Ob Graffiti, Aufkleber, Plakate oder selbst gemalte Bilder, politische Street-Art in Gießen ist bunt und vielfältig. Zeichnungen mit weiblichen Vorbildern, wie zum Beispiel die von Astrid Lindgren in der Bildmitte, stammen von Aika und ihren Mitstreiterinnen vom "Stadtpirat!n Kollektiv".	BILD: SEG
+
Ob Graffiti, Aufkleber, Plakate oder selbst gemalte Bilder, politische Street-Art in Gießen ist bunt und vielfältig. Zeichnungen mit weiblichen Vorbildern, wie zum Beispiel die von Astrid Lindgren in der Bildmitte, stammen von Aika und ihren Mitstreiterinnen vom »Stadtpirat!n Kollektiv«. BILD: SEG

Streetart

Die Stadt Gießen bunter machen

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Manche Streetart-Künstler gehen nachts vor die Tür. Eine Konfrontation mit der Polizei möchten sie vermeiden. Aika vom »Stadtpirat!n Kollektiv« erzählt, warum sie dennoch Bilder an Wände klebt.

Ob die Aufkleber einer örtlichen Antifa-Gruppe, ein »I can’t breath«-Graffito an einem alten Wohnwagen oder ein Spruchband »Eure Krise nicht auf unserem Rücken« unter einer Brücke - politische Streetart findet man in Gießen an fast jeder Ecke. Aber wer macht so etwas und warum? Aika vom »Stadtpirat!n Kollektiv« gibt einen kleinen Einblick in eine ansonsten eher verschlossene Szene.

Ihren echten Namen will die junge Frau nicht verraten. Sie weiß, dass sie Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn jemand herausfände, dass sie diese Bilder in der Stadt aufhängt. »Was wir machen, das bewegt sich zwischen Grauzone und Illegalität«, sagt sie. Deswegen bringt sie die kleinen Kunstwerke auch lieber im Schutz der Dunkelheit an.

Weibliche Vorbilder sichtbar machen

Eines ihrer Bilder findet man zum Beispiel an der Ricker’schen Buchhandlung am Ludwigsplatz. Die Kollage zeigt ein gezeichnetes Portrait von Astrid Lindgren, verziert mit Blumen und dem Spruch: »Die Welt braucht mehr Räubertöchter und weniger Prinzessinnen.« Die Reihe, in der dieses Bild entstanden ist, nennen die Künstlerinnen »Voice of Venus«, auf Deutsch: Stimme der Venus. Aika erklärt, dass ihre Gruppe mit dieser Reihe weibliche Vorbilder sichtbar machen wolle. Da ihre Bilder mitten in der Stadt hängen, würden sie so viel Aufmerksamkeit erreichen.

Die Künstlerin erzählt, dass sich das »Kollektiv Stadtpirat!n« aus Teilen ihres Freundeskreises gebildet habe. »Wir wollten zuerst einfach die Stadt bunter machen. Die Idee, politische Bilder zu machen, kam danach.« In Mainz und Gießen, den Städten in denen sie aktiv sind, gebe es viele graue und langweilige Nachkriegsgebäude. Die wollen wir schöner machen, sagt Aika. Aus dieser Motivation sei auch der Name des Kollektives entstanden. Sie erläutert: »Wir nennen uns ›Stadtpirat!n‹, weil wir die leeren Wände der Stadt kapern wollen.«

Kunst - Ja oder Nein?

Mit dem Begriff »Kunst« tut sie sich dabei aber schwer. Aika sagt: »Das klingt so hochgestochen, wir machen ja nur kleine Bilder.« Wenn sie dann aber erzählt, wie sie die Frauen aussuchen, sich Gedanken um die Farben und die Kompositionen ihrer Kollagen und schließlich die passenden Standorte im öffentlichen Raum machen, fällt es schwer zu glauben, dass es keine Kunst sein soll.

Illegal angebrachte Streetart hat aber nicht nur Freunde - das weiß auch Aika. Sie sagt: »Natürlich, wenn jemand es nicht gut findet, dass wir Wände bekleben, dann kann das auch negativ auf die Botschaft hinter unseren Bildern zurückfallen.«

Um nicht zu großen Ärger zu provozieren, seien ihre Bilder nur aus Papier und der Kleister nur aus natürlichen Rohstoffen, sagt die Künstlerin.

Erfahrungen in Sachen Streetart habe aus dem Kollektiv vorher niemand gehabt. Aika erklärt, dass sich ihr Bezug dazu aber geändert habe. Sie erzählt, sie gehe jetzt ganz anders durch die Straßen, und ihr fallen Graffiti und Aufkleber viel mehr auf. »Wir werden immer mehr zu Streetart-Fans.«

Das »Stadtpirat!n Kollektiv« hat aber auch selbst eine ganze Reihe von Fans gewinnen können. Dazu zählt zum Beispiel Pro Familia Rheinland-Pfalz. Aika erzählt, dass sie zum »Safe Abortion Day«, einem Aktionstag für sichere Abtreibungen, Postkarten für Pro Familia entwerfen sollten. Auch über soziale Medien (instagram.com/stadtpiratin_kollektiv) würden sie viele positive Rückmeldung bekommen.

Die junge Frau erinnert sich mit einem Lachen. »Wir konnten es am Anfang gar nicht fassen, dass uns tatsächlich Leute anschreiben, weil sie unsere Bilder toll finden«, sagt Aika.

Fundorte in Gießen

Neben dem Bild an der Wand rechts neben der Rickerschen Buchhandlung (Schriftstellerin Astrid Lindgren) findet man weitere Werke des »Kollektivs Stadtpirat!n« zum Beispiel an einem Laternenmast vor dem Uni-Hauptgebäude (Rapperin Sookee), auf einem Briefkasten am Ludwigsplatz (Schauspielerin Emma Watson) oder am alten Straßentelefon neben der Brücke an der Kongresshalle (Philosophin Hannah Arendt). Da die Bilder aus Papier sind, lässt sich bei einigen das ursprüngliche Motiv nur noch erahnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare