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Laut Hauptkommissarin Susanne van Overbeke machen Betroffene einen Leidensweg durch. »Es war richtig, Stalking unter Strafe zu stellen«, betont sie.

Interview

Stalking: »Die Deutungshoheit liegt beim Opfer«

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Stalking ist ein Frontalangriff auf die Intimsphäre, reicht in alle Bereiche und ist strafbar. Susanne van Overbeke, Opferschutzkoordinatorin der Polizei Friedberg, erklärt, wie man sich schützen kann.

Frau van Overbeke, wie häufig wird Stalking angezeigt?

Die Kriminalstatistik 2019 besagt, dass wir in Mittelhessen 202 Opfer hatten. Davon waren 172 weiblichen und 30 männlichen Geschlechts. Es sind also fast sechsmal mehr Frauen betroffen, aber es gibt auch Männer. Es besteht allerdings eine Dunkelziffer.

Wo fängt Stalking an?

Diese Frage stellen fast alle potenziell Betroffenen. Ganz am Anfang: Wenn mir unangenehm ist, dass jemand Kontakt zu mir herstellt, den ich nicht haben möchte und den er aufrechterhält, indem er mir nachstellt, das heißt, mich verfolgt. Anschließend muss man sehen, wo der strafbare Bereich beginnt. Es gibt zahlreiche Situationen aus Trennungen und Beziehungen, bei der eine Seite den Kontakt nicht mehr wünscht, aber die andere Seite noch Klärungsbedarf hat. Das ist eine schwimmende Grenze.

Ab wann kann es strafbar werden?

Laut Paragraf 238 des Strafgesetzbuches muss die Tathandlung geeignet sein, eine schwerwiegende Beeinträchtigung in der Lebensführung des Opfers herbeizuführen. Das ist der Zeitpunkt, an dem der Leidensdruck entsteht. Oft sind die Tathandlungen sehr subtil und individuell. Aus einem Präventionsprogramm ist der Satz bekannt: Die Deutungshoheit liegt beim Opfer. Grundsätzlich habe ich als erwachsene Person das Recht, zu bestimmen, wer an meinem Leben teilnimmt und wer nicht.

Welche Dinge stoßen Stalking-Opfern potenziell zu?

Bei Stalking gibt es einen sehr großen Fantasiereichtum. Opfer können Postsendungen erhalten, etwa mit teuren Waren, die sie bezahlen sollen, oder etwas aus dem Sexualbereich. Im Internet gibt es die Möglichkeit, anonyme E-Mail-Adressen zu generieren und Nachrichten zu versenden - und die Adressaten wissen nicht, woher es kommt. Der Pkw des Opfers kann genutzt werden, um unerwünschte Geschenke und Briefe zu deponieren. Es kann zu Sachbeschädigungen kommen, zum Kontaktieren des Arbeitgebers und anonymen Anzeigen bei Behörden. Oder die Stalker stellen Kontakte über Dritte her. Die verfolgenden Personen verhalten sich sehr unterschiedlich. Die eine ist immer zufällig am gleichen Regal im Einkaufsmarkt, der andere konzentriert sich auf die elektronischen Wege.

Was löst Stalking bei den Betroffenen aus?

Opfer wissen manchmal nicht, woher es kommt. Das Stalking kann mit Ereignissen zusammenhängen, die Jahre zurückliegen. Deshalb klären wir am Anfang die individuelle Situation. Die Betroffenen werden oft sehr instabil. Da begleiten wir. Es war richtig, Stalking unter Strafe zu stellen, denn die Opfer machen einen Leidensweg durch.

Wo kann Stalking im Extremfall enden?

Es kann passieren, dass ein Opfer aufgrund des Stalkings sein gewohntes Leben vollständig aufgibt und/oder dass sich psychiatrische Krankheitsbilder entwickeln. Im einzelnen Extremfall kann es auch mit der Tötung des Opfers enden.

Wie sollten sich Betroffene verhalten?

Am Anfang sollten sie sich über die persönliche Situation klar werden und herausfinden, ob wirklich etwas nicht stimmt. Man sollte reflektieren, ob es beispielsweise vorübergehende Nachwehen einer Trennung sind oder sich ein Stalking-Problem entwickelt. Wer keinen Kontakt mehr will und weiß, wer hinter den Nachstellungen steckt, fragt sich oft: Teile ich mit, dass ich keinen Kontakt mehr will? Wie teile ich es mit? Das ist der Zeitpunkt, sich beraten zu lassen.

Wohin wendet man sich?

Es gibt Beratungseinrichtungen, aber auch die Polizei ist ansprechbar und dafür da. Wir haben Sachbearbeiter, die sich damit wirklich gut auskennen. In der polizeilichen Arbeit ermitteln wir, was genau vorgefallen ist. Oft ist für uns sehr viel zu tun, um zu klären, woher die Stalking-Angriffe kommen können. Parallel empfehlen wir häufig, wenn noch nicht geschehen, eine Opferhilfe- oder Beratungsstelle aufzusuchen, die Aufklärung und Unterstützung anbietet. Wichtig ist: Wer dem Stalker erklärt, keinen Kontakt mehr zu wollen, sollte auch seinerseits absolut keinen Kontakt mehr aufnehmen.

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