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Start in ein neues Leben

  • vonDagmar Klein
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Mit Sven Krautwurst und Caitlin Crook haben zwei langjährige Mitglieder die Tanzcompagnie am Stadttheater Gießen verlassen. Durch den Corona-Lockdown hat davon kein Außenstehender etwas mitbekommen. Ein öffentlicher Abschied hat nicht stattgefunden. Von ihrem Start in eine neues Leben erzählen sie im Interview.

Was hat sie vor Jahren nach Gießen geführt?

Sven Chin:Ich war schon 30, als ich nach Gießen kam. Ich bin Tarek Assam sehr dankbar, dass er mir diese Chance gegeben hat. Ich habe zunächst eine Ausbildung zum Heizungs- und Lüftungsbauer gemacht und nebenbei gekellnert. Daraus wurde in meiner Heimatstadt Coburg der Job als Kellner in Vollzeit, später als Serviceleiter. Zum Tanz kam ich durch Zufall, wurde zum begeisterten Garde- und Schautänzer im Karneval. Erst spät wagte ich, mich an einer Ballettschule zu bewerben.

Caitlin Crook:Bevor ich nach Gießen kam, war ich in einer Ballett-Company in den USA, ging noch mal nach Australien zurück und unterrichtete Tanz, um Geld zu sparen für die Reise nach Europa. Ich wollte mich hier an Tanz-Auditions beteiligen. Ich tanze seit meinem dritten Lebensjahr.

Wie haben Sie die Zeit bei der Tanzcompagnie erlebt?

Sven Chin:Durch die Arbeiten mit Tarek und den vielen Gastchoreografen und Trainingsleitern konnte ich mich tänzerisch, künstlerisch und auch menschlich jede Spielzeit weiterentwickeln. Die TCG war nicht nur ein Arbeitsplatz für mich, es war mein Zuhause. Ich hatte das Glück in vielen Tanzstücken tragende Rollen tanzen zu dürfen. Zu meinen künstlerischen Highlights zähle ich meine Partien in "Khora" von Rui Horta, "Petruschka vs. Feuervogel" und "Titus Andronicus" von Tarek Assam. Aber auch "Seid, was ihr wollt", "Globetrotter", "Wegeerzählungen" und "The Trail" aus dem dreiteiligen Tanzabend "All we See" von James Wilton. Gemocht habe ich die Beteiligung an den Musicals oder Operetten.

Caitlin Crook:Ich war Anfang 20, als ich in Gießen ankam. In den acht Jahren habe ich viel gelernt und mich weiterentwickelt - persönlich und künstlerisch. Highlights gab es zahlreiche. Es hat mich glücklich gemacht, mit der TCG in so viele Länder reisen zu können: China, Polen, Tschechien, Italien, Belgien und andere. Und viele Momente im Tanzstudio mit den Kollegen sind unvergesslich. Die hat man so in keinem anderen Beruf.

Welche Bedeutung hatte das TanzArt-Festival?

Sven Chin:Eine sehr große. So konnten wir andere Kompanien oder Künstler auf der Bühne sehen, was sonst fast unmöglich ist.

Caitlin Crook:TanzArt war immer ein Höhepunkt der Saison für mich. Es gab so viel zu sehen und so viele Künstler zu treffen. Es war die arbeitsintensivste Zeit des Jahres und eine anstrengende Woche für die TCG. Aber ich genoss die Vibes der Performances, vertraute Gesichter wiederzusehen und neue interessante Leute kennenzulernen. Außerdem ist es einfach cool, Kunst an verschiedenen Orten der Stadt zu sehen.

Wie haben Sie die Stadt erlebt?

Sven Chin:Bedingt durch die Arbeitszeiten konnte ich mir ein soziales Leben außerhalb der Theaterwelt in Gießen leider nicht aufbauen.

Caitlin Crook:Die Stadt hat sich in den letzten acht Jahren stark verändert. Das war interessant mitzubekommen. Allerdings habe ich mich hauptsächlich in der Innenstadt aufgehalten, wo ich wohnte und arbeitete. Mit meinem Mann lernte ich die Gießener Umgebung kennen, auch bei Besuchen seiner Familie. Ich liebe das Land. Durch Joggen und Radfahren habe ich eher die Natur Gießens kennengelernt. Einer meiner Lieblingsplätze ist der Alte Friedhof. Er ist so friedvoll, ich spaziere dort gern mit meinem Hund.

Sie sind beide Ende der Spielzeit 2019/20 ausgeschieden. Warum?

Sven Chin:Hauptgrund für meine Entscheidung waren die Arbeitsbedingungen für Tänzer am Theater. Meine Arbeit als Betriebsratsvorsitzender war nur schwer zu vereinbaren mit meiner Arbeit als Mitglied der Tanzcompagnie. Da ich mehr Künstler als Bürokrat bin, habe ich mich schweren Herzens dazu entschieden, das Haus zu verlassen.

Caitlin Crook:Ich arbeite seit 2010 als Profi-Tänzerin. Ich liebe das Tanzen und den Beruf als Bühnenkünstlerin, aber das Leben hat noch mehr zu bieten. Ich hätte gern eine Familie, will andere Interessen entwickeln und mehr Zeit mit meinem Mann verbringen. Der Übergang aus dem Tanzberuf braucht Zeit, ich muss zurück auf Zero und anfangen, Neues zu lernen.

Haben Sie sich unter den Corona-Bedingungen von den Kollegen verabschieden können?

Sven Chin:Ja, von einigen, leider nicht von allen. Mein letztes Training mit einigen Mitgliedern der TCG war im März, am Tag vor dem Corona-Lockdown. Die Schneiderei hat eine kleine Abschiedsfeier ausgerichtet. Viele Tränen, aber keine einzige Umarmung.

Caitlin Crook:Nur von einigen. Ich fand es besonders hart, nicht die letzten Vorstellungen genießen zu können, vor allem in meinem Lieblingsstück "Auftaucher". Kein TanzArt-Festival, keine letzte Tour, das war schon traurig. Aber ich bin weiter hier in Gießen, sehe meine alten Kollegen. Es bleibt genug Zeit.

Bleiben Sie beim Tanz oder suchen Sie neue Aufgaben?

Sven Chin:Ich wohne seit Mitte Juni in Offenbach. Wie lange, das hängt auch von den Entwicklungen der Corona-Pandemie ab. Beruflich habe ich viele Pläne. Erst mal möchte ich noch tanzen, aber nicht mehr fest an einem Theater. Ich möchte wieder Spaß und Leidenschaft dabei spüren.

Caitlin Crook:Ich bleibe in Gießen, trete aber einen Schritt zurück vom Tanz. Das war die härteste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Meine Liebe zu dem Beruf wird nie verschwinden. Vielleicht kehre ich auf irgendeine Art zurück, aber im Moment schaue ich nach neuen Erfahrungen und einem anderen Beruf. Es ist eine neue, beängstigende und zugleich aufregende Zeit.

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