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Spuren des Gedenkens

  • vonDagmar Klein
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Die Schlacht von Sedan fand am 1. und 2. September 1870 im Deutsch-Französischen Krieg in Sedan, einer Stadt im Département Ardennes statt. In Gießen finden sich 150 Jahre danach zahlreiche Spuren des Gedenkens an die Toten dieses Krieges.

Das 19. Jahrhundert war von Kriegen mit wechselnden Koalitionen durchzogen. Angetrieben von der fortschreitenden Entwicklung der Waffentechnik starben immer mehr Menschen, sodass zu den Berufssoldaten große Freiwilligenheere kamen, für die der Tod auf dem Schlachtfeld zum Heldentod glorifiziert wurde. Die konsequente Nutzung der neuen Medien, Eisenbahn und Telegraphie, vor allem durch den preußischen General Moltke, machten die Kriegsführung immer effizienter und damit auch grausamer. Die Gründung des Roten Kreuzes 1863 und Professionalisierung der Verwundetenpflege waren die Folge.

Der Krieg, der in Deutschland deutliche Erinnerungsspuren hinterließ, ist der gegen Frankreich 1870/71. Deutschland ging als Sieger hervor. Es folgte die Gründung des deutschen Staates unter Führung von Preußen, im Spiegelsaal von Versailles. Größer hätte die Demütigung Frankreichs kaum sein können. Der Politikstratege war Otto von Bismarck. Frankreich musste Elsass-Lothringen abtreten und immense Reparationszahlungen leisten. Die deutsche Wirtschaft boomte, die Gründerzeit begann.

Kriegerdenkmal vor dem Alten Rathaus

Bismarck-, Wilhelm- und Moltke-Straße erinnern auch in Gießen an die Staatslenker und Schlachtenführer. Mancherorts gibt es noch Sedanstraßen, die an die Schlacht vom 2. September 1870 in Sedan erinnern, die Deutschland kriegsentscheidend gewann. In den Jahrzehnten danach wurde der Sedan-Tag gefeiert, ohne allerdings offizieller Feiertag zu sein. Der nationale Rausch führte gegen Ende des Jahrhunderts zu neuer Blüte in den Bismarck-Türmen, die vielerorts errichtet wurden und bis heute als Aussichtstürme dienen; auch in Gießen auf der Hardt.

In dieser späten Phase wurden auch noch innerstädtische Sieges-Denkmäler errichtet. In Gießen erfolgte am 10. Mai 1900 die feierliche Enthüllung des Krieger-Denkmals mit Brunnen vor dem alten Rathaus auf dem Marktplatz, mit Ehrengästen und unter großer Beteiligung der Bevölkerung. Der Künstler hieß Ludwig Habich und machte später auf der Darmstädter Mathildenhöhe von sich Reden. Von diesem Denkmal zeugen heute nur noch Ansichtskarten, da es Ende des Zweiten Weltkriegs bombardiert wurde.

Außerdem kamen 1900 zwei große Bronzetafeln mit den Namen der Opfer aus Gießen dazu, die in den offenen Arkaden des alten Rathauses am Marktplatz hingen. Auch das Rathaus wurde 1944 bombardiert, das Erdgeschoss mit den Arkaden blieb stehen. Eine Zeitungsnotiz berichtet von der Verurteilung der Diebe, die Ende 1950 versucht hatten eine der Bronzetafeln zu stehlen. Dabei fiel die Tafel auf den Boden und zersprang, die Diebe wurden gefasst. Der Textinhalt dieser Gedenktafel ist nicht überliefert.

Die zweite Bronzetafel blieb erhalten und wurde nach den Aufräumarbeiten am Kirchenplatz an der Außenwand des Stadtkirchenturms befestigt. Von dort verschwand sie wieder, als 1994 der Gedenkstein für die Gießener Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs aufgestellt wurde, der zuvor an der Südanlage stand. In den Folgejahren verstaubte die historische Bronzetafel im Depot des Friedhofs, bis sie 2015 einen würdigen Platz im Arkadengang auf dem Rodtberg-Friedhof fand.

Der dreiseitig umlaufende Schriftzug der Gedenktafel besagt: "Seinen Kämpfern / Im Feldzug 1870-1871 / Das dankbare Giessen". Im Mittelteil sind die Namen und Dienstgrade genannt, der bekannteste Tote ist Georg Gail, ältester Sohn des Gießener Zigarrenfabrikanten Carl Gail. Fast alle Genannten wurden in der Schlacht bei Gravelotte verwundet, starben entweder schon auf dem Schlachtfeld oder später im Lazarett. Sie gehörten verschiedenen hessischen Regimentern an. Im Botanischen Garten gibt es noch einen Gedenkstein für zwei Studenten der Universität, die zu den Kriegsfreiwilligen gehörten.

Gießen als Garnisonsstadt

Als Garnisonsstandort war die Bevölkerung Gießens immer mitbetroffen. Im September 1868 war das zweite hessische Regiment zurückgekehrt, die Soldaten des 1. Bataillons zogen in das eigens renovierte Zeughaus und in zwei Baracken auf dem Hof dahinter, die des 2. Bataillons wurden in Privatquartieren untergebracht, was gut honoriert wurde. Diese beiden Bataillone, zusammen 1600 Mann, zogen am 25. Juli 1870 in den Feldzug gegen Frankreich. Fast keiner kehrte zurück.

Die neue Eisenbahn brachte die Soldaten schnell an die Front und die Verwundeten, sofern sie transportfähig waren, schnellstmöglich ins Hinterland, wo sie in Lazaretten gepflegt wurden. Dort waren es in der Mehrzahl freiwillige Laien-Pflegerinnen, die "ihre vaterländische Pflicht" leisteten. In Gießen gab es zu dieser Zeit die erste Uni-Klinik an der Universitätsstraße (heute Liebigstraße), im ursprünglich als Kaserne errichteten Gebäude. Dazu kamen eigens errichtete Zelte, die auch jenseits des Bahnübergangs (Frankfurter Straße) auf dem Gelände der (ersten) katholischen Kirche standen.

Die im Lazarett Gestorbenen wurden auf dem Alten Friedhof bestattet, auf zwei Feldern, die neben dem jüdischen Teil liegen. Der Eingang war von der Grünanlage an der Licher Straße aus, etwa in der Mitte hoch zum Lutherberg. Der Friedhof hatte noch nicht die Ausmaße wie heute. Heute ist nur noch eine Wiese vorhanden, die Gräber und Grabkreuze wurden nach Kriegsende abgeräumt, wegen Bombentreffern.

Im ersten Denkmalbuch für Gießen (1938) beschreibt Heinrich Walbe noch folgendermaßen: "Stimmungsvoll aber ist der Ehrenfriedhof für die im Krieg und nach dem Krieg 1870/71 in Gießener Lazaretten verstorbenen 70 Deutschen und 15 Franzosen."

Ein historisches Glasplattenfoto aus dem Stadtarchiv vermittelt einen guten Eindruck und zeigt vorn die beiden Denkmäler, die bis heute dort stehen: der mit Waffen-Ornamenten geschmückte Obelisk für die deutschen Soldaten, den die Stadt Gießen beauftragte, und das gusseiserne Kruzifix, das die französischen Soldaten für ihre Kameraden errichteten.

Eine private Erinnerungstätte auf dem Alten Friedhof ist das Gail’sche Grab an der Südmauer. "Gatten- und Elternliebe" errichteten das mit prachtvollen Skulpturen und Reliefs des Bildhauers Friedrich Küsthardt geschmückte Grab. Anlass war der Tod von Georg Gail, der als Offizier verwundet wurde und im Feldlazarett starb. Die Darstellung des Toten in Offiziersuniform wurde vor etwa zehn Jahren geschändet, als ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Für Georg Gail gibt es also zwei Denkmäler, das Familiengrab auf dem Alten Friedhof und die städtischen Bronzetafel in den Gruft-Arkaden des Rodtberg-Friedhofs.

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