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Die Collage von Wanda Berger hängt mitten im Raum (vorne). Dahinter sieht man einige der mit Fineliner gezeichneten Typen von Diana Binder (oben als Ausschnitt).

Stadttypen und intime Einblicke

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Endlich mal wieder eine »echte« Vernissage: mit dichtem Gedränge, mit vielfältiger Kunst zum unmittelbar in Augenschein nehmen und mit Gelegenheit zum Beisammensein in großer Runde. Möglich gemacht hat das die Galerie23 mit ihrer Ausstellung »She«, die mit 3G-Regel die Kunstfreunde in Scharen in ihren Gewölbekeller am Seltersweg lockte. Und als Überraschung gab es auch noch ein »pinkfarbenes Knallbonbon«.

Das neue Kuratoren-Duo der Galerie23 - Andrea Lührig und Felix Lachmann - hat mit der jüngsten Ausstellung in den Gewölberäumen neben dem Ulenspiegel wieder einen Volltreffer gelandet. Auf Einladung der Lebenshilfe stellen dort bis Ende November unter dem Titel »She« vier junge Gießener Künstlerinnen aus, die mit ihren Arbeiten den sprichwörtlichen »Puls der Zeit« treffen. Am Freitagabend war Vernissage - und die war mit »genesenen, geimpften und getesteten« Besuchern so gut besucht, wie es vor Corona an diesem Kunstort regelmäßig der Fall war.

Sina Wanda Berger, die an der JLU Kunstpädagogik studiert und die man auch als Kunstvermittlerin in der Kunsthalle kennt, zeigt Collagen aus unterschiedlichsten Materialien. Mit ihren mitten im Raum aufgehängten Text-Bild-Arbeiten kann man in die Geschichte ihrer Familie eintauchen. Dabei überlagern sich die Familiengeschichten ebenso wie die Materialien. Bruchstücke werden neu zusammengesetzt. Basis sind Gespräche der Künstlerin mit ihrer Großmutter, Titel wie »Besteck haben wir zur Hochzeit gekriegt« oder »Ohne zu Heiraten lief ja nix« geben Einblick in eine Zeit, die eine Frauengeneration stark eingeschränkt hat. Intime Zeichnungen - nahezu tagebuchartige Skizzen der eigenen Befindlichkeit - geben an anderer Stelle Auskunft über die Selbstbefragung der Künstlerin.

Urbane Typen und »Teen Spirit«

Diana Binder, die bei der Vernissage krankheitsbedingt leider nicht anwesend sein konnte und seit etwa drei Jahren im Atelier23 der Lebenshilfe arbeitet, ist inspiriert von Mode und Lifestyle. Der städtische Lebensraum und Subkulturen wecken ihr künstlerisches Interesse. Und daher zeichnet sie erst mit Bleistift und dann, wenn ihr alles perfekt erscheint, mit Fineliner, Männer auf Laufstegen, Skater oder Punker. Als Gruppe gehängt, machen die fast 50 Zeichnungen mächtig Eindruck und laden dazu ein, immer wieder neue Details zu entdecken. Allesamt schwarzweiß und in den Zeichnungen auf das Wesentlichste reduziert, sind diese Typen echte Hingucker.

Sahra Porth thematisiert als Jugendliche in ihren Fotos und Videos die Jugend und ein Gefühl von Freiheit. Andrea Lührig war durch deren Instagram-Account auf sie aufmerksam geworden und »von der Wucht dieser hochsensiblen, begabten jungen Frau geflasht«. Sie zeige in ihrer Collage aus Fotos, Kurztexten und Video »eine ganze Welt«, lobte die Kuratorin. Doch bei aller erkennbaren Lebenslust in ihren Arbeiten sei da auch immer ein Hauch von Melancholie zu spüren. Der »Teen Spirit« ist eben manchmal alles andere als unbeschwert. Man darf gespannt sein auf den weiteren künstlerischen Weg dieses jungen Talents.

Bestens bekannt in der Gießener Kunstszene ist Vanessa Wagner. Sie präsentiert ihren neuesten Werkzyklus aus Stoffarbeiten und hat dadurch den Ausstellungstitel »She« inspiriert, der das Porträt einer nackten Frau zitiert. Doch Wagner greift nicht zu Stift oder Pinsel, sie porträtiert mit Tufting (Tufting oder Tuften bezeichnet eine Technik zur Herstellung dreidimensionaler textiler Flächen). Immer ist die ganz eigene Handschrift der Künstlerin erkennbar: skurril, humorvoll und in kräftigen Farben. Vanessa Wagner hat Bildende Kunst in Kassel studiert, ihr Atelier im Prototyp eingerichtet und bereits mehrfach in der Galerie 23 ausgestellt.

Premiere für ein »Knallbonbon«

Am Abend der Vernissage machte Andrea Lührig auch auf ein weiteres Projekt aufmerksam, das vier Künstler aus dem Atelier23 in den Fokus nimmt: Jens Bleckmann, Birgit Gigler, Lena Kasperski und Mirka Holsteinová, die im Atelier der Lebenshilfe künstlerisch arbeiten. Dieser Band wird in wenigen Tagen offiziell vorgestellt, erregte aber bereits bei der Vernissage auch wegen seines Umschlags als »pinkfarbenes Knallbonbon« reges Interesse.

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