Porträt

Staatsanwalt Hauburger: Ein Mann für ungeklärte Kriminalfälle

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Bisher unaufgeklärte Fälle reizen Thomas Hauburger. Der Gießener Staatsanwalt nutzt moderne Ermittlungsmethoden und löst zusammen mit der Polizei spektakuläre Altfälle.

M it dem Ende von Elise Weidmann fing für Thomas Hauburger alles an. Die Rentnerin aus Grebenhain im Vogelsberg war vermisst worden. Niemand wusste, ob und was mit ihr passiert war. Sie hatte keine Angehörigen, sondern nur eine Frau, von der sie gepflegt wurde. Nach dem Tipp einer Gemeindemitarbeiterin stellte Hauburger als Staatsanwalt gemeinsam mit den Ermittlungsbeamten die These auf, dass die extrem pflegebedürftige Weidmann nicht mehr am Leben sein konnte. Im Juni 2014 klingelte Hauburger mit zwei Polizisten bei der Pflegerin. Er vernahm sie, bis sie schließlich gestand, dass Weidmann seit Januar 2005 tot war. Sie hatte die alte Dame einfach im Garten vergraben, Tomaten über dem Leichnam gepflanzt und jahrelang deren Rente kassiert. Im Prozess wurde die Angeklagte wegen gewerbsmäßigem Betrug zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt.

Mord verjährt nicht

Vier Jahre später sitzt Hauburger in seinem Büro an der Marburger Straße in Gießen und lässt die Ermittlungen noch einmal Revue passieren. "Damals habe ich gemerkt, dass es immer Fälle gibt, bei denen man noch ein bisschen mehr machen kann." Er könne nicht akzeptieren, dass gerade bei Tötungsdelikten Akten zur Seite gelegt werden. "Mord", sagt er, "verjährt nie."

Der 37-Jährige hat sich deshalb einen Namen als Mann für die "Cold Cases" gemacht, für ungeklärte Fälle aus der Vergangenheit. So hat er den Fall Johanna wieder aufgerollt – gestern wurden die Plädoyers gehalten (Kasten). Auch den zuerst für einen Unfall gehaltenen Mord an einem türkischen Geschäftsmann in der Wetterau 1997 hat er wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

Hauburger ist Strafrechtler durch und durch. Bereits im ersten Semester seines Jurastudiums in Marburg fing der gebürtige Rheinland-Pfälzer an, sich für Kapitalverbrechen zu interessieren. "Es sind Sachverhalte zum Anfassen, und die Fälle ziehen sich durch alle soziale Schichten", sagt Hauburger, der komplizierte juristische Sachverhalte verständlich und vor allem eloquent erklären kann. Das zeigen zum Beispiel seine Auftritte in der ZDF-Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst".

2011 fing Hauburger in Gießen als Staatsanwalt in der Abteilung für Betäubungsmittel an. Bereits zwei Jahre später wurde er Dezernatsleiter für Tötungsdelikte. "Dort sind die Ermittlungen intensiv und umfangreich", sagt er. "Man erhält Einblicke in menschliche Abgründe, aber auch in viele Fachbereiche wie Rechtsmedizin, Psychiatrie oder Unfallanalysen." Im Mittelpunkt steht für Hauburger immer der Rechtsfrieden. "Ich bin überzeugt, dass solche Delikte aufgeklärt werden müssen", sagt er. "Denn hinter den eigentlichen Opfern gibt es weitere Opfer: Familienangehörige, Freunde."

Natürlich, sagt er, könnten die Ermittlungen bei solchen Straftaten belastend sein. Hauburger ist aber professionell genug, diese Abgründe nicht zu nah an sich heranzulassen. "Man muss abstrahieren können", sagt er. Ihm hilft auch, dass er vor seinem Studium zehn Jahre lang als Rettungsassistent gearbeitet und medizinische Grundkenntnisse hat.

Vor allem Altfälle bedeuten für Staatsanwälte und Polizisten eine besondere detektivische Herausforderung. Hauburger beschreibt sie als "Zeitreise, bei der man sich in die Situation des Opfers und des Täters hineinversetzt". Die Ermittler haben einen Vorteil gegenüber ihren Kollegen, die den Fall vor Jahren oder Jahrzehnten bearbeitet hatten: Sie haben Ermittlungsinstrumente der Moderne an der Hand. Beim Fall Johanna waren zum Beispiel die beim beschuldigten Rick J. gefundenen Faserspuren und Fingerabdrücke mit ausschlaggebend für den Fahndungserfolg.

Unverstellter Blick

Genauso wichtig ist der erste Schritt: Akten studieren und digitalisieren – mit unverstelltem Blick. Dafür braucht es vor allem Zeit und Personal. Im Fall Johanna waren es über 200 Aktenbände. "Der Vorteil eines neuen Kollegen: Er hat keinen Tunnelblick und kann Verbindungen zu anderen Fällen erkennen", sagt Hauburger. Als Kritik an den früheren Ermittlern will er das nicht verstanden wissen. Im Gegenteil: "Es geht nicht darum, eine Revision eines Falles zu machen", betont er. Vielmehr müssten Fehler aufgearbeitet werden, um anschließend daraus zu lernen. "Selbstkritik", sagt der Staatsanwalt, "ist essenziell in diesem Beruf."

Hauburger hat sich mittlerweile bundesweit einen Namen gemacht. Auch überregionale Medien haben über ihn berichtet, unter anderem die Süddeutsche Zeitung. Fragt man den Staatsanwalt, wohin ihn sein Weg noch führen soll, überlegt der 37-Jährige kurz. Dann sagt er: "Meine Ambition ist es, in den nächsten Jahren die Sachbearbeitung von Tötungsdelikten weiter zu professionalisieren." Den nicht gefassten Mördern, Räubern und Betrügern sollte spätestens jetzt Angst und Bange werden.

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