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Stadt Gießen kämpft um Mitarbeiter – Zahl der "aktiven Kündigungen" steigt

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Gießen wächst, und das Rathaus muss mitwachsen. Aber das ist gar nicht so einfach, denn auch die Stadt kämpft mit anderen Arbeitgebern um Fachkräfte. Die Zahl der "aktiven Kündigungen" steigt.

Eine Kindergartenleiterin wird gesucht, mehrere Erzieherinnen, Stadtplaner oder ein Wohnungswirtschaftler. Die Liste mit den Stellangeboten, die die Stadt Gießen fortlaufend veröffentlicht, ist in den letzten zwei Jahren wieder länger geworden. Nachdem die Stadt aufgrund der Sparpolitik unter dem Schutzschirm jahrelang nur sehr begrenzt Neueinstellungen vornehmen konnte, sind jeweils rund 60 zusätzliche Stellen im vergangenen und diesem Jahr geschaffen worden, die Zahl stieg auf über 950, vor vier Jahren waren es noch 830. Derzeit sucht die Stadt – wie berichtet – sogar eine Liegenschaft für rund 100 Mitarbeiter, weil das Rathaus zehn Jahre nach der Eröffnung aus allen Nähten platzt.

Aber so einfach, wie sich der gewünschte Personalaufbau im Haushaltsplan abbildet, geht er nicht vonstatten. Denn auf der anderen Seite hat die Stadt Probleme, Mitarbeiter zu halten. Von einer "massiv fortschreitenden Verrentungs- und Pensionierungwelle" und einer "steigenden Zahl aktiver Kündigungen und Versetzungsanträgen" ist im jüngsten Rundschreiben des Personalrats die Rede, Arbeitsverdichtung und Aufgabenzuwachs führten zudem zu einer "steigenden Zahl an Überlastungsanzeigen".

Es trifft zu, dass wir eine höhere Zahl an Kündigungen und Versetzungsanträgen hatten

Stadt-Sprecherin Claudia Boje

Der Magistrat bestätigt auf Anfrage die Darstellung der Mitarbeitervertretung. "Es trifft zu, dass wir eine höhere Zahl an Kündigungen und Versetzungsanträgen hatten. Dies ist außer bei dem altersbedingten Ausscheiden auf im vergangenen Jahr vorhandene attraktive Jobangebote sowohl in der freien Wirtschaft als auch im öffentlichen Dienst zurückzuführen", erklärt Stadt-Sprecherin Claudia Boje.

Die Gründe für einen anderen Arbeitgeber seien zumeist außer besseren Verdienstmöglichkeiten die Wohnortnähe oder den Interessen mehr entsprechende Stellenangebote. Boje: "Wir bilden sowohl über Bedarf aus und qualifizieren auch entsprechend fort, sodass wir auch über für andere Arbeitgeber interessante Mitarbeiter verfügen." Überlastungsanzeigen rührten häufig von einem Arbeitszuwachs oder von nicht besetzten Stellen her. Der oben erwähnte Personalaufbau habe aber auch schon zu einer Entspannung geführt.

Wohnortnähe ist Hauptgrund

Die aktiven Kündigungen beträfen im Grund alle Verwaltungsbereiche, sagt die stellvertretende Personalratsvorsitzende Anne Rosenkramz-Bach: "Das geht vom Architekten bis zur Kindergärtnerin." Der häufigste Grund seien keineswegs bessere Verdienstmöglichkeiten, sondern die Wohnortnähe. Die Kolleginnen und Kollegen fänden woanders jetzt leichter einen adäquaten Job, denn auch in anderen Stadt- und Gemeindeverwaltungen zum Beispiel im Marburger und Wetzlarer Raum würden Positionen durch die Verrentungswelle frei. "Als wir die Einführung des Jobtickets für den Bereich der Gießener Stadtverwaltung vorbereitet haben, ist uns erst einmal richtig aufgefallen, wie weit weg von Gießen doch viele Mitarbeiter wohnen", sagt Rosenkranz-Bach. Die Abwanderung in die freie Wirtschaft komme dagegen seltener vor und betreffe vornehmlich technische Bereiche.

Auch aus Sicht des Personalrats wirken die harten Jahre unter dem Schutzschirm nach, zumal die Stadt gerade in diesen Jahren gewachsen sei. Die Stadtverwaltung sei personell für eine Einwohnerzahl ausgestattet, die um 20 000 Einwohner unter der tatsächlichen liege, erläutert Rosenkranz-Bach.

An der Spitze der Stadt verspricht man sich durch die Neubesetzung der Abteilungsleitung Personalentwicklung einen wichtigen Beitrag zur "aktiven Mitarbeiterbindung", um damit der Überalterung der Belegschaft vorzubeugen. Der Personalrat hat auch das Potenzial der ausscheidenden Kollegen und Kolleginnen im Blick und regt "Kompetenzsicherung sowie Wissenstransfer jenseits der Altersgrenze" an.

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