Passagiere an Bord des Mutterschiffs: (von vorne) die Künstler Nils Wildegangs (l.) und Marcus Morgenstern, Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Stadtbibliotheksleiter Guido Rupp sowie Dr. Stefan Neubacher und Stephanie Jackson vom Kulturamt.	FOTO: GL
+
Passagiere an Bord des Mutterschiffs: (von vorne) die Künstler Nils Wildegangs (l.) und Marcus Morgenstern, Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Stadtbibliotheksleiter Guido Rupp sowie Dr. Stefan Neubacher und Stephanie Jackson vom Kulturamt. FOTO: GL

Stadtbibliothek als Mutterschiff

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
    schließen

Eine Oberbürgermeisterin, die zur Flottenkommandeurin wird. Ein Kulturamtsleiter als 1. Offizier auf einem Raumschiff. Eine Stadtbibliothek als Mutterschiff, ein Anhänger als »Bib-Satellit«. Das alles macht das Projekt »Ich.Morgen« möglich, das zwischen April und Oktober die Gießener nach ihrer Vorstellung von der Zukunft befragen wird.

Die Stadtbibliothek hat in diesen Lockdown-Tagen keine Besucher vor Ort. Aber das ist nicht der Grund, warum die sonst durchsichtigen Scheiben der Institution im Rathaus mit spacig-gemusterten blau-schwarzen Folien beklebt sind. Vielmehr verwandelt sich der Ort gerade in ein Mutterschiff. Von hier aus wird ab April der »Bib-Satellit« in alle vier Gießener Himmelsrichtungen ausschwärmen. Hier können Besucher nach dem Lockdown an weißen Terminals via Tablet Texte eingeben und Zeichnungen einprogrammieren. Hier werden künftig vom Literarischen Zentrum veranstaltete Kulturveranstaltungen - von Mitmachaktionen über Lesungen bis hin zur »intergalaktischen Pinnwand« - allerlei bieten.

180 000 Euro von der Kulturstiftung

Anlass dazu ist »Ich.Morgen«, ein Projekt der Stadtbibliothek für alle Menschen, die in Gießen leben. Mit 180 000 Euro von der Kulturstiftung des Bundes in deren Programm »hochdrei - Stadtbibliotheken verändern« unterstützt, werden die Gießener dabei Gelegenheit bekommen, gemeinsam ihre Zukunft zu (er-)schreiben und zu den Themenfeldern Mensch, Arbeit, Umwelt ihre Ideen und Visionen von unserer Zukunft zu formulieren. »Ich.Morgen« will alle Menschen der Stadt dazu einladen, über die Zukunft nachzudenken und ihre Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse miteinander zu teilen. Und zugleich soll die Stadtbibliothek in ihrer Funktion als Ort der Kommunikation, der Begegnung, Freiheit und Diversität gestärkt werden.

Der »Bib-Satellit« schwärmt aus

Was bisher bereits an Ausstattung und Programm auf die Beine gestellt wurde, präsentierten nun Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe Bolz, Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher und seine Mitarbeiterin Stephanie Jackson, die für die an den Film »Tron:Legacy« erinnernde Ästhetik verantwortlichen Künstler Nils Wildegans und Marcus Morgenstern sowie Stadtbibliotheksleiter Guido Rupp. Via Videokonferenz waren zur Pressekonferenz auch Hagen Reier und Marco Rasch als Projektleiter vom Büro Zellkultur sowie Janine Clemens vom LZG und Hassan Soilihi Mzé von der Kulturstiftung des Bundes zugeschaltet.

Vom 4. April bis 23. Oktober können Besucher in der Stadtbibliothek an drei futuristischen Terminals - aufgeteilt auf die Themen »Ich.Mensch«, »Ich.Arbeit«, »Ich.Umwelt« und optisch ansprechend auf Teppichen platziert, die die Mondoberfläche zeigen - mithilfe von eingebauten Tablets niedrigschwellig Texte in unterschiedlichen Sprachen eingeben, Zeichnungen anfertigen oder auch per E-Mail einsenden. Auch im »Bib-Satellit«, einem mit Büchern, digitalem Equipment und Helfern vor Ort ausgestatteten großen Wagen-Anhänger (siehe Entwurfsskizze links), der zu einer Art Entdeckungsreise in die vier großen Stadtviertel Gießens ausschwärmt, werden kreative Ideen gesammelt. Weiterführende, niedrigschwellig formulierte Fragen liefern in dem coronakonform nutzbaren »Bib-Satelliten« Inspiration, sich auf einer persönlichen Ebene mit dem jeweiligen Themengebiet auseinanderzusetzen. Von pädagogisch geschultem Personal werden die Menschen dabei in ihrem Schreib- und Zeichenprozess begleitet.

Nach einem kleinen Eröffnungsfest wird der »Bib-Satellit« jeweils eine Woche vor Ort für die Menschen offenstehen. Als Kooperationspartner konnte hierfür in der Nordstadt die Werkstattkirche gewonnen werden, im Osten machen das ZiBB, im Süden der CVJM und im Westen die Diakonie mit.

Alle an den Terminals oder im »Bib-Satelliten« gesammelten Inhalte werden live in der Stadtbibliothek als Projektion erscheinen und am Ende in einem allerdings unverkäuflichen Buch abgedruckt. Das Buch geht in den Bestand der Stadtbibliothek über.

Zwölf Eröffnungs-, vier Abschlussfeste

In allen vier Stadtbereichen wird es zu Beginn jeder Themenrunde ein kleines Eröffnungsfest geben (insgesamt also zwölf) sowie drei Abschlussveranstaltungen in der Stadtbibliothek, die die Ergebnisse aus jedem Themenfeld zusammenfassen und für die das Literarische Zentrum ein kreatives Programm erarbeitet. Am Ende wird das Projekt »Ich.Morgen« im Oktober mit einem weiteren großen Fest enden.

Die Aktion rücke »das Selbstverständnis der Stadtbibliothek in das Bewusstsein«, betont Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und freut sich auf »möglichst viele bunte, diverse Beiträge, so wie Gießen ist«. »Wir wollen wissen, wie die Menschen der Stadt sich die Zukunft vorstellen«, erläutert den Grundgedanken Marco Rasch von der Zellkultur (Büro für Angewandte Kultur und Bildung), die als Projektleitung auch die Homepage www.ichmorgen.de bestücken.

Hassan Soilihi Mzé von der Kulturstiftung des Bundes, die bundesweit 5,6 Millionen für 28 Projekte zur Verfügung stellt und das Gießener Projekt mit 180 000 Euro fördert, unterstreicht, dass sich die Kulturstiftung für die Idee aus Gießen besonders begeistern konnte, weil das Projekt die Stadtbibliothek so in die Stadt zu den Menschen bringe und »in unkonventioneller Form die Menschen dazu bringt, über ihre Zukunft nachzudenken«.

Das genaue Programm von »Ich.Morgen« steht aktuell noch nicht fest, wird aber zeitnah auf der Homepage kommuniziert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare