1500 Quadratmeter Nutzfläche und große Fahrzeughallen: Dieses Raumpotential soll die Gießener Kreativwirtschaft in einem Kulturgewerbehof künftig nutzen können.
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1500 Quadratmeter Nutzfläche und große Fahrzeughallen: Dieses Raumpotential soll die Gießener Kreativwirtschaft in einem Kulturgewerbehof künftig nutzen können.

In der alten Feuerwache

Stadt Gießen plant einen Kulturgewerbehof

Noch in diesem Jahr - und damit vor der Kommunalwahl - will die Stadt Gießen in Sachen Kulturgewerbehof Nägel mit Köpfen machen. Der Standort dafür steht schon fest.

Das war schon fast Kreativnostalgie, die Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz ergriff, als sie den Bogen von den Anfängen der Kulturinitiative Kümmerei bis zu den großen Plänen spannte, die die Stadt und Gießener Kreativszene in den nächsten Jahren verwirklichen wollen. Im Sommer vor zehn Jahren bezog die Kümmerei die früheren Räume des Frauenkulturzentrums in der Steinstraße. Geht es nach dem Willen des Magistrats, soll die Gießener Kultur- und Kreativwirtschaft nun rund 300 Meter weiter südlich den lange ersehnten »Ankerpunkt« erhalten. Bis zum 23. November soll eine Machbarkeitsstudie für die Nutzung der Feuerwache als Kulturgewerbehof vorliegen. Um das Ob wird es nicht mehr gehen, sondern um das Wie. »Über einen anderen geeigneten Standort verfügen wir nicht«, sagte Kulturamtsleiter Dr. Dieter Neubauer bei der Pressekonferenz am Donnerstag in der Kongresshalle.

Die Chance, der Szene, die seit Jahren Immobilien wie den früheren Edeka-Markt in der Grünberger Straße oder das Zentrum der Neuapostolischen Gemeinde in der Georg-Philipp-Gail-Straße zwischennutzt, einer dauerhafte und große Bleibe anzubieten, ergibt sich durch den Umzug der Berufsfeuerwehr in rund eineinhalb Jahren ins frühere US-Depot, wo derzeit der neue Stützpunkt gebaut wird.

Für die Nachnutzung in der Steinstraße gesetzt ist die Freiwillige Feuerwehr Gießen-Mitte, die im östlichen Teil des Geländes stationiert wird. Darüberhinaus hatte sich die Koalition aus SPD, CDU und Grünen auf zwei weitere Nutzungen verständigt: den Kulturgewerbehof und ein Parkhaus für Anwohner. Es sei weiterhin nicht ausgeschlossen, dass alle drei Nutzungen untergebracht werden können, sagte OB Grabe-Bolz.

Welchen Bedarf die Kleinunternehmen aus den Bereichen Kultur, Kreativwirtschaft und Social Entrepreneurship und welche Möglichkeiten sie in der Feuerwache mit ihren 1500 Quadratmeter Nutzfläche haben, soll bis Ende November das Planerbüro Studio if+ aus Köln herausfinden. Dazu werden ab Ende August drei Workshops stattfinden, die teilweise von der Hessen-Agentur gesponsert werden. Die Experten des Studios if+ wollen dabei auch einen »Gießen-neutralen Blick einbringen«, wie Chefin Prof. Isabel Maria Finkenberger erläuterte.

Stadt lehnt Trägerschaft ab

Jakob Sturm, Beauftragter der Landesregierung für Räume für die Kultur- und Kreativwirtschaft, sagte weitere Unterstützung bei dem Vorhaben Kulturgewerbehof zu. Gießen verfüge über eine »sehr aktive und vitale Szene, die auch einen langen Atem hat«, bemerkte Sturm mit Blick auf die seit Jahren tätige Genossenschaft Raumstation3539, die mit ihrer Urbanautik bereits ein Konzeptpapier für einen Kulturgewerbehof erarbeitet hatte.

Auch Jan Buck (Raumstation) sieht großes kreativökonomisches Potential, aber der Standort sei in dieser Hinsicht eine »Stadt der Extreme«. Auf der einen Seite gebe es »eine Masse an Leuten mit Ideen«, auf der anderen Seite aber eine »starke Abwanderung«, weil den Unternehmen Räume und mithin die Perspektive fehlten. »Es ist dramatisch zu sehen, wer schon wieder weg ist aus Gießen«, sagte Buck und fügte hinzu: »Vielen stand das Wasser schon vor Corona bis zum Hals.«

In der Feuerwache stünde der Szene unter anderem auch eine große Fahrzeughalle für Veranstaltungen zur Verfügung. Auch diese Nutzungsmöglichkeit soll nun geprüft werden, erklärte Amtsleiter Neubacher, der Klärungsbedarf in fünffacher Hinsicht sieht: Wer werden die Nutzer sein, welche Räume werden benötigt, wer übernimmt die Trägerschaft - die Stadt wird es nicht sein -, was ist ein baulicher Ertüchtigung nötig und wie wir die Wirtschaftlichkeit garantiert? Der Kulturgewerbehof müsse sich nach einer Anlaufphase »selbst tragen«.

Alles Fragen, die beantwortet sein müssen, wenn das Stadtparlament in der letzten Sitzung des Jahres im Dezember - auf Grundlage der Machbarkeitsstudie - eine Entscheidung über den Kulturgewerbehof und damit auch die Nachnutzung der Feuerwache treffen soll. Die konkreten Planungen könnten im Falle der Zustimmung dann 2021 beginnen, sagte die für das Hochbauamt zuständige Stadträtin Astrid Eibelshäuser.

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