Hartmut Wißner arbeitet sein ganzes Berufsleben in der Bahnhofsbuchhandlung. So schwer wie heute war es nie.	FOTO: SCHEPP
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Hartmut Wißner arbeitet sein ganzes Berufsleben in der Bahnhofsbuchhandlung. So schwer wie heute war es nie.

Corona-Krise

Gießen: „Schmitt und Hahn“ am Bahnhof schlägt Alarm

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Bahnhofsbuchhandlungen leiden massiv unter der Pandemie. Denn weniger Fahrgäste bedeutet auch weniger Kunden. Das gilt auch in Gießen. Können Mietreduzierungen helfen?

Gießen – Barack Obama empfängt die Kunden mit einem Lächeln. Direkt hinter der Eingangstür der Gießener Bahnhofsbuchhandlung stapeln sich die neuen Bücher des 44. US-Präsidenten. Wem die 1000-seitige Biografie für die Zugfahrt zu schwer und/oder zu amerikanisch ist, findet einige Meter weiter leichtere Kost aus allen Herren Länder. Russische Kochzeitschriften, Illustrierte aus Serbien, türkische Tageszeitungen oder Computermagazine aus Großbritannien. »Wir haben das größte Printangebot in ganz Mittelhessen«, sagt Hartmut Wißner von der Bahnhofsbuchhandlung. Das Problem: Derzeit bleiben Zeitschriften, Zeitungen und Bücher immer häufiger in den Regalen. Corona trifft auch diese Branche.

Buchhandlung am Bahnhof Gießen: Fast die Hälfte der Kunden verloren

Die Gießener Bahnhofsbuchhandlung ist eine Institution. »Mein Großvater hat hier nach dem Krieg angefangen. Damals nur mit einem Tisch und ein paar Zeitungen«, sagt Wißner. Aus dem Tisch wurde mit der Zeit ein Kiosk, in den 70ern entstand dann eine begehbare Buchhandlung. 2006 verkauften Hartmut Wißner und sein Bruder den Laden an »Schmitt und Hahn«, mit 90 Filialen einer der führenden Bahnhofsbuchhändler. Wißner steht aber auch heute noch an der Kasse.

Bahnhofsbuchhandlungen haben zwei Vorteile gegenüber anderen Presseverkaufsstellen. Zum einen dürfen sie Zeitungen und Zeitschriften direkt von den Verlagen beziehen. Der kostspielige Umweg über den Großhändler entfällt also. Der zweite Vorteil: Die Bahn bringt die Kunden direkt vor die Ladentüre. Doch dabei hapert es momentan. Die Deutsche Bahn hat seit Beginn der Pandemie 42 Prozent ihrer Fahrgäste verloren. In etwa genauso hoch beziffert Wißner den Kundenrückgang.

Buchhandlung am Bahnhof Gießen: Tageszeitungen bleiben in Regalen liegen

Olaf Weimar ist bei »Schmitt und Hahn« für den Regionalvertrieb zuständig. »Wir merken deutlich, dass weniger Menschen mit der Bahn von Gießen aus nach Frankfurt fahren und stattdessen im Homeoffice arbeiten.« Das mache sich vor allem im Verkauf von Tageszeitungen bemerkbar. »In anderen Bereichen verkaufen wir in der Krise hingegen mehr. Zum Beispiel Yoga-Magazine, Rätselhefte und die gute alte Fernsehzeitung.« Ausgleichen könne das die Verluste jedoch nicht.

Der Verband Deutscher Bahnhofsbuchhändler schlägt daher Alarm. Demnach liegt der Umsatz der Presse- und Buchspezialisten um bis zu 70 Prozent unter dem Vorjahr, an Flughafen seien es sogar 90 Prozent. Ohne kurzfristige und dauerhafte Lösungen würde das etlichen Betrieben das Genick brechen.

Buchhandlung am Bahnhof Gießen: Ärger wegen hoher Mieten

Der Verband fordert daher eine Reduzierung der Miete. Denn die richtet sich im Bahnhofsbuchhandel normalerweise nach dem Umsatz. Die Vereinbarungen garantieren den Vermietern zusätzlich eine hohe Mindestmiete, in der Regel 90 Prozent der zu erwartenden Umsatzmiete. Heißt im Klartext: Aufgrund der hohen Frequenz und den erwartbar hohen Umsätzen sind die Mieten in Bahnhöfen sehr teuer.

Daher fordert auch Andreas Klingel, Geschäftsleiter bei »Schmitt und Hahn«, eine Anpassung. »Für die erste Welle wurden Mitte des Jahres Vereinbarungen zu einer prozentualen Reduzierung der Mindestmieten geschlossen.« Für die zweite würden die Verhandlungen laufen. »Wir hoffen«, sagt Klingel, »dass der Vorstand der Deutschen Bahn und auch die Politik die erforderlichen Entscheidungen treffen, um unserer Branche zu helfen, damit unsere Betriebe diese frequenz- und umsatzschwachen Zeiten überleben können.«

Auch vor Corona war das Leben der Bahnhofsbuchhändler nicht immer leicht. Stichwort Digitalisierung. Viele Fahrgäste bringen ihr Buch oder die Tageszeitung in der Hosentasche mit. »Schon wenn sie das Gebäude betreten, starren viele Leute auf ihr Smartphone«, sagt Wißner. Dass es der Gießener Buchhandlung trotzdem besser geht als anderen, dürfte auch an den treuen Stammkunden liegen. »Manche fahren 40 Kilometer, um ihre Magazine hier zu kaufen. Andernorts kriegen sie sie nicht.« In Gießen schon. Zumindest noch. Denn wenn wegen Corona weiterhin so viele Kunden wegbleiben, könnte der Zug für die Bahnhofsbuchhandlungen bald abgefahren sein.

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