Ein besonderes Objekt, das Erik Sturm für seine Ausstellung im Neuen Kunstverein auch als Edition anbietet, ist das von 2014 bis 2016 entstandene "Neckartorschwarz". FOTO: PM
+
Ein besonderes Objekt, das Erik Sturm für seine Ausstellung im Neuen Kunstverein auch als Edition anbietet, ist das von 2014 bis 2016 entstandene "Neckartorschwarz". FOTO: PM

Staub als "Urmaterie" und Kunstmaterial

  • vonRedaktion
    schließen

Gießen(pm). Arbeiten in der Stadt, arbeiten an der Stadt und arbeiten mit der Stadt - für Erik Sturm sind die Realitäten im städtischen Raum der Ausgangspunkt für seine künstlerische Auseinandersetzung. Die Energie, Zeit und Spuren unserer Gesellschaft stehen dabei im Fokus seiner Arbeitsweise.

In seiner Einzelausstellung im Neuen Kunstverein Gießen widmet sich der Künstler dem Thema Staub. Dabei ist die Auseinandersetzung mindestens so vielfältig wie das Material selbst. Staub ist für Sturm ein konstanter Fundus von Ideen. Staub ist alltägliches Material, unbrauchbarer Rückstand, alles, was irgendwann einmal klein gerieben wurde, Sammelbegriff für die feinsten Partikel unserer Umwelt, ein Index von Zeit, urbaner Umweltmüll, so klein, dass er fast unsichtbar ist und doch allgegenwärtig.

Aus verschiedenen Perspektiven nähert sich Sturm der vielseitigen Materie Staub und greift damit ein Phänomen heraus, das viel über unsere Jetzt-Zeit zu erzählen vermag. Im Neuen Kunstverein sind nun einige der seit 2012 entstandenen Arbeiten zum Thema Staub in einer konzentrierten Zusammenschau zu sehen.

Staub als Träger von Information

Begonnen hat die künstlerische Beschäftigung mit der Materie im Jahr 2012, als der Künstler ein Auslandssemester in Budapest absolvierte. Um von seiner Wohnung zur Universität zu gelangen, musste er den Tunnel unter dem Regierungssitz durchqueren. Es ist der kürzeste Weg von Buda nach Pest, aber auch der lauteste und schmutzigste. Die Videoarbeit "Negativlinie" zeigt den Künstler, wie er im Tunnel seine Spur hinterlässt - eine in den Ruß geputzte weiße Linie auf Augenhöhe. Gerade durch das Entfernen macht Sturm das sichtbar, was da war: Schmutz und Staub einer Metropole, Relikte und Rückstände von öffentlichem Leben. Im selben Jahr entsteht die Arbeit "Staub", eine beeindruckende Aufnahme von den in Staub enthaltenen Partikeln, wie sie unter dem Rasterelektronenmikroskop im Max-Planck-Institut für Feldforschung zu erkennen sind. Ein besonderes Objekt, das Erik Sturm für seine Ausstellung im Neuen Kunstverein auch als Edition anbietet, ist das von 2014 bis 2016 entstandene "Neckartorschwarz".

Das Stuttgarter Neckartor war in der Vergangenheit eine der meist befahrenen Kreuzungen Deutschlands und regelmäßig wurden dort extrem hohe Feinstaub-Messwerte erhoben. Ausgestattet mit Handschuhen und Mundschutz ging der Künstler auf die Suche nach größeren Mengen Feinstaub und barg dort mehrere Kilos des giftigen Materials. Den gesammelten Staub behandelte er wie ein Pigment und verarbeitete ihn mit Methylcellulose und Wasser zu Farbe, welche er in Tuben abfüllte und nach dem Fund- ort benannte: "Neckartorschwarz". In der Folge malte der Künstler mit diesem besonderen Schwarz monochrome Reliefs.

In der Ausstellung "Urmaterie" zeigt Sturm nicht nur, dass Staub ein künstlerischer Werkstoff sein kann, sondern dass er ein Träger von Informationen ist - Informationen, die sowohl über die Vergangenheit erzählen als auch einen erweiterten Blick auf die Zukunft gewähren können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare