Diese Ansichtskarte zeigt den Blick aus der Südanlage mit einer Brücke über den Schorgraben. Die Aufnahme zeigt die heutigen Häuser "An der Johanniskirche 4, 5, 6" und ist zwischen 1913 bis 1918 zu datieren. FOTO: STADTARCHIV/SAMMLUNG SCHMIDT
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Diese Ansichtskarte zeigt den Blick aus der Südanlage mit einer Brücke über den Schorgraben. Die Aufnahme zeigt die heutigen Häuser "An der Johanniskirche 4, 5, 6" und ist zwischen 1913 bis 1918 zu datieren. FOTO: STADTARCHIV/SAMMLUNG SCHMIDT

Spurensuche im Alten Gießen

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Gießen(gl). Immer wieder stoßen Zeitungsberichte über das Gießen vergangener Zeiten auf reges Interesse in der Leserschaft. Schließlich ist nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg vom alten Gießen im heutigen Stadtbild nur noch wenig übrig geblieben. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass sich ein gutes Dutzend Leserinnen und Leser in der Redaktion gemeldet haben, die bei der Auflösung des Rätsels um den alten Schorgraben an der Ostanlage, aufgeworfen durch einen Bericht über ein Bild von Hein Heckroth in der Gemäldesammlung des Alten Schlosses, als Zeitzeugen weiterhelfen konnten.

Dort hatte es geheißen, der Graben an der Ostanlage sei wohl schon in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts verfüllt worden. Peter Eschke, Jahrgang 1949 und unter anderem als Vorsitzender der Bürgerinitiative Historische Mitte Gießen bei Bildern und Berichten aus Alt-Gießen kundig, widersprach. Seiner Erinnerung nach sei der Schorgraben in der Ostanlage in seiner Kindheit noch nicht zugeschüttet gewesen. "In meinen frühesten Erinnerungen aus den Fünfzigerjahren war der Graben noch so beschaffen gewesen, wie ihn Hein Heckroth 1924 gemalt hat: Brücken in der Diezstraße und der Senckenbergstraße", hatte Eschke berichtet.

Und die Vielzahl der Leserzuschriften berichtet Ähnliches. In den Stadtplänen von Gießen sei zumindest bis 1960 an der besagten Stelle ein offenes Fließgewässer dargestellt, schreibt etwa Hans-J. Weiser aus Heuchelheim. Und fügt auch gleich noch einen Auszug aus dem Stadtplan von 1960 (bearbeitet durch das Stadtvermessungsamt Gießen) bei. Bernd Strauch erinnert sich noch genau, dass der Schorgraben an der Ostanlage frühestens Mitte der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts verfüllt wurde, zumal in dieser Zeit der Straßenausbau erfolgte. "Zwischen Neuen Bäue und dem Haus Ostanlage 18 war das Rinnsal des Schorgrabens zu sehen. Brücken gab es an der Diezstraße und an der Senckenbergstraße; Reste der verfüllten Brücken ließen sich noch lange erkennen."

Und er erinnert sich auch noch an die Oktroihäuschen, also die einstigen Stadtzollstuben. "Jeweils zwei standen an den vier ehemaligen Toren der Innenstadt. Die am Walltor und am Neuenweger Tor stehenden Häuschen erlitten Totalschaden im Kriege. Am Selterstor fielen sie der Umgestaltung des Platzes 1939/40 zum Opfer. Das schwer beschädigte linke Häuschen am Neustädter Tor diente als Bahnhofsgebäude der Biebertalbahn in der Rodheimer Straße bis 1952, während das erhalten gebliebene rechte Häuschen bis etwa 1965 als Wohnhaus genutzt wurde, bevor es beim Straßenausbau verschwand."

Und auch Jürgen Seim, Jahrgang 1948, ist sich sicher, dass der Graben im Bereich Ostanlage noch bis in die Fünfzigerjahre offen war. "Ich war später sehr verwundert, dass dieser Graben zugeschüttet wurde, da es eines der wenigen Bauwerke mit geschichtlichem Hintergrund war, die es in Gießen noch gab, und es nicht nur in meinen Augen keinen besonderen Grund für dessen Beseitigung gab."

Verfüllt erst Mitte der Sechzigerjahre

Dr. Werner Schmidt hat eigens alte Stadtpläne angesehen und nachgeprüft, bis zu welchem Zeitpunkt der Schorgraben in der Ostanlage als offener Graben eingezeichnet wurde. Hier werde der Schorgraben bis 1959 in diesem Bereich immer als offener Graben gezeigt. Beim Plan von 1965 sei er erstmals als ein Weg eingezeichnet. "Die Logik würde dann also auf ein Verrohren Anfang der Sechzigerjahre schließen lassen", meint Schmidt und ergänzt, dass die meisten Schorgräben in der Innenstadt hingegen wohl zwischen 1907 und 1910 verrohrt worden seien.

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