berliner Platz, wo gerade ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks Passanten interviewt.

An der Ostschule gab es sogar eine Durchsage, dass diese Woche keineswegs ein Nulltarif in den Stadtbussen gelte – obwohl die Schüler in der Regel sowieso Zeitkarten haben. Bei den Stadtwerken prüft man indes eine Strafanzeige. Ob die Stadt gegen die Urheber vorgehen will, steht noch nicht fest.

Strafanzeige wird geprüft

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, deren Foto und Unterschrift dreist abgedruckt wurden (»Wir probieren es! Ihre überzeugte Rad- und Busfahrerin«), befand sich am Montag auf dem Rückflug aus Nicaragua, wo sie Gießens Partnerstadt San Juan del Sur besucht hatte. In ihrer Vertretung sagt Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich streng: »Es geht gar nicht, Leute so in die Irre zu führen und offizielle Logos zu verwenden« – und räumt dann ein: »Ich musste ein bisschen schmunzeln. Ich habe schon schlimmere Flugblätter gesehen. Es ist gut gemacht und in der Sache gar nicht so verkehrt.« Busfahren ohne Ticket sei »eine legitime Forderung«, meint die Grüne, allerdings keine, die sie für realistisch halte (siehe Kasten).

»Schlimm« findet Stadtwerke-Sprecherin Ina Weller die Fälschung. »Mir tun vor allem die Busfahrer leid. Ihnen gegenüber ist das nicht fair.« Fahrgäste würden enttäuscht, die OB müsse sich für Aussagen rechtfertigen, die sie gar nicht getätigt hat.

Von einem Ansturm zahlungsunwilliger Fahrgäste konnte indes keine Rede sein. Von 20 bis 30 Fragen in den Bussen am Montagmorgen berichtet Weller. Die meisten Bürger wussten über die Fälschung Bescheid dank der Informationen über die Zeitung, das Internet und Aushänge an den Haltestellen. Auch in den Bussen wollen die SWG noch Plakate aufhängen, denn die angebliche Testphase war bis Sonntag angekündigt.

Der Großteil der von der GAZ befragten Busfahrer zeigten sich eher amüsiert als verärgert. »Da hat sich eben einer einen Scherz erlaubt«, sagt einer. Ein anderer ergänzt: »Viele fahren längst zum Nulltarif« – es gebe etliche Schwarzfahrer. Niemand kann sich laut Weller darauf verlassen, dass Kontrolleure in dieser Woche bei Busnutzern ohne Ticket ein Auge zudrücken: »Das wird im Einzelfall entschieden.«

Wie viele Flugblätter verteilt wurden, wissen nur die Initiatoren. Es müssen mindestens Dutzende gewesen sein. Die GAZ-Redaktion erfuhr von Empfängern in der Weststadt, im Bereich Grünberger/Rödgener Straße, in der Steinstraße, im Tulpenweg, im Sandfeld oder in Wieseck. Und viele Bürger nahmen das professionell gestaltete Blatt zunächst für bare Münze. »An sich eine gute Sache«, schrieb ein Anwohner des Lärchenwäldchens der Redaktion am Samstag und wunderte sich, dass die Tageszeitungen nicht vorab über die Probewoche berichtet hatten.

Viele waren zunächst gutgläubig

Etliche Gießener meinen die Handschrift der Projektwerkstatt Saasen zu erkennen. Der Schwarzfahr-Aktivist Jörg Bergstedt sagt auf GAZ-Anfrage nur so viel: »Es ehrt und amüsiert mich, dass alle denken, dass wir das waren. Die Aktion hätte auch glatt von uns sein können.« Nach seiner »Beobachtung« lägen noch viele Flugblätter im Stadtgebiet aus.

Zwar hat das Stadtparlament im November keine Nulltarif-Woche beschlossen, aber eine Überprüfung, ob kostenfrei nutzbare Stadtbusse samstags möglich wären. Eine Antwort sei nicht so bald zu erwarten, erklärt Weigel-Greilich dazu. Die RMV-Experten seien völlig überlastet, weil etliche Kommunen ähnliche Fragen gestellt hätten.

Zusatzinfo

Nicht kostenlos, aber günstiger?

Busverkehr zum Nulltarif sei nicht so einfach umsetzbar, meint Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich. »Nahverkehr kostet Geld. Irgendjemand muss ihn bezahlen.« Das gälte auch für eine Testwoche: Die Stadt müsste dem Rhein-Main-Verkehrsverbund dafür extra Geld überweisen. Wünschenswert und machbar wären in ihren Augen günstigere Fahrkarten im Rhein-Main-Verkehrsverbund. Derzeit würden 56 Prozent der Kosten über den Ticketverkauf gedeckt. »Man sollte zusteuern auf 40 Prozent«, so die Umweltdezernentin.

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