Bewohnerinnen und Bewohner der K1
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Viele unterschiedliche Generationen haben in der K1 gelebt.

Stadtentwicklung

Keplerstraße in Gießen: Abschied vom traditionellen WG-Haus »K1«

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Die Keplerstraße 1 hat eine bewegte Geschichte. Generationen von Gießenern haben hier gelebt und gefeiert. Doch damit ist bald Schluss, das Haus wird kernsaniert, die Bewohner müssen raus. Das sorgt für Trauer - aber auch für Rückblicke auf eine ganz besondere Zeit.

Auf einmal war da dieser Brief. Ein ehemaliger Bewohner hatte den Zettel vor seinem Auszug aus der Keplerstraße 1 in einem Geheimversteck deponiert. »Der Brief sagt einfach alles«, sagt Mila. Die junge Frau beginnt zu lesen. »Diese WG war stets ein Quell der Freundschaft und der Harmonie. Ich hoffe, dass dies nach wie vor so ist. Viele schöne, lustige, abgefahrene und auch traurige Momente durfte ich hier durchleben.« Milas Mitbewohner Cäcilia, Annika, Manu und Lukas müssen beim Zuhören lächeln. Sie haben dasselbe erlebt. Wobei momentan die traurigen Momente überwiegen.

Der Charakter der Keplerstraße 1 ist seit Jahrzehnten durch Wohngemeinschaften geprägt. Viele gingen in der »K1« ein und aus, egal, ob sie hier wohnten oder nicht. Auf den legendären Partys sind wohl mehr Beziehungen entstanden (und in die Brüche gegangen) als in jedem anderen Gießener Haus. Doch diese bewegte Zeit ist bald vorbei.

Keine Heizung, kein warmes Wasser

Der langjährige Eigentümer hat das Haus an Kai Laumann verkauft. Der Wettenberger Unternehmer, der vor allem durch die Sanierung der Alten Post auf sich aufmerksam gemacht hat, will die »K1« renovieren und umstrukturieren. Vermutlich wird das Haus künftig moderne Einheiten für studentisches Wohnen beherbergen, so wie es bei vielen anderen Projekten von Laumann der Fall ist. Damit würde in der Keplerstraße eine Wohnform enden, die in Gießen immer mehr verdrängt wird.

Das Zusammenleben in der »K1« zeichnet sich durch ein besonderes Konzept aus. Wobei das Wort es nicht ganz trifft. »Konzept« erinnert an Strategie und Planung, und davon sind die Wohngemeinschaften meilenweit entfernt. »Atmosphäre passt besser«, sagt Cäcilia. Die Sozialpädagogin lebt seit knapp fünf Jahren hier. »Manchmal ist es wie auf einem Erwachsenenspielplatz. Man weiß nie, was der Tag bringt.« Es komme durchaus vor, dass abends ein Konzert veranstaltet werde, an das morgens noch niemand gedacht habe. »Das macht die K1 aus«, sagt Cäcilia. »Wenn man sich mitfließen lässt, ist es total spannend.«

Cäcilia und ihre Mitbewohner sitzen an diesem Nachmittag im Flur, der durch Sofas und Sessel zu einem Wohnzimmer umfunktioniert worden ist. Ein Blick an die Wände verrät, dass hier Menschen leben, die ein politisches Bewusstsein haben. Aufkleber gegen Rassismus, Bilder von feministischen Aktionen und Poster gegen Antisemitismus säumen die Tapeten. Annika betont jedoch, dass im Haus keine strikte Agenda herrsche. »So divers die Menschen sind, so divers sind auch die Themen.« Lukas sieht es genauso: »Man erlebt hier ganz unterschiedlichen Lebenswelten.« Klar ist aber auch: Die Bewohner machen ihr Kreuz wohl eher links der Mitte. Und der Pullunder tragende BWLer würde sich in der »K1« wohl auch nicht allzu wohlfühlen.

So war es schon immer. Aber seit einigen Monaten hat sich die Atmosphäre geändert. Der Verkauf der Immobilie hat die Bewohner verunsichert. Von den einst 18 Menschen aus drei WGs ist inzwischen über die Hälfte ausgezogen. Der verbliebene Rest weiß nicht, wann er das Feld räumen muss. »Das Haus hat schon immer davon gelebt, dass nach Auszügen neue Menschen eingezogen sind. Das passiert jetzt nicht mehr. Seitdem ist es hier kälter geworden«, sagt Annika. Sie meint das im übertragenen Sinn. Es ist aber auch wörtlich zu verstehen.

Während die Gruppe von ihren Erlebnissen spricht, bläst eine Standheizung heiße Luft in den Flur. Warmes Wasser haben die Bewohner schon lange nicht mehr, auch die Heizkörper bleiben kalt. Manu erklärt das mit der Umstellung auf H-Gas. Demnach sei in der Anlage ein veraltetes Teil verbaut gewesen, was die Anpassung verhindert habe. »Der alte Vermieter wollte sich nicht mehr darum kümmern. Der neue auch nicht, da er auf Fernwärme umstellen will.«

Kritik am Verkaufsprozess

Das ist nur ein Grund, warum die Bewohner den Verkaufsprozess bemängeln. Sie fühlen sich nicht eingebunden, ihnen fehlt es an Transparenz. Dabei wissen sie auch, dass das Gebäude stark sanierungsbedürftig ist. Die zerbrochenen Kellerfenster und der abbröckelnde Putz sind nur die von außen sichtbaren Zeichen. »Hier muss etwas getan werden«, betont Manu. »Wir hätten uns aber gewünscht, in dem Prozess mehr ernstgenommen zu werden.« So sieht es auch Cäcilia. »Uns wurde nie angeboten, dass wir nach der Sanierung wieder einziehen können. Wir hatten keinerlei Mitspracherecht.«

Die »K1«-Bewohner wissen, dass sie ihr Zuhause verlieren werden. Und so befassen sie sich schon mit der Suche nach neuen Unterkünften. Cäcilia hat bereits eine Wohnung gefunden. »Eine WG. Ich glaube aber nicht, dass ich dort den gleichen Gestaltungsspielraum finden werde wie hier.« Die Zeiten, in denen sie den Garten aufwendig im spanischen Stil dekorieren konnte, scheinen also endgültig vorbei. »Ich bin daher sehr traurig«, sagt die Sozialpädagogin. »Auf der anderen Seite brauche ich auch dringend wieder eine Heizung und warmes Wasser.«

Die Bewohner werden viel vermissen. Klar, solch einen bezahlbaren Wohnraum werden sie in Gießen so schnell nicht wieder finden. Es ist aber mehr. In der »K1« können die jungen Leute die Zwänge des Alltags vergessen. Sich gemeinsam politisch engagieren und durch die vielen Menschen, die hier ein- und ausgehen, Neues kennenlernen. Nicht zuletzt werden sie die Menschen vermissen, mit denen sie eine wichtige Phase ihres Lebens geteilt haben.

Mila, Cäcilia, Annika, Lukas und Manu sind Ende 20 Anfang 30, höflich und aufgeklärt, sie haben Doktoren- und Mastertitel in der Tasche. Sie sind keine linksradikalen Anarchos, die ihr Zuhause auf Teufel komm raus verteidigen wollen. Sie kritisieren die Entwicklung, reagieren aber eher mit Trauer als mit Wut. Denn sie wollen nicht so konventionell leben wie ihre Mitmenschen. Sie genießen die Selbstbestimmung, den Gestaltungsspielraum, die urbane Wohndiversität, die Partys und die Abenteuer, die sich hinter den Zimmertüren verbergen.

Dem Verfasser des Briefs, der seine Gedanken für seine Nachmieter damals in seinem Zimmer versteckt hat, ging es genauso. »Ich werde mich dieser WG immer verbunden fühlen«, liest Mila vor. Und fügt an: »Geplant habe ich auch, eines schönes Tages mit meiner Familie hierher zukommen und meinem Sohn oder meiner Tochter zu zeigen, wie ich einmal gewohnt habe.« Bei diesen Worten werden die Bewohner still. Sie wissen: Das, was die »K1« Jahrzehnte lang ausgemacht hat, wird es bald schon nicht mehr geben.

Flohmarkt an diesem Samstag

Mit einem Protest-Event wollen die Bewohner an diesem Samstag auf die Situation aufmerksam machen. Zwischen 13 und 17 Uhr gibt es einen WG-Flohmarkt mit Musik. Außerdem können sich ehemalige Bewohner und Freunde fotografieren lassen, die Bilder sollen dann am Haus angebracht werden. Da auch die WG-Häuser Ludwigstraße 50 und Goethestraße 72 verkauft wurden, sind dort ebenfalls Aktionen geplant.

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