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Cathérine Miville wird das Stadttheater nach der Spielzeit 2021/22 verlassen. FOTO: SCHEPP

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Stadttheater Gießen: Großer Umbruch steht an - Wie geht es weiter?

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Seit 2002 ist Cathérine Miville Intendantin des Gießener Stadttheaters. Ihre Amtszeit endet nach der Spielzeit 2021/22. Die Bewerbungsphase für die Nachfolge läuft noch bis 15. Februar.

Gießen - Nach 20 Jahren ist nun bald endgültig Schluss. Nach dreimaliger Verlängerung endet der Vertrag von Cathérine Miville als Intendantin des Stadttheaters nach der Spielzeit 2021/22. Die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für den Chefsessel im Mehrspartenhaus läuft. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Februar. "Ich bin zuversichtlich, dass wir eine gute Nachfolge finden werden", sagt Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz als Mitglied des Aufsichtsrats.

OB: Sehr große Verdienste

Grabe-Bolz hat Miville seit deren Amtsantritt zur Spielzeit 2002/2003 eng begleitet. Schon damals saß die heutige Oberbürgermeisterin im Aufsichtsrat. "Frau Miville hat sehr große Verdienste für unser Stadttheater. Sie hat die Öffnung in die Gesellschaft und viele neue Kooperationen befördert. Außerdem musste sie seit Jahren mit einem überrollten Wirtschaftsplan, also mit fehlender Finanzmittelsteigerung trotz steigender Sachmittelkosten umgehen und hat weiterhin qualitativ hochwertiges Theater gewährleistet", sagt Grabe-Bolz. Zudem habe Miville in Schutzschirmzeiten mit Erfolg für das Mehrspartentheater gekämpft.

Doch es gibt auch Kritiker, in der Stadt und am Theater. Miville wird unter anderem Kontrollwahn nachgesagt. Auch im Umgang mit Menschen sei die Chefin schwierig, nicht gerade wenige Mitarbeiter habe sie vergrault. Ein Indiz dafür sind häufige Personalwechsel. Neben der Intendanz ist derzeit - nach dem unrühmlichen Abgang von Michael Hofstetter - unter anderem weiterhin die Position des Generalmusikdirektors sowie die Stelle des stellvertretenden Technischen Direktors zu besetzen. Immer wieder sagen auch Mitarbeiter, Miville habe dem Theater nicht nur Renommee gebracht sondern künstlerisch zuletzt auch geschadet. Vor allem Eigenschaften, die nun in der mit Miville abgestimmten Stellenausschreibung explizit verlangt werden, würden der Intendantin fehlen, heißt es. Darunter "die Fähigkeit, Mitarbeiter zu begeistern und positiv zu motivieren", aber auch "soziale Kompetenzen, Kommunikationsstärke und Verhandlungsgeschick", vor allem aber "die Überzeugung, dass eine Leitungsaufgabe nur im Team zu lösen" sei. Im Gegenteil habe Miville aus dem Stadttheater eine Organisation gemacht, die von ihr fast diktatorisch geführt werde.

Stadttheater Gießen: Dienstälteste Intendantin

Miville kam 2002 nach Gießen. Sie trat die Nachfolge von Guy Montavon (1996-2002), Robert Tannenbaum (1993-1996) und Jost Miehlbradt (1988-1993) an und war die erste Frau in dieser Funktion. Miville blieb auch so lange wie kein anderer vor ihr und löste damit Dietrich Taube (1966-1978) als dienstältesten Gießener Intendanten ab. In Mivilles Zeit fiel der Bau der neuen taT-Studiobühne und der Auszug der Tänzer aus dem Schlachthof samt Umzug von Verwaltung und Probebühnen sowie die Öffnung zur freien Szene und der Ausbau des Kinder- und Jugendtheaters. Alles das sind große Erfolge der gebürtigen Schweizerin.

Der Nachfolger oder die Nachfolgerin wird nun von den jeweiligen Zuwendungsgebern - Land Hessen, Stadt und Landkreis Gießen - sowie ausgesuchten Experten ausgewählt. Als eine der beiden Gesellschafterinnen ist Grabe-Bolz schließlich gemeinsam mit Landrätin Anita Schneider für die Besetzung ausschlaggebend. Der Vertreter des Landes habe allerdings Vetorecht, erklärt Grabe-Bolz.

Nach einer Vorauswahl sollen sich dem Aufsichtsrat etwa drei Bewerber präsentieren, der danach wiederum ein Meinungsbild abgibt, das in die Entscheidung von Grabe-Bolz und Schneider einfließen wird. Auch Miville habe in dem Auswahlprozess eine beratende Rolle inne, sagt Grabe-Bolz. Zudem laufen auch die Bewerbungen zunächst bei Miville im Theater ein. Die Stelle soll im Laufe des Jahres besetzt werden. "So hat der Nachfolger oder die Nachfolgerin ausreichend Zeit, sich mit dem Stadttheater vertraut zu machen und einzuarbeiten", sagt die OB.

Zusatzinfo: 2002 aus München nach Gießen

Cathérine Miville studierte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Theaterwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre und Neuere Deutsche Literatur. Sie arbeitete zunächst am Basler Theater, bevor sie als freie Mitarbeiterin bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und in der TV-Sendung Scheibenwischer als Produzentin und Regisseurin tätig wurde. Von 1986 an stand sie der Lach- und Schießgesellschaft als geschäftsführende Gesellschafterin vor. Für verschiedene Theater inszenierte sie Schauspiel und Revuen. Seit der Spielzeit 2002/2003 ist Miville Intendantin des Stadttheaters und dort auch Regisseurin. Mit großem Erfolg inszenierte sie "Der Besuch der alten Dame", was dem Stadttheater in der "Opernwelt" eine Nennung als außergewöhnlichste "Wiederentdeckung" der Spielzeit 2010/11 einbrachte.

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